Lange: Das Muster war das gleiche wie im vergangenen Mai: wieder ein mit Sprengstoff beladenes Auto, wieder eine von Ausländern bewohnte Siedlung und wieder die saudiarabische Hauptstadt Riad. Es gab wohl Hinweise auf einen bevorstehenden Terroranschlag, verhindert werden konnte er trotzdem nicht. Diesmal mindestens 17 Tote und über 120 Verletzte, so die bisherige Bilanz des Anschlags aus der Nacht zum Sonntag. Und er demonstriert einmal mehr, dass der islamistische Terror noch längst nicht eingedämmt ist. Im Gegenteil, er hat womöglich seine Operationsbasis erweitern können. Darüber sprechen wir jetzt mir Rolf Tophoven, er ist Leiter des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen. Besteht für Sie, Herr Tophoven, irgendein vernünftiger Zweifel, dass das Attentat auf das Konto von El-Kaida geht? Tophoven: Wenn wir uns den modus operandi der jüngsten Operation näher ansehen und ihn analysieren, dann lässt das zweifelsfrei auf El-Kaida schließen. Zum Einsatz kam erneut ein Selbstmordkommando, es wurden große Mengen Sprengstoff in dem Fahrzeug der Attentäter verpackt und es zeigte sich erneut die Planungstreue und das ist ganz entscheidend, wenn man den Terror der El- Kaida und Osama Bin Ladens analysiert. Unter Planungstreue verstehe ich, dass sie das ausführen, was sie ankündigen. Vor einem Monat hat die El-Kaida-Führung Selbstmordattentate innerhalb und außerhalb der USA, unter anderem auch expressis verbis in Saudi-Arabien angekündigt. El-Kaida die bisherige Geschichte der Terrortruppe zeigt, dass immer das durchgeführt wird, was man ankündigt, auch wenn zwischen Ankündigung und Tatausführung längere Zeiträume liegen. Lange: Das heißt, El-Kaida fühlt sich zumindest noch sehr stark. Sind die saudischen Sicherheitskräfte dementsprechend schwach? Tophoven: Man hat in der Vergangenheit den saudischen Sicherheitskräften immer wieder eine relativ laxe Haltung im Kampf gegen den Terror vorgeworfen. Das war sicherlich so der Fall bis zum 12. Mai diesen Jahres, wo es ja in einer koordinierten Terroraktion 35 Menschen in Rias gab, die Opfer der militanten Islamisten wurden. Danach wurden zum Teil bis zu 600 El-Kaida-Sympathisanten, vermeintliche Terroristen festgenommen, in die Gefängnisse geworfen, es wurden bei großen Suchaktionen Waffen und Sprengmaterial gefunden, aber ob das ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Die Terrorfront ist heute mitten in Riad und das Credo der Terroristen zielt eindeutig auf das ihnen verhasste und korrupte westlich orientierte Königshaus und die Partner der Herrscherfamilie, vor allem die USA. Die Botschaft Osama Bin Ladens, der ja aus Saudi-Arabien stammt, ist schlicht und einfach zu sagen: das Öl ist ein Geschenk Allahs und es gehört den Muslimen, aber die Muslime besitzen nicht den Zugriff auf die Ölquellen, den haben die westlichen Ungläubigen, vor allem die USA. Diese Botschaft, darüber hat man sich im Westen bisher getäuscht, verfängt im Untergrund. Für mich sind die jüngste Bomben und Anschläge ein Menetekel, die Botschaft des Terrors ist eindeutig. Ausländer, besonders die politischen und militärischen Stützen des Regimes, vor allem die USA, müssen aus Saudi-Arabien rausgebombt werden. Lange: Nun sind die Opfer diesmal keine westlichen Ausländer sondern, wenn ich es richtig sehe, ausschließlich Ausländer aus islamischen Ländern. Kann das diese Terrorgruppe nicht Rückhalt kosten bei ihren Sympathisanten? Tophoven: Der Terror, besonders der Terror militanter Islamisten, das haben auch die jüngsten schweren Anschläge gezeigt - nicht nur in Riad, sondern auch in Casablanca oder asiatischen Ländern, wo der größte muslimische Bevölkerungsraum dieser Erde liegt -, dass man darauf keine Rücksicht nimmt. Die Zielsetzung jeden Terrors ist Panik, Angst und Schrecken zu verbreiten. Man will das Regime in Saudi-Arabien im Inneren destabilisieren, der Herrscherfamilie signalisieren, ihr könnt die eigenen Leute nicht schützen, ihr müsst von euren Thronsesseln gebombt werden. Noch etwas zeigt die massive Konzentration des militanten islamistischen Terrors auf Saudi-Arabien: die geographische Verlagerung des Terrors in die Region am Golf, wie bereits tätlich im Irak demonstriert, hat nun auch Saudi-Arabien erfasst und für nahöstliche und auch westliche Geheimdienste kommt diese Entwicklung nicht überraschend, denn bereits der Terroranschlag vom 11. Mai dieses Jahres in Riad zeigte diesen strategischen Wandel, was den Zielraum von Attentaten betrifft. Dieser Zielraum wird mehr und mehr selbst in muslimische Länder verlagert, selbst in die Region um den Golf. Lange: Die Regierung von Saudi-Arabien geht nach eigenem Bekunden stärker gegen diese Terrorgruppen vor. Nun gehört aber Bin Laden zu einer der führenden Familien. Gibt es in den Eliten der saudischen Gesellschaft vielleicht doch noch immer kräftige oder nicht nur klammheimliche Unterstützung für diese Gruppen? Tophoven: Auch dieses zeigt, diese Einschätzung, dass es das bisher nicht gegeben habe, ist eine völlige Fehleinschätzung. Man muss ganz klar sehen, dass einflussreiche saudische Finanziers in der Vergangenheit terroristische Operationen und Gruppen, seien es nun palästinensischen wie die Hamas oder Hisbollah oder den Djihad, unterstützt haben. Man hat dem Irrglauben anheimgelegen in Saudi-Arabien, man könne durch Sponsoring gewisser terroristischer Gruppierungen sich vom Terror im eigenen Lande freikaufen. Dieses war eine Fehlkalkulation. Die jüngsten Terroroperation in Saudi-Arabien zeigen: Bin Laden hat massive Anhänger, sie sitzen in einflussreichen Clans und Stammesführern und möglicherweise verlaufen sich sogar die Spuren sozusagen in einer kameradschaftlichen Verbundenheit der Kommandos in den Weiten der saudischen Wüste. Wie gesagt, Bin Laden hat zahlreiche Freunde, einflussreiche Gönner und man weiß, dass viele Geschäftszweige und Finanzstrukturen mit El- Kaida verknüpft sind und das ist das Bedrohliche und ich fürchte, es wird weitere Anschläge, terroristische Operationen militanter Islamisten in Saudi- Arabien geben. Lange: Das war Rolf Tophoven, er ist Leiter des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen, vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2003