Meurer: Die Serie blutiger Anschläge im Irak reißt nicht ab. Gestern sprengte sich ein Selbstmordattentäter in Falludscha im Westirak in die Luft und riss dabei mindestens fünf Iraker in den Tod. Am Montagmorgen war in Bagdad vor dem Gebäude des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bereits eine Bombe deponiert, dann vor mehreren Polizeistationen in der Hauptstadt. Die schreckliche Bilanz dieser Anschläge: über 40 Tote. Das IKRK hat noch nicht entschieden, ob es infolge dieser Anschläge seine ausländischen Mitarbeiter abziehen will oder nicht. In Genf hat die Schreckensnachricht vom Montag jedenfalls Betroffenheit ausgelöst und dort begrüße ich nun Florian Westphal, den Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Guten Morgen, Herr Westphal. Westphal: Guten Morgen. Meurer: Wie schwer fällt Ihrer Organisation die Entscheidung, wie es im Irak weitergehen soll? Westphal: Ich glaube, das ist eine ganz enorm wichtige Entscheidung. Wir müssen dabei ja zwei Faktoren in Betracht ziehen. Erst einmal natürlich die Sicherheit unserer Mitarbeiter, sowohl der internationalen als auch unsere irakischen Kollegen und zweitens müssen wir genau überlegen, welche Auswirkungen eine mögliche Entscheidung auf die Menschen im Irak haben wird, denen wir versuchen, zu helfen. Das sind immer schwierigen Entscheidungen. Wir haben ja schon vor einigen Monaten, auch wegen Sicherheitsbedenken, die Anzahl unserer Mitarbeiter im Irak reduzieren müssen und da war genau der gleicher Effekt, der uns natürlich auch sehr wehtut, dass wir dann weniger Sachen tun können, um den Irakern zu helfen. Meurer: Aber das Gros Ihrer Kräfte vor Ort sind doch einheimische Mitarbeiter, warum reichen die alleine nicht aus, um zu helfen? Westphal: Das stimmt, unsere einheimischen Mitarbeiter im Irak sind natürlich enorm wichtig für uns, aber es gibt eben doch gewisse Fachkräfte, auch Leute, die mit unserer Organisation besonders vertraut sind, die dann eben eher international zur Verfügung stehen. Außerdem ist es natürlich bei einer unserer wichtigsten Aufgaben, die Besuche bei Kriegsgefangen und anderen zivil Internierten, so, dass man da nur ausländische Mitarbeiter verwendet, um einfach sicherzustellen, dass unsere Perspektive wirklich völlig neutral ist und nicht durch politische, ethnische oder religiöse Faktoren irgendwie gekennzeichnet ist. Meurer: Am Montag hatten Sie zwei Tote zu beklagen in Ihren Reihen, im Juli gab es schon einmal einen IKRK-Mitarbeiter, der erschossen worden ist. Ist es jetzt noch zu verantworten in Bagdad und im Irak zu bleiben? Westphal: Das genau ist eben die große Frage, damit sprechen Sie an, dass wir natürlich eine Verantwortung für unsere Mitarbeiter tragen, die sich freiwillig dazu bereiterklärt haben, in dieser extrem schwierigen Situation weiterzuarbeiten, aber es ist natürlich so, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt und unter gewissen Umständen als eine neutrale unbewaffnete humanitäre Organisation nicht mehr arbeiten kann und man muss einfach auch klarstellen, dass wir nicht wissen, wer hinter diesem Attentat steckt, aber wenn man sich in einer Situation befindet, wo Leute ohne jede Bedenken zivile Ziele, Organisationen und Menschen, vor allem Iraker angreifen, die nichts anderes tun wollen, als ihren Landsleuten zu helfen, dann befindet man sich wirklich in einem extrem schwierigen Dilemma und weiß einfach nicht mehr wie und ob man unter solchen Bedingungen weiterarbeitet. Meurer: Es gäbe ja vielleicht noch eine dritte Lösung, dass Sie nämlich das Angebot der Amerikaner annehmen, sich von den US-Soldaten beschützen zu lassen. Westphal: Ich möchte jetzt keine Entscheidung vorgreifen, aber dabei muss man bedenken, dass es für uns extrem problematisch wäre, genau die Grundlage unserer Arbeit ist es, unabhängig und neutral zu sein und wenn wir uns auf so eine Art und Weise mit einer oder der anderen Seite in einem bewaffneten Konflikt verbinden würden, wäre diese Neutralität für Außenstehende praktisch nicht mehr erkennbar und für die Leute, denen wir versuchen, zu helfen, würden und dann wahrscheinlich noch eher zur Zielscheibe machen. Meurer: Das heißt, das kommt für Sie nicht in Frage? Westphal: Wie gesagt, ich möchte keine endgültigen Entscheidungen vorgreifen, halte es aber eher für unwahrscheinlich. Meurer: Die US-Regierung will ja, dass Sie und die anderen Hilfsorganisationen im Irak bleiben, Außenminister Colin Powell hat das gestern noch einmal gesagt. Ist auch das schon kontraproduktiv, wenn die USA explizit Ihre Anwesenheit wünschen? Westphal: Nein, was verstanden werden muss ist, dass wir diese Entscheidung einzig und alleine wirklich hier in Genf und Bagdad unter unseren Kollegen treffen müssen. Wir sind eine unabhängige Organisation und nehmen diese Art von Stellungnahmen zur Kenntnis und sehr ernst, aber im Endeffekt muss die Welt wissen, dass wir so eine Entscheidung ganz alleine treffen werden. Meurer: Warum werden Sie von den islamischen Fanatikern mit den Amerikanern in einen Topf geworfen und zur Zielscheibe gemacht? Westphal: Das wüsste ich auch gerne, warum die Leute, die dieses Attentat verübt haben, offensichtlich denken, dass wir mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Wir sind seit 23 Jahren im Irak, haben auch schon im Iran-Irak-Krieg, im Golfkrieg von 1991 den Menschen dort geholfen. Unsere Kollegen sind in der schwierigsten Phase der Auseinandersetzung im März und April in Bagdad und Basra geblieben und haben dort weitergearbeitet unter den Bomben. Wie man aufgrund unserer Geschichte im Irak darauf kommen könnte, dass wir in irgendeiner Art mit der einen oder anderen Seite zusammenarbeiten, ist mir völlig schleierhaft. Meurer: Liegt es vielleicht daran, dass die Amerikaner die Hauptfinanciers des IKRK sind? Westphal: Das ist so, das sind sie, aber wir haben über unsere lange Geschichte in ganz verschiedenen Umständen gezeigt, dass uns das nicht daran hindert, unabhängig zu arbeiten. Ein typisches Beispiel sind unsere Gefangenenbesuche in Guantanamo Bay auf Kuba, wo wir ganz klar gezeigt haben, dass wenn es zu einer Auseinandersetzung und Meinungsverschiedenheiten mit den Amerikanern kommt, zum Beispiel über rechtliche Fragen, wir diese auch äußern werden. Unabhängig davon, dass sie unser Hauptgeldgeber sind. Meurer: Beobachten Sie das noch häufiger, dass das IKRK als Partei interpretiert wird? Westphal: Unsere große Befürchtung ist sicherlich, dass das zunehmend in Konfliktherden der Fall sein könnte, dass es vielleicht Gruppen gibt, für die einfach jede Präsenz einer ausländischen Organisation automatisch inakzeptabel ist, aber man muss dabei bedenken, dass gerade in islamischen Ländern wir den Hauptteil unserer Aktivitäten durchführen und das oft schon seit sehr langer Zeit und im großen und ganzen mit Erfolg und großer Akzeptanz von der dortigen Bevölkerung. Meurer: Wäre vielleicht zu überlegen, dass Sie die Arbeit in islamischen Ländern dem roten Halbmond überlassen? Westphal: Wir arbeiten ja mit diesen Organisationen zusammen. Im Irak zum Beispiel ist der irakische rote Halbmond unser wichtigster Partner, den wir maßgeblich unterstützen und ohne unsere Kollegen vom irakischen roten Halbmond könnten wir unsere Aktivitäten im Irak überhaupt nicht durchführen. Wir sind ja Teil ein und derselben Bewegung. Meurer: Wann wird die Entscheidung in Genf fallen? Westphal: Ich nehme an, dass innerhalb der nächsten Tage eine Entscheidung bekanntgegeben wird. Es ist ja so, dass wir auch flexibel bleiben müssen; man sollte sich darauf jetzt nicht zu sehr konzentrieren. Es wird vielleicht keine Entscheidung geben, die jetzt maßgeblich die nächsten Monate oder Jahre bestimmt, sondern eine, die erst einmal versucht, diesen unmittelbaren Umständen gerecht zu werden. Meurer: Das war Florian Westphal, Sprecher des internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Besten Dank, Herr Westphal, alles Gute und auf Wiederhören. Westphal: Dankeschön. ©Deutschlandfunk 2003