Durak: Weil die USA Europa und Asien künftig militärisch kaum noch als festen Truppenstandort brauchen, wird die Zahl der amerikanischen Truppen reduziert, also auch in Deutschland. Was vor Monaten schon angekündigt worden war, hat Präsident Bush gestern, na ja sagen wir mal, präzisiert. Sechzigtausend bis siebzigtausend Militärangehörige und etwa einhunderttausend Zivilangestellte werden in den nächsten zehn Jahren nach Hause geholt. Über die wirtschaftlichen Folgen für deutsche Gemeinden haben wir eben aus Rheinland-Pfalz etwas gehört, über längerfristige politische Folgen für das deutsch-amerikanische, europäisch-amerikanische Verhältnis will ich jetzt mit dem Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt, Karsten Voigt, sprechen. Guten Morgen, Herr Voigt. Voigt: Schönen guten Morgen. Durak: Herr Voigt, was geht uns Deutschen, was den Amerikanern auf lange Sicht verloren im Zuge dieses Abzuges? Voigt: Natürlich waren die amerikanischen Soldaten, die hier in Deutschland stationiert waren, wenn sie zurückgekehrt sind in die USA gleichzeitig die besten Botschafter für deutsch-amerikanische Beziehungen. Es gibt Umfragen, die zeigen, dass diese amerikanischen Soldaten mit positiven Eindrücken von Deutschland zurückgekehrt sind in die Heimat und dass sie deshalb das Deutschlandbild in den USA auch positiv in der gesamten Nachkriegszeit beeinflusst haben. Durak: Wenn nun die Amerikaner ihre GIs nicht mehr in Deutschland oder Europa haben, verlieren auch diejenigen das Interesse an Europa, an Europa, will fragen, verliert die Weltmacht an Bodenhaftung? Voigt: Nein, Deutschland bleibt der größte Stationierungsort der USA in Europa. Die Amerikaner werden gleichzeitig die Stellungen in Europa besonders in Deutschland dazu nutzen, nicht mehr um sich gegen Feinde in Europa zu wehren, die gibt es nämlich nicht mehr, sondern um hier hochbewegliche Einheiten zu haben, die kommen hier neu her, die für Einsätze gedacht sind außerhalb von Europa oder am Rande von Europa. Und gleichzeitig werden sie das Generalkonsulat in Frankfurt weiter ausbauen, um es als Knotenpunkt zu benutzen, für die Versorgung ihrer diplomatischen Einrichtungen in Europa insgesamt. Das wird ein Generalkonsulat mit bis zu tausend Mitarbeitern. Das heißt, insgesamt bleiben die deutsch-amerikanischen Beziehungen auch im militärischen Bereich und im diplomatischen Bereich außerordentlich eng und sehr wichtig, aber sind davon geprägt, dass Deutsche und Amerikaner entweder gemeinsam oder die Amerikaner allein, jetzt Bedrohungen von Europa abhalten, die von außerhalb von Europa kommen. Durak: Herr Voigt, es gibt ja Möglichkeiten, die Begegnungen zu fördern, vor allen Dingen mit normalen Leuten und nicht nur mit Eliten wie beispielsweise in diesen Führungsgremien, es gibt Austauschprogramme, Jugendprogramme auch unter den Parlamenten, wie steht es da? Voigt: Es gibt kein Land der Welt mit dem Deutschland so viele Austauschprogramme hat wie mit den USA. Das fängt im Schulbereich an und geht bis hin zu Seniorenvereinigungen, das geht von wissenschaftlichen Gruppierungen von Mitarbeitern von Kongressen und als jemand, der doch gut einmal im Monat in den USA ist, kann ich einfach sagen, Deutschland ist das Land, das in Washington nach wie vor über das dichteste Netz aller europäischen Staaten verfügt, auf dem Kontinent wenigstens, im Bezug auf den Kongress, in Bezug auf die think tanks, in Bezug auf gesellschaftliche Einrichtungen. Das wird bleiben. Trotzdem ist der Abzug von Soldaten natürlich ein Verlust, wir bedauern ihn, die amerikanischen Soldaten sind hier willkommen gewesen, aber gleichzeitig ist er Ausdruck eines Erfolges, nämlich des Erfolges, gemeinsam den Kalten Krieg durchgehalten zu haben und die Spaltung Europas beendet zu haben. Durak: Herr Voigt, ein Wort noch zum sicherheitspolitischen Aspekt. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Christian Schmidt sieht die Sicherheit Europas in Gefahr, ist heute in einer Zeitung zu lesen, und er fordert eine deutsch-britische Initiative, um das Militärbündnis, also die Nato, neu auszurichten, weil die Amerikaner abziehen. Übertreibt er? Voigt: Da muss man zwei Teile seiner Äußerung trennen. Das eine, die Sicherheit Europas ist nicht in Gefahr, da irrt Herr Schmidt und weil sie nicht in Gefahr ist, können die Amerikaner ihre Truppen in Europa verringern und umstrukturieren, so dass sie für die Gefahrenabwehr von Gefahren außerhalb von Europa dienen. Das zweite, dass man das transatlantische Bündnis dauernd erneuern muss, das ist eine Aufgabe, die sich besonders seit Ende des Kalten Krieges immer wieder aufs neue stellt. Und da hat Herr Schmidt recht, das tut die Nato auch, das tut die Bundesregierung auch, denn es geht darum, dass wir das transatlantische Bündnis nicht mehr pflegen angesichts von Erinnerungen, was wir gemeinsam im Kalten Krieg geleistet haben, sondern dass wir es pflegen und erneuern angesichts der neuen Risiken und Gefahren, die sich für die Gemeinschaft transatlantischer Nationen von außerhalb von Europa jetzt stellen. Durak: In welchem Zustand befinden sich denn die deutsch-amerikanischen Beziehungen derzeit, nach den Irritationen, den bekannten? Voigt: Nachdem wir wirklich eine sehr sehr schwierige Phase hatten, die übrigens nicht nur mit Personen zusammenhing, sondern mit tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten in der Sache, sind wir jetzt wieder in einer Phase, die gekennzeichnet ist von sehr engen Konsultationen zum Beispiel über die Lage in Afghanistan und die Lage auf dem Balkan, aber auch über einen intensiven Meinungsaustausch über die Lage im Irak und Nahen und Mittleren Osten insgesamt. Durak: Besten Dank, Karsten Voigt war das, der Koordinator der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Auswärtigen Amt. Herzlichen Dank, Herr Voigt, für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2004