Simon: Schon in den 70er Jahren schaute die deutsche Sozialdemokratie mit ihrem Skandinavien-geprägten Kanzler Willy Brandt gerne auf das so genannte "Schwedische Modell". Das wiederholt sich jetzt, allerdings unter ganz veränderten Bedingungen. Das Schwedische Modell steht heute für einen Staat, der erfolgreich den Umbau seiner traditionellen Sicherungs- und Versorgungssysteme geschafft hat und in punkto Beschäftigungs- und Wirtschaftslage in Europa relativ gut da steht. Aus Schweden kommt auch die Idee des Elterngeldes, das auf der Kabinettsklausur am Wochenende in Bonn auch für Deutschland ins Gespräch gebracht wurde. Mit dem Elterngeld sollen diejenigen zum Nachwuchs ermuntert werden, die in Deutschland bislang auffallend wenig Kinder bekommen, zum Beispiel Akademikerinnen und Frauen in Führungspositionen. Am Telefon ist Agnes Bührig vom schwedischen Rundfunk. Frau Bührig, wie funktioniert das denn mit dem Elterngeld in Schweden? Bührig: Es ist so, dass alle Eltern Anspruch haben auf 480 Tage bezahlten Elternurlaub, umgerechnet wären das also 16 Monate. Aber nur 13 Monate davon bekommen sie 80 Prozent ihres letzten Lohnes ausgezahlt und eine Besonderheit ist, dass 60 Tage davon vom Vater genommen werden müssen und 60 von der Mutter. Das heißt also zwei Monate sind quasi dem Vater reserviert. Das ist eben abhängig vom Einkommen, das ist keine Pauschalleistung sondern wird abhängig davon gezahlt, wie viel man verdient hat - natürlich gibt es auch eine Obergrenze. Die Väter haben zusätzlich noch die Möglichkeit, zehn Tage bezahlten Elternurlaub in der Zeit der Geburt des Kindes zu nehmen und 60 Tage können genommen werden wenn das Kind dann älter ist und erkrankt. Das ist natürlich auch eine ganz gute Einrichtung. Dann gibt es noch weitere Möglichkeiten: Bis das Kind acht Jahre alt ist dürfen die Arbeitnehmer die Arbeitszeit um zwei Stunden täglich verkürzen, bekommen natürlich dann weniger Geld. Das sind schon einige Leistungen, die ich ganz gut finde. Simon: Frau Bührig, wird das denn angenommen in Schweden? Bührig: Ja, das wird sehr angenommen. Wenn man mal hier in Stockholm durch die Straßen geht, dann sieht man sehr viele Väter mit Kinderwägen - also mehr als in Deutschland -, die auch alleine mit ihrem Kind unterwegs sind oder zwei Männer, die mit Kindern unterwegs sind. Das macht sich im Straßenbild schon bemerkbar. Es ist auch interessant wenn man mal guckt, wie komme ich mit meinem Kinderwagen durch? Es ist oft in den Bussen so, dass man als "Normalmensch" zur Seite rücken muss, weil ein großer Kinderwagen kommt mit ein bis zwei Kindern drin. Das ist also ganz selbstverständlich, dass die Kinder ihren Platz fordern, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Simon: Aber um das noch mal ganz klar zu machen: Es geht nicht um Väter oder Mütter, die jahrelang zu Hause bleiben, sondern eben nur über diese 16 Monate maximal aufgeteilt und anschließend ganz normal wieder voll arbeiten? Bührig: Ja genau. Der Arbeitsplatz wird erhalten und die Eltern können zurückkehren. Man kann sich das natürlich aufteilen. Es sind ja 480 Tage, wenn man das jetzt wirklich nimmt, sind das diese 16 Monate, aber man kann sich das natürlich auch aufteilen und sagen: "Ok, ich komme auch mit 40 Prozent meines Gehaltes aus eine gewisse Zeit lang. Dann kann ich die Zeit verdoppeln." Das kann man also ganz spontan und flexibel aufteilen. Simon: Lässt sich denn sagen, dass der Familienzuwachs - Schweden hat ja eine recht gesunde Geburtenrate - in den gewünschten Schichten, darum geht es ja auch in Deutschland, man möchte ja auch, dass zum Beispiel Akademikerinnen, Frauen in Führungspositionen mehr Kinder haben, dass das wirklich klar mit dem Familiengeld, dem Elterngeld zu tun hat? Bührig: Ja, diese These kann man schon stehen lassen. Es ist eben die Möglichkeit für die Frauen, in ihren Beruf überhaupt zurückzukommen, wenn sie eine feste Stelle hatten und sich überhaupt darauf verlassen zu können, das Geld kommt irgendwie weiter. Man muss ja auch sehen, dass es in Schweden nicht so die Familienpolitik gibt wie in Deutschland, wo man also Vater, Mutter, Kind hat, eine Person bringt das Geld rein und man teilt die Rente. Es ist zum Beispiel auch so, dass jeder Mensch - ob Frau oder Mann - für seine eigene Rentenversicherung zuständig ist. Dadurch muss jede und jeder sehen, dass sie dann auch Geld bekommt in der Zeit, angerechnet bekommt. Das würde ich schon so sehen. Simon: In Deutschland haben manche Politiker Angst, dass das zu allen Eltern geltenden Neiddiskussionen schürt nach dem Motto "Sind die Kinder der besser Verdienenden dann mehr wert als unsere?", also ist Vater/Mutter-Sein bei Akademikern mehr wert, weil die ja prozentual mehr bekommen? Gibt es so eine Diskussion in Schweden? Bührig: In Schweden ist die Lage ein bisschen anders. Hier gilt der sozialdemokratische Mainstream und alle, die etwas herausgucken aus dieser Masse werden sowieso komisch angeguckt. Das hat so ein bisschen was von Sozialismus, mich erinnert das immer etwas an die DDR wie das hier abgeht, man stellt sich halt in die Schlange, man zieht seine Wartenummer, das ist ganz offensichtlich. Von Neid ist hier überhaupt keine Rede, weil es ist ja klar, die Eltern können sich die Zeit teilen oder sie können es lassen. Väter müssen auf jeden Fall zwei Monate nehmen und Neiddiskussionen kann ich nicht finden, weil es natürlich damit zusammenhängt, wie viel ich vorher verdient haben. Wenn ich arbeitslos war, kriege ich auch weniger Geld also das kann man nicht sagen, dass es das gibt. Simon: Frau Bührig, inwieweit halten Sie denn dieses Schwedische Modell überhaupt für übertragbar auf Deutschland? Da hängt ja noch viel mehr dran, Kinderbetreuung und, und, und. Bührig: Ich denke Kinderbetreuung ist ein guter Punkt. Hier können ja die Leute nach eineinhalb Jahren, wenn das Kind 18 Monate alt ist das Kind in die Krippe geben und freudig weiterarbeiten und das ist in Deutschland ja noch nicht so realisiert worden. Sozialpolitik ist in Schweden nach wie vor sehr wichtig, das Wohlfahrtsmodell ist zwar gekappt und abgespeckt worden vor zehn Jahren als hier diese Reformdiskussionen waren, die es in Deutschland jetzt gibt. Ich denke schon, dass wenn der politische Wille da ist, kann man das machen. Man muss natürlich gucken, wie man es finanziert. Simon: Wie hat man das in Schweden geschafft, das Elterngeld, was ja teuer wird, zu finanzieren? Bührig: Man hat halt prioritiert. Man hat gesagt es ist wichtig, dass wir das auf diesen Teil legen, hat dafür andere Steuern wieder runtergenommen. Jetzt im Moment werden auch wieder Budgetverhandlungen geführt, es geht darum, dass die Benzinsteuer erhöht werden soll. Man muss umverteilen, man muss wissen, was die Prioritäten sind und da muss man dann die Gelder drauf legen. Es gibt einen ganz starken sozialdemokratischen Willen eben, Sozialpolitik hier machbar zu machen und das kostet natürlich, das ist klar. Simon: Das wird auch durch die Parteien weg akzeptiert? Bührig: Man muss ja sehen, Schweden ist ein sozialdemokratisches Land schon seit vielen Jahrzehnten. Im Moment sind die Sozialdemokraten ja auch an der Regierung, haben zwar eine Minderheitsregierung, können sich aber durchsetzen mit ihren Themen. Ich muss schon sagen, Sozialthemen sind hier doch recht wichtig in Schweden. Simon: Ganz herzlichen Dank für diese Informationen. Das war Agnes Bührig vom schwedischen Rundfunk über Elterngeld und das Schwedische Modell. ©Deutschlandfunk 2004