Engels: Seit Jahren wurde darum gestritten, jetzt ist es in Kraft: das Dosenpfand. Seit gestern muss auf die meisten Getränkedosen und Einwegflaschen aus Glas oder Plastik ein Pfand von 25 Cent beim Händler gezahlt werden. Dagegen gab es ja lange Zeit Proteste und Klagen von Getränkeproduzenten, Dosenfabrikanten und Einzelhändlern. Kurz vor Weihnachten einigte man sich dann mit Bundesumweltminister Trittin darauf, dass bis zum Oktober ein bundeseinheitliches Rückgabesystem eingerichtet wird. Am Telefon ist nun Holger Wenzel. Er ist Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels. Guten Morgen, Herr Wenzel. Wenzel: Guten Morgen, Frau Engels! Engels: Wie soll das denn ab heute gehen? Einerseits soll Pfand gezahlt werden, aber ein Rücknahmesystem, das bundeseinheitlich läuft, soll es erst im Herbst geben. Wenzel: Ja, es muss und wird auch irgendwie gehen. Es wird vielleicht ein bisschen holprig sein. Und es wird sicherlich ein paar weniger Dosen geben, aber nur solange, bis das einheitliche Rücknahmesystem steht. Diejenigen, die vor Weihnachten Dosen gesammelt und gehortet haben und möglicherweise auf einem Berg von Einwegverpackungen sitzen, um sie heute zurückzugeben, haben allerdings Pech gehabt. Denn im Moment kann nur jeder Händler das zurücknehmen, was er auch verkauft hat. Anders geht es zur Zeit nicht. Engels: Die Nachrichtenagenturen melden, dass es gestern an vielen Kiosken und Tankstellen bereits Verwirrung und Ärger gab. Teils werden im Moment Pfandmarken ausgegeben, teils wird noch gar kein Pfand erhoben. Wie sind denn Ihre Einzelhändler vorbereitet? Wenzel: Unsere Einzelhändler, nicht nur die großen, sondern auch die mittleren und kleinen sind durch die Bank darauf vorbereitet, dass sie den Pfandbetrag, den jemand einbezahlt hat, auf dem Kassenbon vermerken und dann die Dose nur gegen diesen Bon zurücknehmen. Wenn es im Einzelfall Schwierigkeiten gibt, das war ja auch bei der Einführung des Euro so, dann werden die aber ganz schnell gelöst sein. Man wird aber zunächst einmal mit dieser Übergangslösung leben. Engels: Hätte man diese Einigung, die man kurz vor Weihnachten erzielt hat, also erst ab Herbst das einheitliche Rücknahmesystem einzurichten, nicht viel früher haben können? Wenn man jetzt die Verbraucher dafür bestraft, dass sich Verbände und Politik nicht rechtzeitig geeinigt haben, dann wird man ja wenig Verständnis beim Kunden wecken. Wenzel: Ja, der Kunde trägt da sicherlich etwas auf seinem Buckel. Aber man kann ja nicht dem Handel vorwerfen, dass er den Rechtsweg ausgeschöpft hat. Das ist einfach legal. Uns zu sagen, wir hätten früher beginnen müssen, bevor die letzte juristische Klarheit besteht, ist sicherlich keine gutes Argument. Abgesehen davon, und das zeigt sich ja seit gestern, ist diese Verpackungsordnung einfach in sich unlogisch. Sie wird Verwirrung und Chaos bringen, schon alleine dadurch, wie sie gestrickt ist und nicht nur dadurch, dass es bis Oktober kein einheitliches System geben wird. Engels: Nun wirft ja umgekehrt die Bundesregierung den Verbänden vor, man hätte sich durchaus früher einigen können, wenn nicht die Verbände versucht hätten, bis zuletzt diesen juristischen Weg zu gehen. Wenzel: Ja, wer Herrn Trittin kennt, der weiß, wie eine solche Einigung ausgesehen hätte. Wir halten es nicht für den richtigen Weg, das zu tun, was wir für ökonomisch und ökologisch unsinnig halten. Die Argumente sind ja dieselben, die haben sich ja nicht geändert. Das einheitliche System wird ohnehin genug kosten. Auch die Kosten insgesamt werden durch die Einführung des Dosenpfandes nicht weniger. Wir liegen deutlich über eine Milliarde Euro, wenn das kompliziert und technisch hochstehend so kommt. Auch der Betrieb wird teuer werden. Also der Verbraucher muss es ohnehin bezahlen. Der Nutzen für die Umwelt wird relativ gering sein. Aber die Bundesregierung hat es so gewollt. Der deutsche Handel will nicht und ist nicht in der Lage, hier als Michael Kohlhaas hier gegen die Politik anzurennen. Das hat keinen Sinn. Deswegen machen wir gute Miene zum bösen Spiel. Engels: Sie haben es eben angedeutet. Chaos herrscht ja derzeit, welches Dosengetränk ein Pfand bekommt. Für Cola gilt zum Beispiel ein Pfand, für das Mischgetränk Whisky-Cola dagegen nicht. Jürgen Trittin hat deswegen schon eine Novellierung angekündigt. Ziehen Sie mit oder klagen Sie wieder? Wenzel: Es muss ja keine Klage sein. Wenn ein Gesetz novelliert wird, dann setzt man sich zusammen und redet miteinander. So sind wir immer bereit gewesen, auch in der Vorphase und während der ganzen Zeit. Aber aus dem Bundesumweltministerium kamen keine Signale, das zu tun. Wie Herr Trittin dieses Dosenpfand ursprünglich einführen wollte, war genauso schlimm wie das, was wir heute haben. Das ist sicherlich nicht der richtige Weg. Wir werden uns zusammen setzen und sind selbstverständlich gesprächsbereit. Man muss dann aber auch wirklich darüber nachdenken, was ökologisch sinnvoll ist und was nicht. Man muss sich dann jede einzelne Getränkeverpackung anschauen und sich fragen, ob eine Einweg-Plastikflasche nicht sinnvoller und nützlicher ist als eine Einweg-Glasflasche. Solange es da keine vernünftigen Bilanzen drüber gibt, und das hätte das Umweltministerium in der Zwischenzeit mal nutzen sollen, wird es wohl nicht so werden, wie es für die Umwelt und Wirtschaft sein sollte. Engels: Die Novellierung geht ja eigentlich, wenn sie so kommt, in die Richtung, wie Sie es denken. Eigentlich sollen danach, so hört man aus dem Ministerium, alle ökologisch nachteiligen Getränkeverpackungen bepfandet werden. Das wäre doch eigentlich der richtige Schritt. Wenzel: Ja, das ist genau der Ansatz, den wir wieder befürchten. Es soll alles, was nicht ökologisch sinnvoll ist, bepfandet werden. Das entscheidet das Ministerium. Das entscheiden nicht wirklich unabhängige neutrale Gutachter. Also, wenn es in die Richtung geht, das alles zu bepfanden, was ökologisch sinnlos ist, sind wir sofort dabei. Nur dies allein kann nicht die Entscheidung eines Umweltministeriums sein. Engels: Andere Experten sagen ja auch eine mögliche andere Lösung voraus, denn viele Supermärkte haben ihr Dosenkontingent bereits jetzt abgebaut. Kommt vielleicht das Ende der Dose? Wenzel: Das kommt mit Sicherheit nicht. Davon bin ich überzeugt, denn die Dose ist nach wie vor etwas Sinnvolles für den Verbraucher. Auch in Ländern, wo es eine Art Pfandsystem gibt, zum Beispiel in den USA oder in Schweden, was gar nicht mit unserem technisch hochwertigen System vergleichbar ist, läuft das System ganz anders. Das Ende der Dose wird nicht kommen. Ich bin überzeugt davon, dass Einweg zulegen wird, wenn wir dieses einheitliche System haben, weil der Verbrauch es eigentlich will und akzeptiert. Denn dieses System ist schon bequem. Das, was Minister Trittin jetzt errungen hat, ist ein Pyrrhus-Sieg. Mehrweg wird mit Sicherheit nach der Einführung des Systems zurückgehen. Engels: Was raten Sie dem Verbraucher, wenn er heute in den Supermarkt geht? Wenzel: Ja, wenn er auf die Bequemlichkeit nicht verzichten und nicht so viel schleppen will, und Mehrweg ist ja in der Regel etwas schwerer als Einweg, und weiß, dass er das, was er kauft auch dort wieder zurückgeben kann, wo er es gekauft hat, dann sollte er auf Einweg durchaus nicht verzichten. Denn das wird reibungslos klappen genauso wie es bei Mehrweg auch klappt.

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