Heuer: Schon seine Wahl war ungewöhnlich: Karol Wojtyla, ein Pole, mit 58 Jahren relativ jung auf Petri Stuhl, so etwas hatte es in der Geschichte der katholischen Kirche noch nicht gegeben. Ein Vierteljahrhundert später ist immer noch vieles, ist immer mehr an diesem Papst Johannes Paul II. ungewöhnlich. Seine Ambivalenz zum Beispiel, er gilt als Fundamentalist und als weltoffen. Oder seine Popularität gerade bei jungen Menschen in aller Welt. Heute auf den Tag genau vor 25 Jahren wurde der inzwischen greise und kranke Papst gewählt. Wir wollen ihn würdigen im Gespräch mit dem Trierer Bischof Reinhard Marx. Guten Morgen, Bischof Marx. Marx: Guten Morgen. Heuer: Ein Jubiläum ist ja immer Anlass für Glückwünsche. Was wünschen Sie dem Oberhaupt der katholischen Kirche heute? Marx: Spontan würde ich sagen, geistige Kraft und Zuversicht aus dem Glauben, die ich immer wieder bei ihm kennen gelernt habe, wenn ich ihm begegnet bin. Heuer: Wie kommt es eigentlich, dass grade dieser Papst so ungewöhnlich populär geworden und geblieben ist? Marx: Ja, er ist sehr authentisch. Man spürt einfach, dass er von dem, was er sagt, auch selber überzeugt ist und sich bemüht, es zu leben. Also, das ist auch auf die Entfernung hin bei großen Gottesdiensten immer wieder erfahrbar und ich glaube, das macht die Faszination aus. Er hat auch einen weiten Horizont, ein junges Herz. Er ist neugierig auf die Menschen, auf neue Dinge, auf das, was sich auch in der Kirche tut an neuen Bewegungen, so dass man nie den Eindruck hat, er ist irgendwie mit den Dingen zufrieden, wie sie sind. Er streckt sich aus nach dem, was noch kommen könnte und das macht die Faszination aus. Heuer: Was halten Sie persönlich, Bischof Marx, für das größte Verdienst von Johannes Paul II.? Marx: Ja, überhaupt in dieser Umbruchzeit die Kirche gestaltet zu haben und auch das Fundament der Einheit zu sein. Auf der anderen Seite die vielen Reisen, das heißt, die Kirche ist ja grade in den letzten Jahrzehnten erst, jetzt nach dem zweiten vatikanischen Konzil, wirklich zu einer Weltkirche geworden, vom Bewusstsein her. Sie war es vorher, aber dass das Bewusstsein da ist, wir sind eine Kirche mit vielen, vielen Völkern, Nationen, Kulturen, das hat der Papst durch seine Reisen sichtbar gemacht, denn das wird in aller Welt verfolgt. Man hat das gesehen. Das ist, glaube ich, ein großes Verdienst. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der Zusammenbruch des Kommunismus auch mit diesem Papst zusammen hängt, jedenfalls in einer starken, indirekten Weise. Heuer: Nach innen, innerhalb der katholischen Kirche also, regiert Johannes Paul II. mit strenger Hand. Es gab zum Beispiel das Lehrverbot für Hans Küng oder Eugen Drewermann, es gab die Debatte grade mit den deutschen Katholiken über die Schwangerenberatung, und es gab zuletzt ja auch die Auseinandersetzung über das gemeinsame Abendmahl beim Kirchentag in Berlin. Würden Sie sich etwas mehr Reformfreude im Vatikan wünschen? Marx: Die Reform ist ja ein schillernder Begriff, wie wir wissen, in der Politik und in der Kirche. Reform soll immer bedeuten, also, man macht es irgendwie etwas einfacher. Und das, glaube ich, ist nicht die Linie dieses Papstes gewesen, sondern es geht sicher darum, nach vorne zu schauen, aber mit dem Bewusstsein, dass wir etwas Wichtiges einzubringen haben. Und in einer solchen Diskussion, in der wir sind in der Welt und in der Kirche, reiben sich manchmal auch die verschiedenen Positionen, und dass der Papst stärker dann als jemand hervortritt, der die Einheit zu achten hat, nicht nur die Einheit in der katholischen Kirche in Deutschland, sondern eben aller Flügel weltweit, da kann dieses Strenge schon einmal stärker hervortreten. Also, das wundert mich eigentlich nicht. Wir werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren auch bei einem späteren Papst, und auch wir Bischöfe spüren das ja, immer wieder solche Reibungen erleben. Also, ich glaube, bei Johannes Paul II. kann man wirklich beides sehen, diese Sorge um die Einheit der Kirche, die ja nicht nur auf die jetzige Kirche bezogen ist, sondern auf die Kirche aller Zeiten, also auch auf die Tradition, und die Aufbruchstimmung, wenn ich an die Begegnung denke mit anderen Religionen, mit den Juden und die Offenheit für die Welt, also, da ist beides da, Sie haben schon Recht, aber es muss auch beides da sein, glaube ich. Heuer: Ist es vielleicht grade das Festhalten an manchen Dogmen, das den Papst in einer immer differenzierteren, immer komplizierteren, immer schwerer zu überschaubaren Welt so herausragen lässt? Brauchen wir diese Festhalten an Dogmen? Marx: Festhalten an Dogmen hört sich auch wieder so, so ängstlich an. Es geht nicht um Ängste... Heuer: Na. Marx: Es geht darum, dass wir auch im Glauben eine Wahrheit gefunden haben, die wir immer neu vertiefen können, aber die nicht einfach am anderen Tag weg ist. Oder dass wir meinen, wir könnten die Kirche an jedem Tag neu erfinden und müssten das, was frühere Leute und frühere Menschen geglaubt haben, einfach ad acta legen. Wir seien also wie in einem politischen Gemeinwesen dabei, ständig umzubauen und zu basteln, das ist nicht wie Auffassung von Kirche, die ich habe, und die hat der Papst wahrscheinlich, offensichtlich auch nicht. Wir müssen weiter gehen, wir dürfen nicht einfach stehen bleiben. Festhalten wäre deswegen der falsche Begriff, aber eine Gewissheit haben, dass wir in der Wahrheit des Glaubens einen Punkt gefunden haben, der auch in hundert Jahren noch steht, nicht? Die Worte des Evangeliums werden in hundert Jahren auch noch gesprochen werden, das Vaterunser, die Seligpreisungen, das Glaubenbekenntnis wird man noch sprechen. Also, da wird man vom Deutschlandfunk vielleicht nichts mehr wissen, von Sat 1 und von vielen anderen Dingen wird man nichts mehr hören, aber das wird man noch sprechen. Da gebe ich Ihnen Recht, das kann durchaus sein, dass man sagt, also, wir brauchen auch solche Gewissheiten. Nicht festhalten, aber Gewissheiten wie eine Orientierung, die einfach nicht jeden Tag neu zur Debatte gestellt werden. Heuer: Sie haben, Bischof Marx, das politische Engagement des Papstes schon angesprochen, zum Beispiel sein Engagement gegen den Kommunismus seiner Zeit. Zuletzt ist er ja als Friedenspapst gefeiert worden wegen seiner Kritik am Irakkrieg und auch am Einsatz in Afghanistan. Warum, glauben Sie, ist grade dieser Papst so politisch? Marx: Es kommt natürlich auch von seiner Herkunft in Polen. Er hat natürlich zwei Mal Regime erlebt, die menschenfeindlich sind, also Nationalsozialismus als junger Mensch und dann den Kommunismus. Und auch aus seiner philosophischen Tradition, er hat sich sehr stark mit dem Personalismus beschäftigt, auch mit den deutschen Philosophen, er ist ja eher philosophisch orientiert. Und da kreisen seine Arbeiten, seine frühen Bücher um die Menschenwürde. Und von diesem Begriff der Menschenwürde aus, von der Personenwürde des Menschen, schaut er auf die aktuellen Herausforderungen, auf die Politik, auf die Systeme, die Ungerechtigkeit produzieren und das hat ihn, glaube ich, von Anfang an bewegt. Manche sagen auch, und das stimmt, ich habe den Eindruck, dass das wirklich festzumachen ist in seiner Biographie, die Nähe zu Auschwitz, also, wo er aufgewachsen ist. Dies alles hat ihn dazu geführt, in allen Debatten die Menschenwürde als den großen Orientierungspunkt im Blick zu behalten. Und daher kommt das politische Engagement beim Frieden, auch bei allen anderen Fragen. Heuer: Reinhard Marx, der katholische Bischof von Tier, im Interview mit dem Deutschlandfunk, ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Marx. Marx: Alles Gute. Heuer: Ihnen auch. ©Deutschlandfunk 2003