Müller: Herr Steinbach, werden die Amerikaner, aufgehängt an den Bildern, die wir gestern gesehen haben, eine Chance haben, die Herzen der Iraker zu gewinnen? Müller: Das wird davon abhängen, was sie als nächstes tun. Zunächst einmal herrscht Erleichterung. Ich glaube den Bildern, und ich denke einmal, dass die Masse der Iraker begrüßt, was geschehen ist. Jetzt kommt es darauf an, was passiert. Es ist ja bezeichnend, dass auch bei uns die Diskussion in diesen letzten Stunden darauf hinausläuft, was nun wird und wer eine Rolle zu spielen hat. Wir blicken nun auf die Vereinten Nationen, auf Washington und London. Das ist auch wichtig. Es entgeht uns wahrscheinlich, dass doch einiges am Boden im Irak mit den Irakern selbst passiert. Da gibt es Kontakte. Ich glaube, hier wird wirklich Entscheidendes geschehen. Es ist die Frage, ob es eine Militärverwaltung werden wird, ob einer von Außen kommt und wer der Mann der ersten Stunde sein wird, der Saddam Hussein nachfolgen wird. Da gibt es eine Kandidatenkür, die noch nicht ausgestanden ist. Müller: Herr Steinbach, Sie kennen die Seele, die Mentalität der Menschen im Irak. Also es besteht, wenn ich Sie richtig verstanden habe, eine potentielle Chance auf Sympathie für die USA? Müller: Im Irak selber besteht diese Chance. Wir haben vielleicht in den letzten drei Wochen nicht hinreichend wahrgenommen, dass die arabische Welt zweigeteilt ist. In einem Irak, in dem wirklich die Masse der Bevölkerung erwartet, dass sie befreit wird, habe ich immer wieder von irakischen Oppositionspolitikern, von irakischen Freunden bei uns die Frage gehört, von welchem Stern wir eigentlich seien. Sie sagten, sie begrüßten, was geschieht und wollten befreit werden. Dann ist da der Rest der arabischen Welt, der in ganz anderer Weise betroffen wird. Der Rest sieht die Bilder von Al Dschasira, von anderen arabischen Ländern. Die bekommen eine ganz andere Information und einen ganz anderen Eindruck von dem, was geschieht. Hier überwiegen die Brutalitäten und die Opfer. Hier überwiegt das Déja-vu. Das hat man alles schon einmal gesehen. Da kommen die Amerikaner und die Mächte von außen, um ihre eigene Agenda zu verwirklichen. Da ist man zornig und aufgebracht. Da wird man gewalttätig. Wenn wir jetzt darüber nachdenken, was geschieht, dann müssen wir zunächst einmal in den Irak selber blicken und sagen, die Menschen sind von einem brutalen Regime erlöst. Nun müssen wir darüber nachdenken, was geschieht. Hoffentlich geschieht etwas im Sinne der Menschen selbst. Müller: Blicken wir auf die Nachbarstaaten. Das ist jetzt etwas salopp formuliert: Wird es jetzt eng für Syrien? Müller: Nein, es wird noch nicht eng für Syrien und auch nicht für den Iran. Aber ganz unübersehbar ist, dass Amerika Druck macht. Wir werden sehen, wie das Regime reagiert. Meine Vermutung wäre, dass es sich mehr öffnen muss. Die Baath-Partei, die ja auch in Damaskus die Staatspartei ist, hat auch das Vertrauen der Leute nicht mehr. Das gilt zumindest für den Irak. Das können wir auch für Syrien annehmen. Da muss es zu Veränderungen kommen. Es ist aber fast unheimlich, mit welcher Konsequenz hier gearbeitet wird. Erst sollen Giftgas-Dinge vom Irak nach Syrien hinübergeschafft worden sein. Jetzt soll sich ein Teil der Familie dort aufhalten. Dann soll es eine Waffenunterstützung gegeben haben. Das sieht doch nach einer Strategie aus, den Druck auf Damaskus in wachsendem Maße und kontinuierlich zu erhöhen. Müller: Haben Sie Erkenntnisse darüber, auch in der internationalen wissenschaftlichen Welt, dass es keine indirekte Unterstützung für den Irak gegeben haben soll? Müller: Das Regime in Damaskus war zweigeteilt. Auf der einen Seite hat man ja immer mit Bagdad rivalisiert. Der Vater des jetzigen Präsidenten und Saddam Hussein haben versucht, sich einander umzubringen. Beide haben überlebt, aber die Stimmung zwischen Damaskus und Bagdad war seit Anfang der 80er Jahre schlecht. Die Bevölkerung in Syrien hat mit der Bevölkerung im Irak, beziehungsweise mit dem Regime selber sympathisiert. Da war es angebracht, von Seiten der syrischen Regierung ein paar politische Gesten zu zeigen. Das hat man auch getan. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass man in Damaskus nicht so dumm gewesen ist, Saddam Hussein, ein untergehendes Regime, ein im Prinzip in Damaskus verhasstes Regime auch mit Waffen noch zu unterstützen, um auf diese Weise den unmittelbaren Zorn der Vereinten Nationen auf Damaskus zu lenken. Müller: Ist denn die neue Position von Baschar al-Assad, also dem neuen Mann in Syrien, stark genug, sich gegebenenfalls gegen die eigenen Militärs durchzusetzen, vielleicht sogar einen Annäherungskurs gegenüber der westlichen Welt zu fahren? Müller: Mein Gefühl ist, dass dort in Syrien doch einiges ins Rutschen geraten ist. Ich denke, wir werden einen Übergangsprozess sehen. Sicherlich ist Baschar al-Assad im Prinzip gestärkt. Er muss versuchen, sich etwas mehr zu öffnen und den Amerikanern etwas mehr entgegenzukommen. Er kann nur sagen, dass die Militärs, die seine Handlungsspielräume in der Vergangenheit sehr eng gezogen haben, zurücktreten müssen. Aber sehen wir, was da geschieht. Ich habe es schon erwähnt, die Baath-Partei ist nicht nur in Bagdad am Ende. Ich glaube, sie hat einen schweren Knacks bekommen, auch was Syrien betrifft. Baschar al-Assad ist ein junger Mann, der doch in einem wenig überzeugenden Prozess als Erbe seines Vaters an die Macht gekommen ist. Ich nehme an, dass wir in mittel- oder längerfristiger Perspektive einen Machtwechsel in Damaskus sehen werden. Wir werden ein Regimewechsel erleben. Ob das auf amerikanischen Druck hin geschieht oder, was besser wäre, auf den Druck der syrischen Bevölkerung hin, wird man abwarten müssen. Müller: Vielen Dank, Herr Steinbach! © Deutschlandfunk 2003