Klein: Idomeneo, die Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. Idomeneo, der kretische König, der aufbegehrt, gegen die Götter, die von ihm verlangen, seinen Sohn zu opfern. Idomeneo, die Inszenierung von Hans Neuenfels an der Oper Berlin, mit abgeschlagenen Köpfen der großen Religionsbegründer. Protest im Saal hatte es auch bei Jesus gegeben, doch christliche Proteste waren nicht der Anlass dafür, dass die Oper nun abgesetzt wurde, sondern die Warnungen des Landeskriminalamtes Berlin vor möglichen empörten Reaktionen auf muslimischer Seite. Kaum jemand konnte gestern die Entscheidung der Intendantin nachvollziehen, sie wird allerdings wohl den Diskussionen auf der Islamkonferenz heute eine weitere Frage hinzufügen: Wie weit müssen wir die Freiheit der Kunst in unserem Land aufgeben, um die Gefühle der Muslime hierzulande und anderswo nicht zu verletzten. Das Unverständnis gestern ging nahezu quer durchs politische Spektrum, Polizeipräsident und Kultursenator von Berlin stellten sich allerdings hinter die Intendantin und halten die Absetzung der Oper für verantwortungsvoll. Kirsten Harms selbst weißt darauf hin, wenn sie die Warnung ignoriert hätte und es wäre etwas passiert, so Frau Harms, dann hätte ihr jeder vorgeworfen, sich einfach über die Warnungen hinweggesetzt zu haben. Über die Fragen, die sich in diesem Kontext stellen, auch vor dem Hintergrund des heute beginnenden Islamgipfels in Berlin, möchte ich jetzt sprechen mit dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, mit Norbert Lammert, CDU. Guten Morgen, Herr Lammert.

Lammert: Guten Morgen, Frau Klein.

Klein: Zunächst einmal die Frage: Halten Sie die Entscheidung für richtig?

Lammert: Nein, ich halte sie selbstverständlich auch nicht für richtig. Aber das hat nun eigentlich nahezu jeder kritisiert, wobei ich mir manchmal wünschen würde, dass die Grundsatztreue, die da jetzt in dieser Kritik zum Ausdruck kommt, die ja fast schon den Charakter einer Klassenkeile angenommen hat, früher in der öffentlichen Diskussion deutlicher geworden wäre.

Klein: Wo haben Sie die vermisst, diese Grundsatztreue?

Lammert: Wir haben ja den letzten, vergleichsweise auffälligen Vorgang im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit gehabt. Und es kann leider keine Rede davon sein, dass es in dieser Gesellschaft ein ganz selbstverständliches, gemeinsames Aufbäumen zugunsten des Prinzips von, in diesem Fall Pressefreiheit gegeben hätte. Sondern es hat sich inzwischen, im Laufe der letzten Monate und Jahre, ein Reflex entwickelt, dass bei heftigem Anmelden von Protesten eher Einknicken als Standhaftigkeit das typische Verhaltensmuster geworden ist.

Klein: Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb das jetzt anders ist?