Christine Heuer: In Washington hat sich heute früh auch die Politikwissenschaftlerin Cathleen Fischer vom American Institute for German Studies Kerrys Rede angehört. Mit ihr sprach ich unmittelbar danach und habe sie zuerst gefragt, wie ihr der Auftritt des demokratischen Präsidentschaftskandidaten gefallen hat. Cathleen Fischer: Die Rede hat mir gut gefallen und ich glaube, dass Kerry auch die drei Ziele erreicht hat, die er erreichen musste. Erstmal seine Führungsstärke beweisen, hervorheben, zweitens eine optimistische Vision für die Zukunft Amerikas anbieten und drittens auch einen stärkeren persönlichen Eindruck von John Kerry machen, denn bei vielen Wählern ist er eher unbekannt. Ich glaube, er hat alle diese drei Ziele erreicht. Heuer: Gerade das Profil John Kerrys war ja ein viel debattiertes Problem in den vergangenen Wochen. Hat sie das überrascht, dass er sich so profilieren konnte mit dieser Rede? Fischer: Ja, da steckten hohe Erwartungen dahinter, aber das war eben die Frage: Wird Kerry das schaffen? Das war ein hoher Erwartungsdruck. Ich glaube, er hat eine gute, starke Rede gehalten. Man muss aber bedenken, bei dieser Rede ging es darum, eine relativ kleine Zahl von unentschiedenen Wählern zu überzeugen. Die Delegierten auf dem Parteitag, die sind ja schon Kerry-Befürworter und es gibt auch viele Amerikaner, die sich schon für Bush entschieden haben. Das heißt, es geht ja wirklich um diese kleine Zahl von unentschiedenen Wählern. Ich glaube, die Rede könnte doch einen Unterschied machen, aber wir werden es ja sehen. Heuer: Kommen wir mal zu den Inhalten der Rede, dem Irak-Krieg, dazu hat sich Kerry ja sehr kämpferisch geäußert. Hat Sie das überrascht? Fischer: Nein, er musste sich ja zum Irak äußern. Es wird manchmal über Kerry gesagt, dass er dazu neigt, die Dinge zu komplex zu sehen. Aber die Dinge sind ja manchmal komplex, aber dann hat er auch ganz klare Worte über den Irak gesagt, auch über die Reform der Geheimdienste zum Beispiel, Umsetzung der Empfehlung der Nine Eleven Commission zur Bekämpfung des Terrorismus. Das sind auch sehr wichtige Themen für die Amerikaner, nicht nur der Irak. Es geht um die Sicherheit Amerikas. Das war auch sehr wichtig, dass er Führungsstärke zeigen konnte, seine Bereitschaft, seine Fähigkeit, als Oberbefehlshaber, als "Commander-in-chief" der Streitkräfte zu dienen und das hat er dann immer wieder betont. Ich glaube, das ist dann auch gut rüber gekommen. Heuer: Es macht ein bisschen den Eindruck, dass Kerry in punkto Irak versucht hat Bush sozusagen von rechts zu überholen. Ist das die richtige Strategie? Fischer: Nein, das würde ich nicht so bezeichnen. Er hat ja immer wieder die Wichtigkeit der Integrität betont, dass Vertrauen sehr wichtig ist. Er will es schaffen, dass Amerika in der Welt wieder respektiert wird. Das waren eben die Themen auch bei dieser Iraksache: Integrität, Respekt und Vertrauen. Heuer: Andersrum gefragt: Wären mit einem Nein zu diesem Irakkrieg Wahlen in Amerika überhaupt zu gewinnen? Wie ist da die Stimmung? Fischer: Ich muss sagen, es geht in Amerika nicht hauptsächlich oder nur um den Irakkrieg. Da ist die Debatte bei uns etwas anders als in Deutschland zurzeit. Bekämpfung des Terrorismus, wirtschaftliche Fragen, das sind auch sehr wichtige Fragen und überhaupt das Thema Sicherheit. Irak ist ein Teil davon, aber nicht das Ganze. Heuer: Wie hat sich denn Kerry bei diesen Themen Terrorismus, Sicherheit gegen Bush abgesetzt? Fischer: Er will ja die Empfehlungen der Nine Eleven Commission sofort umsetzen, wenn er zum Präsidenten gewählt wird, auch die Reform der Geheimdienste unternehmen. Das ist dann auch wichtig. Er hat ja einige konkrete Vorschläge gemacht und das am Anfang der Rede betont. Das ist wichtig. Die Prioritäten hat er dann gewissermaßen gleich gesetzt: Bekämpfung des Terrorismus und dazu gehört natürlich auch die Reform der Geheimdienste. Heuer: Wie glauben Sie, kommt das, was Kerry zur Wirtschaft gesagt hat bei den Amerikanern an? Fischer: Er hat ein ziemlich volles Programm angedeutet, wie er Arbeitsplätze schaffen kann, wie wir das Gesundheitswesen stärken können, Bildung stärken. Es wurden viele Punkte berührt. Er konnte natürlich nicht so viel Details angeben. Aber das musste angesprochen werden. Das ist ja sehr wichtig, weil wirtschaftliche Fragen bei uns enorm wichtig sind und natürlich Arbeitsplätze, Gesundheitswesen und Bildung, die drei Themen. Heuer: An welchen Themen entscheidet sich die Wahl wohl? Fischer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Kerry muss die unentschiedenen Wähler überzeugen, dass er die nötige Führungsstärke hat im Kampf gegen den Terrorismus, dass er dann auch wirtschaftliche Reformen, ein wirtschaftliches Programm hat, das auch wirken kann. Also Wirtschaft, Terrorismus, Sicherheitspolitik, das schließt natürlich auch den Irak mit ein. Man muss auch dazu sagen, es kann noch einiges passieren, etwas unerwartetes, was auch die Wahlen beeinflussen kann. Man muss ja auch bedenken, in unserem Wahlsystem kann die Wahl in einer kleinen Zahl von Staaten entschieden werden, weil wir das Wahlmännersystem haben. Heuer: Wie schätzen Sie Kerrys Chancen nach dieser Rede ein? 50 zu 50 oder besser? Fischer: Man muss bedenken, dass Amerika ein sehr stark polarisiertes Land ist. Wenn Kerry gewinnt, dann wird es wahrscheinlich mit einer sehr knappen Mehrheit sein, das gleiche gilt für Bush. Also es bleibt bei 50 zu 50. Wir müssen einfach warten und sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Heuer: Wissen Sie selbst schon, wen Sie wählen? Fischer: Ja. Heuer: Verraten Sie uns wen? Fischer: Nein, das sage ich lieber nicht, aber ich weiß schon, wen ich wähle. ©Deutschlandfunk 2004