Engels: In den Streit um das iranische Atomprogramm ist deutliche Bewegung gekommen. Gestern erklärte sich die iranische Regierung bereit, die Anreicherung von Uran und die Wiederaufarbeitung von Brennstäben vorläufig auszusetzen. Heute will sie der internationalen Atomenergieorganisation in Wien alle Dokumente über das Atomprogramm offen legen. Damit ist ein lange schwelender Konflikt mit der IAEO gemindert, aber ist er auch aufgeräumt? Im Kern geht es ja in dem Streit darum, dass der Iran nach eigenen Angaben die Atomenergie nur zu friedlichen Zwecken nutzen will, die IAEO und vor allem die Vereinigten Staaten haben aber Sorge vor einem militärischen Atomprogramm des Iran. Am Telefon ist nun Melissa Fleming, sie ist Sprecherin der internationalen Atomenergieorganisation in Wien. Frau Fleming, sind Sie zufrieden mit der Ankündigung des Iran? Fleming: Das ist eine gute Nachricht, aber das ist bei weitem nicht alles, was von Iran erwartet wird. Das sind zwei Punkte, die schon lange verlangt worden sind. Sie sind sehr wichtig für die Kontrolleure. In der Zukunft wird es sicherlich ein Fortschritt sein, dass wir dieses Zusatzprotokoll haben, für unsere Möglichkeiten, das Atomprogramm von Iran zukünftig zu kontrollieren. Unsere erste Priorität jetzt ist, dass wir die Vergangenheit von den Atomaktivitäten im Iran aufklären, und wir haben Versprechungen letzte Woche in Teheran bekommen, dass diese Woche Iran kommen wird mit wichtigen Informationen, die aufklären werden, was sie in der Vergangenheit gemacht haben. Darauf warten wird. Engels: Sie haben es eben angedeutet, mit dem Zusatzprotokoll ist das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag gemeint, das Ihrer Behörde den uneingeschränkten Zugang zur Kontrolle im Iran ermöglichen würde. Sie sagen aber auch, Sie sind noch ein wenig skeptisch. Welche Punkte vermissen Sie denn derzeit noch? Fleming: Also bisher haben wir eine orale Erkenntnis, dass sie das machen. Also wir müssen das erst mal schriftlich haben. Wir erwarten einen dem entsprechenden Brief. Das wäre sehr wichtig. Aber, wie gesagt, unsere erste Priorität ist es, die offenen Fragen über ihr Atomprogramm, die jetzt in der Luft stehen, zu beantworten, und zwar bis zum 31. Oktober. Es gibt von unserem Aufsichtsrat eine Frist für Iran; am 31. Oktober müssen wir eigentlich alles von iranischer Seite wissen, wie sie dazu gekommen sind, Uran anzureichern, warum wir Spuren von hoch angereichertem Uran in zwei Anlagen im Iran gefunden haben. Also es sind wesentliche Fragen, die wir beantwortet haben müssen, bevor wir sagen können, ja, Iran hat, wie sie es sagen, ein friedliches Atomprogramm. Engels: Nehmen wir einmal an, Sie bekommen tatsächlich diesen freien Zugang zu allen Städten im Iran, wo Sie kontrollieren wollen. Können Sie dann problemlos unterscheiden, was friedlich genutzt werden kann und was Teil eines militärischen Programms ist? Fleming: Natürlich können wir das unterscheiden. Wir haben das bereits jetzt mehr oder weniger; wir haben von iranischer Seite ziemlich viel Zugang. Aber es fehlen uns genügend Informationen. Der Unterschied wird sein, dass wir durch dieses Zusatzprotokoll ein legales Recht haben werden, auch da hinzugehen, wo es nicht unbedingt als Atomanlage deklariert worden ist. Wir haben auch viel mehr Zugang zu Leuten und Informationen. Das ist natürlich sehr wichtig. Es ist keine Garantie, aber es gibt uns einfach sehr viel mehr Macht. Engels: Nach Ihren persönlichen Erfahrungen mit der Politik des Iran, denken Sie, wir sind jetzt am Ende des Hin und Her gekommen? Ist dieser Streit jetzt wirklich möglicherweise am Ende? Fleming: Wir sind noch nicht am Ende. Wie gesagt, wir haben eine wichtige Frist, der 31. Oktober, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. Sehr wichtig ist, dass wir die Vergangenheit von ihrem Atomprogramm aufklären. Das ist unsere erste Priorität. Das wird jetzt von uns an unseren Aufsichtsrat im November berichtet. Sie werden dann beurteilen, wie der Stand der Dinge ist. Erstens, wissen wir alles über Irans Atomprogramm im November, wenn wir da sind? Zweitens, haben sie tatsächlich diesen Brief geschickt, dass sie wirklich vorhaben, das Zusatzprotokoll zu unterschreiben? Das sind Sachen, die schwarz auf weiß wichtig sind, und darauf warten wir. Engels: Vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2003