Durak: Diese ursprüngliche Forderung der Entführer, Frankreich solle das Kopftuchverbot aufheben, sonst würden die beiden Männer ermordet hat viele Muslime in der Welt empört. Fast die gesamte arabische Welt spricht sich dagegen aus. Selbst Hamas, die ja eben in Israel verantwortlich für zwei Selbstmordattentate ist, hat sich dagegen ausgesprochen. Ich möchte darüber mit Mohammad Amman Hobohm sprechen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Herr Hobohm, mit einiger Bewunderung haben wir gehört und gelesen, dass und wie sich die französischen Muslime an die Seite aller Franzosen gestellt haben, obwohl es ja immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen kommt. Was denken Sie, wäre Gleiches in einem deutschen Fall vorstellbar? Hobohm: Ich glaube schon, dass das in einem solchen Fall vorstellbar wäre, denn die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist so, wie auch die französischen Schwestern und Brüder, im Prinzip gegen jede Gewalt, also auch die gegen die französischen Journalisten im Irak ausgeübte Gewalt. Durak: Nun ist es das eine, sich sozusagen öffentlich gegen Gewalt auszusprechen, das andere auch etwas dagegen zu tun. Sie haben ja gestern namens des Zentralrats die Entführung im Irak verurteilt und erklärt, im Islam gäbe es keine Entschuldigung für Terror und Gewalt gegen Unschuldige. Gibt es denn aber so etwas wie eine Bestrafung derjenigen, die es dennoch tun? Hobohm: Ja, eine solche Bestrafung gibt es, und eine solche Bestrafung würde auch ausgeführt, wenn man denn der Täter habhaft würde. Bisher ist man ja der Täter nicht habhaft geworden, aber ich glaube, wenn es möglich ist, die Verbrecher zu fangen, dann gibt es gar keinen anderen Weg als sie zu bestrafen. Durak: Wird dafür genug getan? Hobohm: Das ist eine Frage, die ich schlecht beantworten kann. Es hängt nicht nur davon ab, ob etwas getan wird, sondern die Frage ist, ob und in welchem Umfang etwas getan werden kann. Ich möchte eigentlich eine Gegenfrage stellen: Noch sind ja die Geiselnehmer im Irak nicht einmal ausreichend bekannt und schon gar nicht ihr Aufenthaltsort. Da ist die Frage doch eigentlich rhetorisch, ob man etwas gegen sie tun kann. Wir Muslime hier in Deutschland, die sich solidarisch erklärt haben, nicht nur mit den Muslimen in Frankreich, sondern auch mit dem französischen Volk und mit allen Menschen in der Welt, die guten Willens sind, würden wünschen und hoffen, dass diese Verbrecher gefasst und dann auch verurteilt würden, denn diese Kette der Gewalt muss durchbrochen werden. Durak: Nun wissen wir ja von den Mördern der armen Nepalesen, die gestern im Irak brutal ermordet wurden, dass sie sich zu ihrer Tat bekannt haben ausdrücklich als Muslime, als Islamisten. Sie sind ja nun wirklich ein lebenserfahrener Mann, haben Jahre Ihres Berufslebens auch in zahlreichen Ländern dieser Welt verbracht und viele Glaubensgenossen getroffen, beobachtet, kennen gelernt. Wie erklären Sie sich denn diese Radikalisierung unter Muslimen im Namen des Islam? Hobohm: Wir müssen dabei beachten, dass es sich ja bei diesen radikalen Kreisen unter den Muslimen um eine verschwindend kleine Minderheit handelt. Die Gruppen, die im Irak jetzt dieses Verbrechen begangen haben und vielleicht auch noch in Zukunft begehen werden, was ich bedauern würde, sind ja doch ein sehr eng umrissener Kreis. Ich kann immer nur betonen und wiederholen, dass die Mehrheit der Muslime in der ganzen Welt gegen jede Gewalt dieser Art ist. Durak: Niemand will weder Sie noch den Zentralrat der Muslime in Deutschland für so etwas verantwortlich machen, und dennoch bleiben oft Fragen bei Nichtmuslimen sozusagen stehen, ob wirklich von den Muslimen, die in den jeweiligen Ländern leben, genug getan wird, weshalb oft so lange geschwiegen wird, wenn etwas passiert ist, weshalb nicht ein Aufschrei der friedliebenden Muslime durch die Welt geht und immer erst auf die Nichtmuslime gewartet wird? Hobohm: Sie haben Recht. Auch das bedauere ich, dass vielleicht bei solchen Anlässen nicht laut genug und nicht schnell genug reagiert wird. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass es ja leider keine Zentralinstanz gibt wie in der katholischen Kirche etwa, wo von oben herab Aktionen initiiert werden könnten, die dann auch eine Mehrheit der Muslime umfassen. Selbst hier in Deutschland haben wir ja zwei oder drei Zentralorganisationen des Islam, aber die unterschwellige Meinung, überhaupt die Meinung unter den Muslimen auch hier im Lande ist ganz dezidiert gegen diese Art von Gewalt. Durak: Was ist denn mit der Zivilcourage der friedliebenden Muslime, sagen wir mal, hier in Deutschland? Wo bleibt sie? Hobohm: Es ist nicht so sehr eine Frage der Zivilcourage als eine Frage der Organisation. Ich würde hoffen und wünschen, dass wir die organisatorischen Fähigkeiten entwickelten, eine Demonstration größeren Umfangs gegen diese Taten zu organisieren. Bei den Muslimen, wie ich eben sagte, ist ja die Ablehnung gegen diese Taten absolut vorhanden. Es fehlt an der Organisation, diese Ablehnung durch Lichterketten oder durch Massendemonstrationen wie jetzt in Frankreich auch zum Ausdruck zu bringen. Durak: Was tun denn die Dachorganisationen, die Sie unter anderem vertreten, aber auch andere der zahlreichen muslimischen Organisationen? Gibt es da irgendwelche Bestrebungen, dies anzugehen und zu ändern? Hobohm: Natürlich gibt es Bestrebungen, derartige Dinge zu verurteilen und etwas dagegen zu tun. Auch da kann ich nur sagen, dass bei unseren angeschlossenen Gemeinden keinerlei Gewaltbereitschaft zu finden ist; im Gegenteil, wenn man zu Gesprächen mit den Gemeinden und mit den Vertretern der Gemeinden zusammenkommt, wird immer am gleichen Strang gezogen, jede im Namen des Islam ausgeübte Gewalt wird verurteilt. Durak: So etwas will Ihnen auch wirklich niemand unterstellen. Aber viele warten doch auf ein deutliches Signal. Ist denn ein Treffen in der nächsten Zeit möglicherweise geplant? Hobohm: Es ist ein Treffen noch innerhalb der nächsten zwei Monate geplant. Im Augenblick ist der Vorsitzende des Zentralrats Dr. Nadeem Elyas nicht im Lande, und auch zwei weitere Vorstandsmitglieder sind noch nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Aber ich bin auch der Meinung, dass bei dieser eskalierenden Gewalt in der Tat eine demonstrative Maßnahme getroffen werden muss, um eben auch den künftigen Verbrechern klarzumachen, dass sie sich mit ihren Taten außerhalb der islamischen Gemeinschaft gestellt haben. Durak: Herzlichen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2004