Simon: 1,2 Millionen Menschen sind geflohen aus ihren Dörfern in Darfur im Westsudan, geflohen vor den regierungstreuen Milizen der Djanjaweed. Alle, ob sie sich über die Grenze in den Tschad gerettet oder im Westen der Krisenprovinz Zuflucht gesucht haben, sind angewiesen auf Wasser und Essen, Kleidung, Zelte und medizinische Versorgung und damit auf die UNO. Die sudanesische Regierung verspricht seit Monaten die Entwaffnung der Milizen, aber eine Zahl sagt in diesem Zusammenhang mehr als die schönsten Worte. 180 Waffen, so teilte eine regierungsnahe Agentur in Karthum gestern mit, 180 Waffen sind seither konfisziert worden. Bislang gibt es nur ein kleines Beobachterteam der afrikanischen Union in Darfur, geschützt von 150 ruandischen Soldaten. Am Telefon ist nun Gerhard Rudolf Baum, ehemals UNO-Beauftragter für den Sudan. Ich grüße Sie, Herr Baum. Baum: Ja, guten Morgen. Simon: 150 Soldaten aus Ruanda, dazu kommen Anfang nächster Woche noch mal 150 aus Nigeria, kann das irgendetwas ausrichten im Konflikt in Darfur? Baum: Nein, das ist viel zu wenig, und es bewegt sich nicht viel im Sudan. Die Sicherheitssituation ist weiterhin dramatisch. Das heißt, der Waffenstillstand vom 8. April, also vor vier Monaten geschlossen, wird nicht eingehalten. Die Situation für die Flüchtlinge ist zwar etwas entspannter was die humanitäre Hilfe angeht, aber ihre Lage, auch die Ausbreitung von Epidemien, ist nach wie vor schlecht. Die sudanesische Regierung sagt selber, dass sie nicht in der Lage sein wird, in den 30 Tagen, die der Sicherheitsrat ihr gesetzt hat, die Ziele durchzusetzen. Das führt zu der Forderung, die ich nochmals erhebe, dass eine humanitäre Intervention dringend notwendig ist. Diese Zahl, von 150 Beobachtern und 300 Soldaten, die die Beobachter beschützen sollen, ist jämmerlich wenig. Es gibt jetzt Unruhen in den afrikanischen Staaten selber, etwa Nigeria. Die Zahl muss aufgestockt werden. Wir brauchen eine humanitäre Intervention, sonst machen wir uns mitschuldig an dem, was dort passiert. Und ich sehe mit Unbehagen, dass auch die europäische Front nicht steht. Die Franzosen und die Engländer haben zwar die sehr gute europäische Resolution mitunterschrieben, geben aber der Regierung in Karthum Signale, dass es doch nicht so ernst gemeint ist. Und das gleiche tut der Sonderbeauftragte der UN, der Sonderbeauftragte von Kofi Annan. Er muss zur Ordnung gerufen werden. Nur mit Druck erreicht man etwas, sonst wird die sudanesische Regierung sich mit allen Mitteln aus diesen Verpflichtungen herauszuziehen versuchen. Simon: Herr Baum, wer sollte denn die Truppen für die von Ihnen geforderte humanitäre Intervention stellen, die Afrikaner? Baum: Am besten wäre eine Blauhelmaktion. Die Truppen sollten im wesentlichen von den Afrikanern gestellt werden, aber wir dürfen uns nicht verweigern. Wir dürfen nicht nur kritisieren, sondern wir sollten mitwirken. Das gilt für die Europäer, das gilt auch für die Amerikaner. Und die Regierung macht uns nach wie vor etwas vor. Wo ist denn die Ernsthaftigkeit unter Beweis gestellt, dass sie gegen diese Milizen etwas tun will. Es gibt ja Beweise, dass sie mit den Milizen gemeinsame Sache gemacht hat. Das Ziel der Regierung, einen Vertreibungs- und Ausrottungsfeldzug zu führen, ist ja erreicht, sie haben ja die Zahlen genannt. Also wo ist der Beweis, dass die Regierung wirklich gegen die Regierung vorgeht. Es gibt Milizenführer, die reisen frei im Lande herum, die geben Interviews in Karthum. Es herrscht Straflosigkeit und wir werden an der Nase herumgeführt. Simon: Herr Baum, dass die sudanesische Regierung nicht das tut, was sie tun könnte, das scheint ja auf der Hand zu liegen. Sie sagen, die europäische Front steht. Können Sie sich erklären, warum nicht mehr Druck gemacht wird? Baum: Das hat verschiedene Gründe. Die Entschließung des Sicherheitsrats ist ja sehr, sehr schwach, da werden Sanktionen angedroht, Sanktionen hätten längst ausgesprochen werden müssen. Da gibt es wirtschaftliche Interessen, da gibt es etwa bei China und bei Russland, es gibt politische Interessen. Und im Grunde, die Menschen sterben, es findet eine ethnische Säuberung statt, eine große Katastrophe, und hier werden diplomatische Spielchen gemacht. Es gibt unendlich viele Konferenzen, aber ich orientiere mich an der Lage der Menschen und die hat sich nicht wesentlich gebessert. Es ist wirklich nach wie vor ein Skandal. Simon: Herr Baum, ist es auch das in Afrika ja weit verbreitete Problem, dass eigentlich das Interesse zu klein ist am Konflikt? Baum: Das Interesse ist gewachsen, muss ich sagen. Nachdem monatelang weggesehen wurde, auch im Westen, ist das Interesse gewachsen. Die deutsche Regierung nimmt eine sehr entschiedene Haltung ein. Auch die amerikanische Regierung, der amerikanische Kongress spricht von Völkermord. Ich tue das auch. Die Aufmerksamkeit ist gewachsen, aber der Druck muss jetzt erhöht werden. Wir dürfen auf keinen Fall zu einer Situation kommen, dass wir den Sudanesen signalisieren, dass es mit dieser Frist, die jetzt in zwei Wochen abläuft, nicht ernst gemeint ist. Die Sudanesen sind sehr geschickte Verhandlungsführer und sie versuchen, sich aus diesem Druck herauszuwinden. Das dürfen wir einfach nicht zulassen. Simon: Herr Baum, Sie sagten, wenn nichts passiert bis in zwei Wochen, müssen Sanktionen her. Sehen Sie dazu eine Bereitschaft in der Welt? Baum: Leider möchte ich sagen, dass diese Staaten, die jetzt schon, die eine starke Resolution verhindert haben, auch versuchen werden, das in den nächsten Wochen zu tun. Ich bin da ziemlich pessimistisch. Umso mehr müssen die Europäer jetzt ihren Druck verstärken. Und ich sage noch einmal, eine Schlüsselrolle haben Frankreich und Großbritannien. Sie müssen jetzt den Sudanesen sagen, dass sie es auch ernst meinen. Und die Sudanesen dürfen nicht das Gefühl haben, dass die Europäer hier mit unterschiedlichen Zungen reden. Simon: Das heißt, Berlin sollte durchaus seinen europäischen Freunden ein bisschen fester auf die Füße treten? Baum: Das hat Berlin schon getan. Die europäische Entschließung, die sehr weit geht, die vor drei Wochen beschlossen worden ist, die ist eigentlich eine sehr gute Grundlage. Aber es darf nicht augenzwinkernd von anderen Staaten den Sudanesen signalisiert werden, dass man es mit der Ernsthaftigkeit des Druckes doch nicht so halte, wie das in der Entschließung steht. Wir brauchen also eine humanitäre Intervention, wir brauchen aber auch eine Untersuchungskommission. Es muss jetzt international untersucht werden, was ist dort vorgefallen? Und die, die die Verantwortung tragen - und wir kennen ja eine ganze Reihe der Täter beim Namen - müssen zur Verantwortung gezogen werden. ©Deutschlandfunk 2004