Remme: Herr Schorlemmer, Angela Merkel hat gestern dem Sinne nach gesagt, in wenigen Tagen, ja Wochen, spricht kein Mensch mehr davon, wie dieser Kandidat gefunden wurde. Ist die Empörung also übertrieben? Schorlemmer: Nein, sie ist nicht übertrieben. Das war, denke ich für alle Beteiligten unwürdig, wie dieses Spiel getrieben wurde und wie die Leute in das Karussell geworfen wurden und wieder rausgeflogen sind. Mir wurde klar, dass es hier nicht wirklich um die Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit für dieses höchste Staatsamt geht, sondern dass auch ein Machtpoker vor aller Augen gespielt wurde. Remme: Wie erklären Sie sich diese chaotische Willensbildung? Schorlemmer: Ich glaube, weil sich zunächst keine Persönlichkeit herausbildete, die zugleich die Zustimmung aller Bürger hat und die in Bezug auf strategische Entscheidungen, wie man heute so sagt, die richtige gewesen wäre. Ich denke, man hat nicht gefragt: "Wer ist die kompetenteste Persönlichkeit, die gleichzeitig ein Bürgerpräsident oder Bürgerpräsidentin werden könnte?" Man hat einen Präsidentschaftskandidaten des bürgerlichen Lagers gesucht und das ist meiner Meinung nach falsch für dieses Amt. Es hätten sich auch andere Personen ergeben, die von vornherein stärker die Zustimmung aller gefunden hätten. Remme: Nämlich? Schorlemmer: Ich denke, zum Beispiel Klaus Töpfer, der auch internationale Erfahrung hat, der etwas Liberales, etwas Konservatives, etwas Soziales und eine ökologische Kompetenz mitbringt, der Verbindlichkeit ausstrahlt und kommunikative Begabung hat und der die Welt eben von Nairobi, nicht von New York aus sieht, und der weiß, wo die Bruchstellen unserer Zukunft liegen und nicht bloß ein Fachmann in monetären Fragen ist. Remme: Nicht aus Nairobi, sondern aus New York, welchen Unterschied wollen Sie damit zum Ausdruck bringen? Schorlemmer: Ich will damit sagen, dass Töpfer weiß, welche Probleme global uns allen ins Haus stehen. Ein Mann der es gewohnt ist etwa 33.000 $, also 66.000 DM, monatlich zu verdienen - kann der wirklich verstehen, wie es einem Menschen im Minijob geht? Oder einem Menschen, der mit 61 in Deutschland irgendwo noch eine Chance sucht? Ein Ökonom an der Staatspitze soll uns offenbar besser erklären, wie er gestern gesagt hat, warum Veränderungen nötig sind. Ich sage mal so: er soll uns besser erklären, warum es vielen schlechter gehen muss, damit es der Wirtschaft wieder gut geht und es uns dann allen wieder besser geht. Na, ich warte mal ab Remme: Haben in diesem Prozess nur Personen oder auch das Amt des Bundespräsidenten Schaden genommen? Schorlemmer: Es haben nicht nur Personen, es hat auch das Amt Schaden genommen, weil vor jedermanns Augen deutlich wurde, dass hier ein Parteienpoker gespielt wurde und dass hier auch Fragen des nächsten Bundeskanzlers mitentschieden wurden. Ich finde das sehr, sehr fragwürdig, dass diese Entscheidung so getroffen wurde und dass ein Mensch, von dem ich noch nicht sehen kann, ob er wirklich das ganze Spektrum dessen, was ein Bundespräsident zu tun hat und zu sein hat, auch wirklich abdeckt. Ich habe keine Vermutung, er könne das schlecht, sondern ich sehe noch nicht, ob das wirklich eine Entscheidung war, die eine Persönlichkeit, ein Profil betraf. Nein, es ist mehr ein Machtpoker gewesen. Remme: Überzeugt Sie die Alternative der rot-grünen Koalition? Schorlemmer: Da kann ich insofern ein bisschen mehr sagen, als ich sie, Frau Schwan, gut kenne. Ich glaube das, was sie von vornherein mitbringt, ist, dass sie sehr gut auf Menschen zugehen kann, dass sie was sehr unmittelbares hat und sehr gut auch die Probleme kennt in Ost und West und als Signal, dass die Bildungsfragen im Mittelpunkt stehen. Auch Frau Schavan wäre übrigens eine Kandidatin gewesen, die es uns vielleicht erspart hätte, dass es eine Kampfkandidatur gibt. Es gab, glaube ich, mehrere Kandidaten, die von vorne herein etwas Integrierendes haben, die bei uns bekannt sind, die ein Profil haben, das mit dem Bundespräsidenten zu tun hat. Ich denke auch an Frau Schmalz- Jacobsen. Das hätte uns erspart, eine Kampfabstimmung zu haben. Remme: Der Name Wolfgang Schäuble ist spätestens seit Anfang Januar zu einer Art Spielball in dieser Diskussion geworden. Wem ist das anzulasten? Schorlemmer: Ich glaube, zuerst ihm selbst. Ich habe ihn sehr verschieden erlebt und schätze ihn in Vielem ganz außerordentlich. Er ist ein großartiger Intellektueller und auch, wenn man so will, strategischer Kopf. Aber weil da Dinge ungeklärt sind, hätte er, glaube ich, dieses Amt doch nicht anstreben sollen. Er hätte wissen müssen, was ihm geschieht, wenn er auf diese Weise jetzt rausgekegelt wird. Remme: Wie wichtig wäre ein Kandidat aus dem Osten Deutschlands gewesen? Schorlemmer: Ich glaube nicht, dass Herkunft oder Geschlecht entscheidend sind, sondern Kompetenz. Da zeichnet sich gegenwärtig keine Persönlichkeit ab, eine wohl, aber die hat schon ein hohes Amt. Remme: Wen meinen Sie? Schorlemmer: Wolfgang Thierse Remme: Was können wir denn aus der Kandidatenkür 2004 für die Zukunft lernen? Schorlemmer: Dass die Parteien viel stärker schauen müssen, wie sie bei ihren Entscheidungen in Verbindung mit dem Volk stehen. Gerade ein Präsident, der der erste Bürger des Landes ist und ein wirklicher Bürgerpräsident sein will - da müsste das Volk ein Stückchen mehr nachdenken können. Die Politiker sollten nicht alles alleine bestimmen, so dass man den Eindruck hat, die Politik kümmert sich nur um die Menschen, wenn es mal um Wahlen geht, und ansonsten machen Sie ihr Ding miteinander und auch ihren Egotrip bei den Posten, den Sie da miteinander zu verteilen haben. Remme: Ist das ein Plädoyer für die Direktwahl des Bundespräsidenten? Schorlemmer: Nein, ich glaube nicht, dass es günstig wäre, weil man dann das Amt des Bundespräsidenten und seine Aufgaben erweitern müsste. Erfahrungen mit Weimar sollten uns da lehren, dass wir das nicht tun sollten. ©Deutschlandfunk 2004