Birke: Der Abschluss der "republican convention" vor vielleicht gut einer Stunde markiert den Startschuss zum Endspurt im US-amerikanischen Wahlkampf. George W. Bush hat seine Nominierung durch die "republican convention", also den Parteitag seiner republikanischen Partei, angenommen. Er würde nie nachlassen, Amerika zu verteidigen, gleich was es koste, so die Worte von George Bush, der damit seine Rolle im Antiterrorkampf ganz auch in den Mittelpunkt der Wahlauseinandersetzung schiebt. War es ein Fehler von John Kerry, Bushs demokratischen Gegenspieler, sich auf dem Parteitag der Demokraten als fähiger Oberbefehlshaber präsentiert zu haben und damit das Wahlterrain abzustecken? Diese Frage habe ich vor gut einer Stunde Gebhard Schweigler vom National War College gestellt. Schweigler: Das kann man so noch nicht sagen, das heißt, wir wissen das wirklich erst am Ende des Wahltages am 2. November. Grundsätzlich gilt ja, dass die Fronten hier ja, was die Wähler betrifft, unheimlich hart festgefahren sind. Das heißt, es bewegt sich kaum etwas. Andererseits bedeutet das, dass die wenigen Stimmen, die vielleicht bewegt werden können, am Ende den Ausschlag geben werden. Und warum die Wähler sich dann so oder so entscheiden, kann man im Augenblick wirklich noch nicht feststellen. Zu Ihrer Frage zurück jedoch, es kommt natürlich auch darauf an, wie es im Irak, wie es in Afghanistan weiter geht. Es ist ja nicht unbedingt so erfolgreich, wie es der Präsident in seiner Rede heute Abend geschildert hat. Und wenn es da zu Schwierigkeiten, zu weiteren Schwierigkeiten kommen sollte, steht Kerry vielleicht doch ganz gut da noch am Ende. Birke: Herr Schweigler, nun hat Bush ja auch in einem Interview in den letzten Tagen zu erkennen gegeben, dass man diesen Krieg im Irak nicht unbedingt immer nur mit den Mitteln eines klassischen Krieges gewinnen könnte, also diesen Krieg gegen den Terror. Wie denn, wie kann man diesen Krieg gewinnen? Und was würde John Kerry, Ihrer Meinung nach, anders machen und was würde dann den amerikanischen Wähler womöglich beeindrucken? Schweigler: Grundsätzlich gilt, das fiel mir auch bei der Rede heute Abend auf, dass die beiden eigentlich gar nicht so weit auseinander sind, was konkrete Vorschläge dahingehend betrifft, wie man zum Beispiel den Krieg gegen den Terror führen sollte, oder auch speziell, wie es im Irak weitergehen sollte, haben die beiden keine konkreten Aussagen gemacht. Der Präsident hat möglicherweise als Versprecher gesagt, das ist ein sozusagen, ein endloser Krieg, ein Krieg ohne sicheren Sieg. Kerry ist da sicherlich gleicher Meinung. Man wird versuchen das im Irak so lange wie möglich durchzustehen und irgendwann einen Absprung zu schaffen, der sicherlich nicht das sein wird, was der Präsident heute Abend angekündigt hat, nämlich der absolute Sieg der Freiheit im Mittleren Osten. Das ist sicher nicht zu erwarten. Birke: Herr Schweigler, Bush präsentiert sich ja immer gern als der "compessionate conservative", als mitfühlender Konservativer, nur für die Oberschicht oder haben Sie in seiner Rede irgendwelche Anzeichen dafür entdeckt, dass er auch für die Mittel- oder die unteren Schichten spricht? Schweigler: Also für die Oberschicht ist er natürlich insbesondere dort "compassionate", wo es um die Steuerzahlungen geht. Nein, der Präsident hat durchaus Mitgefühl für bestimmte Probleme und Schichten der Bevölkerung, das kann man ihm nicht abstreiten. Er hat zum Beispiel am Anfang seiner Rede lange Ausführungen gemacht über die Notwendigkeit, amerikanische Kinder richtig, gut, anständig zu erziehen, besonderen Wert auch darauf gelegt, dass die benachteiligten Kinder bevorzugt behandelt werden. Da gibt es schon "compassion", sozusagen Mitleid für diejenigen, die benachteiligt sind. Birke: Klassisch heißt es ja immer in den USA die Wirtschaft, die "economy", die Wirtschaftsentwicklung entscheide die Wahl, unter Bush ist nun erstmalig die Zahl der Jobs netto geschrumpft, aus seinem Budgetüberschuss wurde ein Defizit, könnte ihn das die Präsidentschaft kosten? Schweigler: Ja, vor allem unter Berücksichtigung der Besonderheiten des amerikanischen Wahlsystems - es werden ja Wahlmänner gewählt, das heißt es kommt auf das Wahlergebnis in jedem einzelnen Bundesstaat an und in den Bundesstaaten, die besonders hart von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten betroffen sind, das heißt vor allem die im mittleren Westen, dort findet auch die heißeste, die schwerste Auseinandersetzung zwischen den beiden statt. Und sollte sich am Ende erweisen, dass sich die Wähler zum Beispiel in Staaten wie Ohio und Michigan, Pennsylvania für Kerry entscheiden, dann könnte man wohl sagen, dass sich die Wahl am Ende wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten für den Herausforderer entschieden hat. Birke: Nun hatte man hier in Europa zumindest in den letzten Tagen den Eindruck, dass eher die Integrität der jeweiligen Kandidaten zur Disposition gestellt wird vom jeweils anderen Lager. Ich spreche damit die Kampagne um John Kerry und seine Verdienst im Vietnamkrieg an. Inwieweit wird hier einfach nur auf Emotionen gesetzt? Schweigler: Es wird einerseits natürlich auf Emotionen gesetzt, weil in dieser Landschaft, wo wenig Bewegung noch an Wählerstimmen stattfindet über Emotionen vielleicht am ehesten noch jemand zu gewinnen ist. Aber natürlich darf man auch nicht vergessen, dass im amerikanischen, politischen System der Präsident eben sowohl Staatsoberhaupt wie Regierungschef ist. Und als Staatsoberhaupt insbesondere in dieser Funktion der Vertretung des gesamten Volkes erwarten die Amerikaner natürlich schon auch jemand, der sie richtig präsentiert und da kommt es auf die Integrität des Amtsinhabers natürlich besonders an. Und deswegen ist dies immer auch ein Thema in der politischen Auseinandersetzung. Birke: Herr Schweigler, abschließend ganz kurz noch die Frage, welche Auswirkung hat denn diese Wahl auf die Weltpolitik, auf das Zusammenspiel von Islam und westlicher Kultur auf internationaler Bühne? Schweigler: Das ist natürlich im Augenblick noch schwer abzuschätzen. Kerry hat angekündigt, dass er sensitiver vorgehen will. Das hat ihm den Spott der Republikaner eingebracht. Aber man kann das durchaus ernst nehmen. Dort, wo die Republikaner eher in schwarz und weiß Kategorien denken und auch handeln, könnte ein Kerry, könnten die Demokraten doch sensitiver in Grautönen eher vorgehen und das mag dann am Ende die internationale Politik, aber auch gerade das Verhältnis mit dem Islam bessern. Birke: Das war Gebhard Schweigler vom National War College in Washington. Das Gespräch haben wir vorhin aufgezeichnet. ©Deutschlandfunk 2004