Meurer: Jahrelang galt der iranische Präsident Chatami als Hoffnungsträger der iranischen Jugend und auch als der Hoffnungsträger des Westens, denn mit ihm verband sich die Erwartung, er könne den Iran reformieren und zum Westen hin öffnen. Aber die Studenten, die seit Tagen täglich in Teheran und anderen iranischen Städten protestieren, demonstrieren auch gegen ihren Präsidenten, von dem sie sich enttäuscht abgewandt haben. Jetzt hat Chatami die Proteste als das gute Recht der iranischen Bürger bezeichnet, aber gleichzeitig auch vom Recht der Polizei gesprochen, gegen "jene einzuschreiten, die versuchten, solche politischen Versammlungen für ihre Zwecke auszunutzen". Ich begrüße nun Parviz Dastmalchi. Er ist iranischer Politikwissenschaftler, lebt in Berlin und hat im September 1992 das Attentat im Berliner Lokal "Mykonos" überlebt, bei dem der iranische Geheimdienst vier Menschen hat ermorden lassen. Guten Morgen, Herr Dastmalchi. Dastmalchi: Guten Morgen. Meurer: Elf Jahre nach diesem furchtbaren Ereignis in Berlin- haben Sie jetzt Hoffnung, dass es im Iran besser werden könnte? Dastmalchi: Was diese studentischen Protestbewegungen angeht, ist meine Hoffnung sehr groß im Vergleich zu vor vier Jahren, als es auch Studentenrevolten an der Teheraner Universität gegeben hat. Diese Proteste haben erst einmal viel länger dauern können als man vermutet hatte. Zweitens, was sehr, sehr wichtig ist: Diesmal finden diese Protesten ganz große Unterstützung bei der Bevölkerung. Meurer: Aber glauben Sie wirklich oder haben Sie die Hoffnung, dass die Mullahs bereit sind, ihre Macht in ihrer Heimat abzugeben? Dastmalchi: Ich glaube nicht, dass die Mullahs bereit sind, ihre Macht abzugeben, aber der Iran befindet sich politisch und wirtschaftlich-sozial gesehen in einer Sackgasse. Die Reformversuche von Ayatollah Chatami sind nach sechs Jahren fehlgeschlagen. Es gibt keine Fortschritte. In mancher Hinsicht kann man sogar von Rückschritten sprechen. Meine Hoffnung ist, dass - ich möchte es so formulieren - diese Studentenproteste, die ganz große Unterstützung bei der Bevölkerung gefunden haben, einen Anfang für das Ende der Machthaber im Iran sein könnten. Das bedeutet aber nicht, dass alles von heute auf morgen geschieht. Ich möchte hier auch daran erinnern, dass vor 25 Jahren die Bewegungen, die zum Sturz der Pahlavi-Dynastie geführt haben, fast zwei Jahre dauerten. Ich glaube, dass diese Bewegungen der Anfang von einer ganz großen Massenbewegung sind, die etwas länger dauern wird, aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Meurer: Wie groß ist aber die Gefahr, Herr Dastmalchi, dass die Ayatollahs gnadenlos zuschlagen, sozusagen die chinesische Lösung wählen und den Protest blutig unterdrücken werden? Dastmalchi: Die Gefahr ist sehr groß. Deshalb möchte ich hier auch um Unterstützung der ausländischen Öffentlichkeit bitten. Eines darf man aber nicht vergessen: Die Mullahs, die Machthaber im Iran, diesem Gottesstaat, haben seit 25 Jahren alle iranischen Protestbewegungen, egal in welcher Form, brutal niedergeschlagen. Damit haben sie aus ihrer Sicht feststellen müssen, dass sie so nicht weiterkommen und dieser Freiheitswille beim Volk und vor allem bei den Studenten nicht zu brechen ist. Meurer: Wie wirkt sich Ihrer Meinung nach der abgelaufene Krieg im Irak aus? Bagdad und der Irak sind befreit. Hat das sozusagen eine Signalwirkung für die Studenten im Iran gehabt? Dastmalchi: Es hat eine Signalwirkung nicht nur für die Studenten, sondern für viele Bevölkerungsschichten im Iran gehabt. Die neue Situation im Iran hat den Willen weiterzukämpfen für Freiheit und Demokratie und Menschenrechte im Iran weiter verstärkt. Meurer: Was überwiegt in der iranischen Bevölkerung: die Abneigung gegen die USA oder die Hoffnung, dass genau von Washington Hilfe kommen könnte? Dastmalchi: Dass von Amerika Hilfe kommen könnte. Vor etwa sechs Monaten ist eine Meinungsumfrage gemacht worden im Iran, wonach 85 Prozent der iranischen Bevölkerung Sympathie für Amerika zeigen. Sie sind auch dafür, dass von Seiten Amerikas politischer Druck - aber kein militärischer Angriff - ausgeübt wird. Ich betone noch einmal, dass politischer Druck ausgeübt wird, dass unter Aufsicht der Uno vielleicht oder auch der Europäischen Union, im Iran freie Wahlen stattfinden können. Meurer: Nun haben viele Menschen lange Zeit Hoffnungen gesetzt in den amtierenden Präsidenten Chatami. Haben Sie, Herr Dastmalchi, ihn abgeschrieben? Dastmalchi: Ich habe ihn nach zwei Jahren abgeschrieben. Chatami gehört einfach zu denjenigen, man kann sagen gemäßigten, aber dennoch zu denjenigen, die für einen Gottesstaat sind. Weil er aus diesem System nicht herauskommen kann, ist die Reform innerhalb des Systems unmöglich. Man muss entweder einen Staat auf Menschenrechten aufbauen können, oder es gelten nur die Rechte von Scharia. Eine Vereinbarung zwischen Scharia - als der einzigen geltenden Gesetzgebung in der Gesellschaft - und Menschenrechten, das widerspricht sich. Ich glaube nicht, dass innerhalb dieses Systems, dieses Gottesstaates, der für mich ein totalitärer Staat ist, eine Reform in dem Sinne, dass wir zur Demokratie und zu Menschenrechten und zu Bürgerrechten kommen, möglich ist. Meurer: Wollen sich die Machthaber im Iran die Atombombe aneignen, wie der Westen befürchtet? Da sind USA, die EU und Russland diesmal unisono in ihrer Auffassung. Dastmalchi: Die Mullahs im Iran streben seit Jahren danach, eine Atombombe zu bauen. Meine Vermutung würde viel mehr dahingehen, dass sie die Bombe schon längst haben. Meurer: Das heißt, Uno-Inspekteure im Iran werden kaum etwas ausrichten können, oder das Gegenteil? Dastmalchi: Unangemeldete Inspektionen im Iran sind natürlich sehr wichtig, um die Atomprogramme der Machthaber im Iran unter Kontrolle zu bringen. Ich bin dagegen, dass fundamentalistische Staaten wie der Iran eine Atombombe haben. Das erhöht einfach die Gefahr des Fundamentalismus, und das erhöht die Erpressung der anderen demokratischen Staaten. Meurer: Der iranische Politikwissenschaftler Parviz Dastmalchi heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Besten Dank und auf Wiederhören. Dastmalchi: Ich habe zu danken. ©Deutschlandfunk2003