Spengler: Wir sind nun telefonisch verbunden mit einem jener Politiker, die im Irak-Konflikt keinen Zweifel haben aufkommen lassen, dass sie unbeirrt an der Seite der USA stehen. Ich begrüße Friedbert Pflüger, den außenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Guten Morgen Herr Pflüger! Pflüger: Guten Morgen Herr Spengler. Spengler: Herr Pflüger, angesichts des eben gehörten und angesichts der Warnungen vieler Kriegsgegner, die vor dem Krieg kritisiert haben, dass die USA und Großbritannien kein Konzept für ein Nachkriegs-Irak hätten, müssen Sie denen im Nachhinein Recht geben? Pflüger: Ich glaube dazu ist es zu früh, das zu beurteilen. Dass wir 14 Tage nach Ende des Krieges auch mit Plünderungen, Instabilitäten, unzureichender Stromversorgung in manchen Gebieten zu rechnen haben, wen wollte das ernsthaft verwundern. Spengler: Aber wir haben schon fünf Wochen danach! Pflüger: Wir haben zwei Wochen, nachdem die Kampfhandlungen offiziell beendet worden sind, und es sind fünf Wochen, nachdem Bagdad gefallen ist. Wir wissen aber alle, wie prekär die Sicherheitslage war. – Ich bin in der Tat der Meinung, dass die Dinge nicht besonders gut laufen und dass große Fehler gemacht worden sind. Das merken ja nicht zuletzt auch die Amerikaner. Ich halte es deshalb für ganz wichtig, dass wir mit dem amerikanischen Außenminister, wenn er hier herkommt, vor allen Dingen auch darüber sprechen, wie wir gemeinsam – nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Europäer – dort herangehen können, die Lage im Irak zu stabilisieren. Wir wollen ja alle, dass hier ein Gemeinwesen entsteht, das endlich Menschenrechte respektiert, das die Minderheiten respektiert und das zu einer stabilen Lösung eines Nahostkonfliktes beiträgt und ihn nicht untergräbt. Ich muss allerdings sagen, wenn ich auf der anderen Seite sehe jeden Tag neue Massengräber – Menschenrechtler sprechen von 200000 Toten -, dann kann ich nur sagen, auch wenn ich all diese Schwierigkeiten sehe, es ist ein Segen, dass dieses Regime weg ist, und es kann nur besser werden. Spengler: Das sagen Sie auch, obwohl trotz intensiver Suche immer noch keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden worden sind? Pflüger: Aber ich bitte Sie! Ohne intensive Suche finden wir jeden Tag zehn Tausende von Gräbern. 200000 Menschen, das sind die Opfer des Krieges, die beiden Kriege, die Saddam Hussein angefangen hat, gar nicht eingerechnet. Brutalste Methoden, wie Kinder, Babys erschossen worden sind, die Menschen bei lebendigem Leibe. Ein Fünftel der Leute, die ausgescharrt worden sind, haben noch gelebt, als sie verschüttet worden sind. Diese Grauen, da kann ich nur sagen, das alleine rechtfertigt eine humanitäre Intervention. Das ist doch viel schlimmer als das, was wir im Kosovo erlebt haben. Ich meine wir haben keine CNN-Bilder davon und offenbar blenden wir Realitäten, wo wir keine Bilder haben, aus, bis wir dann eben jetzt solche Massengräber sehen. Ich will aber gar nicht jetzt sagen, dass alles gut läuft. Ich finde wichtig, dass die Vereinten Nationen wieder ins Spiel kommen. Da bin ich mir auch völlig einig mit der Bundesregierung. Ich finde es wichtig, dass wir nicht nur Amerikaner und Briten dort haben, sondern dass möglichst bald die NATO als Auftragnehmer der UNO, vielleicht in Zusammenarbeit mit einigen arabischen Staaten, dort Schutzfunktionen wahrnimmt. Ganz wichtig ist, dass das Polizeisystem aufgebaut wird. Das ist aber nicht leicht, denn viele der Polizisten werden von der Bevölkerung mit Saddams Schergen in Übereinstimmung gesehen und nicht akzeptiert. Also es ist hier eine ungeheuer schwere Aufgabe, das jetzt zu machen, und da sollten wir, anstatt jetzt sofort wieder zu mäkeln und zu sagen, wir hatten doch Recht mit unseren Bedenken, auch ein paar konstruktive Beiträge leisten. Spengler: Dazu kommen wir auch gleich, Herr Pflüger. Ich würde trotzdem noch gerne darauf beharren, dass die offizielle Kriegsbegründung eben war, es gibt Massenvernichtungswaffen im Irak. Damit bedroht der Irak die freie Welt. Die hat man ja nicht gefunden. Ist das jetzt völlig unwichtig geworden? Pflüger: Wir haben auch Saddam Hussein noch nicht gefunden und keiner will ja wohl bezweifeln, dass er existiert. Wenn man Massenvernichtungswaffen nicht gefunden hat, kann es ja vielleicht auch daran liegen, dass sie gut versteckt sind. Und finden sie mal in diesem riesigen Land ein paar Fässer Anthrax. Wir wissen doch! Wir haben einen 173seitigen Bericht von Herrn Blix, in dem doch drinsteht, was Saddam Hussein alles hat, was er nicht deklariert hat. Es ist doch jetzt verrückt zu sagen, wenn wir die nicht irgendwo in einem Keller gefunden haben, dann gibt es das nicht. Spengler: Nun geht Herr Blix inzwischen auch davon aus, dass es das wohl wirklich nicht mehr gibt, weil möglicherweise der Irak es vernichtet hat? Pflüger: Na gut, dann hat er es vernichtet. Aber warum hat er es vernichtet? Wegen der freundlichen Appelle von Außenministern oder wegen des militärischen Drucks? Es ist doch ganz eindeutig, dass dieser Mann erstens zu den terroristischen Netzwerken, zu palästinensischen Selbstmordattentätern nicht nur Kontakte hatte, sondern dass er sie finanziell unterstützt hat. Es ist ebenso ein Faktum, dass er jahrelang an A-, B- und C-Waffen gearbeitet hat, und es ist eine Frage der Zeit, wann Terroristen in die Hände solcher Massenvernichtungswaffen gekommen wären. Es wird doch dadurch nicht geringer, dass man sich jetzt hinstellt und sagt, na wo sind denn nun diese Waffen. Spengler: Herr Pflüger, wenn wir jetzt noch einmal auf den Nachkriegs-Irak zu sprechen kommen. Sie haben eben selber gesagt, es ist einiges schief gelaufen. Lassen Sie uns noch einen Moment fragen, warum ist es schief gelaufen. Ist das möglicherweise eine Selbstüberschätzung der Amerikaner gewesen, wenn man hört, dass von den 800 Mitarbeitern dieses Amtes für Wiederaufbau nur ganz wenige Arabisch sprechen. Da muss man doch den Kopf schütteln. Pflüger: Herr Spengler, Sie können natürlich von morgens bis abends jeden Fehler, der bei einer so gigantischen Aufgabe, ein ganzes Land, das bis vor kurzem eine furchtbare Diktatur war, aufzubauen, hochziehen und sich daran ergötzen. Spengler: Nein, ich ergötze mich nicht daran! Pflüger: Doch, ich spüre ein bisschen Schadenfreude. Spengler: Nein, überhaupt nicht! Pflüger: Die Amerikaner haben es schwer und es ist eine ungeheuere Aufgabe und es mag auch sein, dass sie sich das leichter vorgestellt haben. Wenn sie klug sind besinnen sie sich jetzt auch darauf, dass die Europäer in solchen Situationen viel Sachkenntnis haben, viel Sachverstand haben. Ich hoffe, dass wir jetzt auf beiden Seiten des Atlantiks sehen, wie wichtig und in unserem Interesse die Stabilisierung des Irak ist, und anstatt jetzt weiter die Schuldzuweisungen zu machen, dass wir jetzt vielleicht anfangen, konstruktiv miteinander zu arbeiten. Das erwünsche ich mir auch von dem Besuch des amerikanischen Außenministers. Der ist dringend notwendig, dass wir nicht nur Frieden am Golf haben, sondern auch wieder Frieden, Verständigung und Zusammenhalt in Europa und in der atlantischen Gemeinschaft. Spengler: Ich möchte noch einmal sagen, dass ich von jeder Schadenfreude frei bin. Lassen Sie uns auf den Besuch morgen zu sprechen kommen. Was sollte die Bundesregierung dem amerikanischen Außenminister an Hilfe anbieten? Sollte es nur Geld und Know-how für den Wiederaufbau sein oder auch Soldaten zur Behebung der Sicherheitslage? Pflüger: Ich freue mich zunächst, dass Herr Powell überhaupt kommt, dass die Phase der Sprachlosigkeit und Dialoglosigkeit beendet wird. Ich verspreche mir drei Dinge von seinem Besuch: Erstens, dass wir tatsächlich signalisieren, zusammen mit unseren Partnern in der EU beteiligen wir uns am Wiederaufbau im eigenen Interesse, zweitens, dass wir der Resolution, die die Amerikaner jetzt vorgelegt haben, zur Aufhebung der Sanktionen im Grundsatz zustimmen. Da wird man einiges ändern müssen und da müssen die Europäer wiederum gemeinsam vorgehen, wenn sie etwas bewirken wollen, aber das wird auch möglich sein. Und drittens erhoffe ich mir, dass wir über eine Schutztruppe für den Irak sprechen, am besten unter dem Dach der NATO. Da sollte Deutschland nicht von vornherein ausschließen, dass es auch eine Beteiligung deutscher Soldaten gibt. Angesichts der großen Belastung der Bundeswehr würde das allerdings voraussetzen, dass sie an anderen Standorten unsere Truppen reduzieren. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man Heeresflieger – die haben eine große Irak-Erfahrung, denn die haben bis 1998 dort für die Vereinten Nationen gearbeitet – im Rahmen eines NATO-Mandates, immer unter dem Dach der Vereinten Nationen, dort tätig werden lässt. Spengler: Ich bedanke mich! – Das war Friedbert Pflüger, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.    Deutschlandfunk 2003