Lange: Es könnte die Woche der Entscheidung werden, der Entscheidung über die neue Irak-Resolution im Weltsicherheitsrat. Am vergangenen Wochenende sind sich in Genf die ständigen Mitglieder nähergekommen, auch wenn noch nicht alle Differenzen überbrückt sind. Am Samstag gibt es einen Dreiergipfel zwischen den Irakkriegsgegnern Deutschland und Frankreich auf der einen Seite und dem Irak- Alliierten Großbritannien auf der anderen. Die UNO in Person von Generalsekretär Kofi Annan hat klargestellt, dass sie nicht in der Lage sei, das Oberkommando im Irak zu übernehmen. Was bedeutet das für die beabsichtigte neue Irak-Resolution? Das wollen wir nun mit Klaus Naumann erörtern, Bundeswehrgeneral a.D. und ehemals Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Herr Naumann, wie schätzen Sie denn die Chancen ein, dass es in den nächsten Tagen eine neue Resolution geben wird? Naumann: Angesichts der sich abzeichnenden Annäherung zwischen den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats glaube ich schon, dass man zu einer neuen Resolution kommen wird. Lange: Der amerikanische Außenminister Colin Powell hat kürzlich erklärt, es geht uns nicht um deutsche Truppen für den Irak. Kofi Annan betont, wir können und wollen die Verantwortung im Irak nicht übernehmen. Das eine hatte die Bundesregierung ausgeschlossen, das andere hatte sie gefordert. Kann sie jetzt eigentlich den vorliegenden Resolutionsentwurf noch ablehnen? Mehr ist doch nicht zu bekommen. Naumann: Das zu beurteilen ist natürlich schwer, solange man nicht den präzisen Text der Resolution kennt. Ich gehe schon davon aus, dass die Bundesregierung einer Resolution, die insgesamt eine Perspektive für die Übernahme der Verantwortung im Irak durch eine wie immer zu Stande kommende irakische Autorität vorsieht, insgesamt zustimmen wird. Die Stolpersteine liegen auf dem Weg dahin, wie man das macht. Lange: Offenbar ist es vor allem Frankreich, das sich seine Zustimmung teuer bezahlen lassen will. Kann sich da die Bundesregierung nun auch als Mittler betätigen oder würde sie sich da verheben? Naumann: Ich glaube, sie würde sich da verheben. Das ist nun ein Spiel, das unter den fünf ständigen Mitgliedern gespielt wird. Frankreich scheint nach allem, was man hört, insgesamt einen etwas moderateren Kurs zu steuern, und scheint wohl eingesehen zu haben, dass der von de Villepin ursprünglich geforderte Weg, binnen eines Monats eine irakische eigene Autorität zu erstellen, schlicht nicht realisierbar ist. Lange: Wie könnte denn jetzt unter Einbeziehung von dem, was Kofi Annan gesagt hat, die Arbeitsteilung zwischen der UNO und den USA im Irak aussehen? Naumann: Ich glaube, es ist ganz wichtig auch für manchen bei uns, der glaubt, dass die UNO eine Art Weltregierung darstellt, einzusehen, dass Kofi Annan absolut recht hat, wenn er sagt, die Vereinten Nationen können das zunächst gar nicht alleine schultern. Es muss eine vernünftige Arbeitsteilung geben zwischen den noch die Verantwortung habenden Besatzungsmächten USA und Großbritannien und den Vereinten Nationen, die den Weg zur Herstellung der Souveränität des Irak begleiten, die Arbeit von Hilfsorganisationen koordinieren können, aber die nicht in der Lage sind, sozusagen eine Art Übergangsregierung aus eigener Kraft zu schultern. Lange: Also ein Modell ähnlich wie in Afghanistan, die UNO liefert einen völkerrechtlichen Schirm, organisiert den politischen Prozess, aber militärisch behalten die USA freie Hand? Naumann: Ich würde nicht sagen, freie Hand. Es wird schon eine Einbindung geben müssen, und ich glaube, der kritische Punkt wird dabei sein, wie ist der Status der internationalen Truppen, die jetzt im Irak sind. Sind es dann noch Besatzungstruppen oder findet man einen Weg, der sie in irgendeiner Weise unter einem anderen Schirm bringt. Ich könnte mir als langfristige Lösung vorstellen, jetzt noch nicht, aber später, dass die UNO die NATO beispielsweise bittet, die Sicherheitsaufgaben im Irak zu übernehmen, damit der Status Besatzungstruppe verschwindet. Lange: Hätte George Bush diesen ganzen Diskussionsprozess jetzt nicht beschleunigen können, wenn er in seiner letzten Fernsehrede nicht Forderungen gestellt hätte, sondern vielleicht so etwas wie Selbstkritik hätte anklingen lassen? Naumann: Ich hätte mir auch gewünscht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten im Ton ein wenig moderater aufgetreten wäre und damit das Entgegenkommen anderer vielleicht leichter gemacht hätte. Ich meine, der Prozess in den Vereinigten Staaten einzusehen, dass man auch dort Fehler gemacht hat, dass man sich vielleicht ein bisschen verhoben hat mit dem, was man im Übergang im Irak erreichen wollte, wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, denn es geht darum, eine Aufgabe wahrzunehmen, die letztlich im Interesse von uns allen liegt. Wir müssen Stabilität im Irak erreichen - das ist auch ein elementares Interesse der Europäer -, und das erreicht man nicht, indem man fordert, sondern indem man Entgegenkommen zeigt und die anderen zur Kooperation ermutigt. Lange: Sie haben gute Kontakte in die USA. Erfahren Sie so etwas? Gibt es Ansätze einer Fehlerdiskussion innerhalb der Administration? Naumann: Ich war gerade am Wochenende in Washington, und ich habe schon den Eindruck, dass die Diskussion beginnt, und die Diskussion beginnt natürlich in den Medien. Lange: Ein Teil der Zurückhaltung ist ja offenbar darin begründet, dass man Bush allein taktische und innenpolitische Motive unterstellt, die ihn dazu gebracht haben, die UNO wieder aufzusuchen. Das trifft doch im Kern wohl auch zu, oder nicht? Naumann: Da bin ich mir nicht absolut sicher. Das kann man vermutlich nur beurteilen, wenn man wirklich im inneren Kreis um Präsident Bush ist, und da habe ich nicht den direkten Zugang zur Diskussion. Ich meine aus Gesprächen mit amerikanischen Freunden gerade jetzt rausgehört zu haben, dass es nicht wenige gibt, die sagen, wir hätten besser daran getan, uns früher an die Vereinten Nationen zu wenden, und dass eine Art Rückkehr in Richtung multilaterales Denken stattfindet, nachdem eine ganze Zeit lang die Unilateralisten, oder wie man oft hier sagt, die Neokonservativen die Oberhand hatten. Lange: Es wird ja nun nächste Woche dann doch zu diesem Gespräch zwischen dem US-Präsidenten und dem Bundeskanzler in New York kommen. Was erwarten Sie von dieser Begegnung? Naumann: Ich hoffe, dass auf beiden Seiten der Wille vorherrscht, nach vorne zu sehen und die Differenzen, die in der Vergangenheit gewesen sind, zwar nicht zu vergessen, aber sie nicht als Stolpersteine im Weg stehen zu lassen, denn die beiden Staaten müssen zusammenarbeiten. Das atlantische Verhältnis, das ein Faktor der Stabilität in der ganzen Welt ist, hängt nicht zuletzt entscheidend davon ab, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten dort zusammenarbeiten. Lange: Das war Klaus Naumann, der ehemalige Vorsitzende des NATO- Militärausschusses, vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2003