Müller: Herr Rogowski, wenn wir auf das blicken, was der Kanzler bisher gemacht hat, wann bekommt Gerhard Schröder denn vom BDI die Tapferkeitsmedaille? Rogowoski: Auf jeden Fall unterstützen wir ihn in dem, was er getan hat beziehungsweise tut, weil wir es für beachtlich finden, dass er diese Wende vollzogen hat. Das war überhaupt nicht zu erwarten zu Beginn der Legislaturperiode. Die Agenda 2010 aus dem März 2003 markiert diesen Wendepunkt, und da ist vieles auf den Weg gebracht worden, noch nicht genügend, aber immerhin ein großer Anfang gemacht, und das verdient auch gelobt zu werden. Müller: Und das bei einem Sozialdemokraten? Rogowoski: Wir sollten uns nicht danach richten, welche Partei gerade regiert. Politik ist gut oder Politik ist schlecht, und wir haben unsere eigenen Vorstellungen, und danach beurteilen wir sie. Manches, was der Kanzler gemacht hat, geht in die richtige Richtung, und es fehlt noch vieles. Müller: Bevor wir darüber reden, was fehlt, inwieweit ist das Thema auch beim BDI, dass der Kanzler relativ mutig nach vorne geht, gegen sehr viele Widerstände auch im eigenen Lager angehen muss, versucht standhaft zu bleiben, aber mit großer Wahrscheinlichkeit politisch beim Wähler scheitern wird? Rogowoski: Das ist natürlich ein großes Problem. Ich glaube aber, der Kanzler hat nur zwei Möglichkeiten: Zurück oder hin und her, das wird auf gar keinen Fall respektiert. Er muss seinen Weg gehen, und er kann nur hoffen, dass dieser Weg zu einem guten Ergebnis führt, und das wäre mehr Wachstum und Beschäftigung. Wenn sich das einstellt, dann möchte ich gar nicht sagen, dass seine Chancen aussichtslos sind für 2006. Wankelmut, Umfallen, Richtungslosigkeit, das wird der Wähler auf gar keinen Fall honorieren. Der Union kann ich nur raten, sie soll mit eigenen konkreten Ansätzen hinter der Hecke vorkommen, denn auch der Wähler wird genau beobachten, wer denn nun Konkretes auf den Tisch legt. Müller: Das heißt also, die politischen, rhetorischen Interventionen, die es teilweise von Christdemokraten zum Thema Hartz IV gegeben hat, haben Sie sehr gestört? Rogowoski: Schauen Sie sich zum Beispiel die Bundestagsdebatte selbst an, Riesentamtam, wenig Konkretes, die Medien beteiligen sich wunderbar an diesem Tamtam, vor allem die Presse. Wenn man die Zeitungen aufschlägt und schaut, wo sind denn die Dinge, die man sich noch vornimmt für diese Legislaturperiode, dann ist da mehr oder weniger Null, egal in welcher Partei. Also wir müssen weitermachen, und die große Frage ist, kann das geschehen? Müller: Das heißt, Sie haben gestern kräftig geschluckt, als der Kanzler sich dazu geäußert hat, Hartz IV, da geht es natürlich um die Umsetzung, um eine zu erwartende gestiegene Akzeptanz, aber dann ist Schluss? Rogowoski: Das darf nicht sein, und wenn das so wäre, dann müsste ich den Kanzler kritisieren. Beim Arbeitsmarkt ist beispielsweise eine ganze Menge eingeleitet worden, um den Druck auf Arbeitslose, Arbeit zu suchen, zu verstärken. Es ist noch zuwenig im Rahmen dieser Arbeitsmarktreformen, was dazu führt, dass auch das Angebot an Arbeit steigen kann. Wir brauchen zum Beispiel unbedingt einen großen starken Niedriglohnsektor. Das geht aber sicherlich nicht mit Mindestlöhnen, im Gegenteil: Da müssen wir den Mut haben, die Löhne nach unten durch die Tarifbarrieren aufzubrechen. Es ist besser, es arbeitet jemand für vier Euro und bekommt einen staatlichen Zuschuss, anstatt dass er gar nicht arbeitet und der Staat zahlt 100 Prozent Arbeitslosenhilfe. Da liegt eine große Chance und ein großes Potential. Das Thema Kündigungsschutz, ich bin der festen Überzeugung, dass unser Kündigungsschutz in Deutschland eine große Einstellungsbarriere darstellt. Was bisher an Reformchen geschehen ist, reicht nicht aus. Ich würde den Kündigungsschutz weitgehend beseitigen, dann würden wir vielen Arbeitslosen die Chance geben, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Das Dritte wäre mehr betriebliche Autonomie in der Verhandlung von Löhnen und Arbeitszeiten. Das hat begonnen mit dem Tarifabschluss in der Metallindustrie, aber da sind wir noch lange nicht so weit wie wir sein müssen, und da mauern Gewerkschaften immer noch heftig, insbesondere die IG-Metall. Müller: Wenn wir auf Siemens und andere Firmen in der jüngsten Vergangenheit blicken, da zeigt sich dann doch, wenn beide Seiten wollen, Kompromisse möglich sind, vor allem dass diese Kompromisse im tarifrechtlichen Rahmen durchaus unproblematisch sind, wenn man das politisch will. Rogowoski: Also wenn man will, haben Sie Recht. Es gibt aber auch viele Fälle, wo gewaltig gemauert wird seitens der Gewerkschaften, und ohne eine gesetzliche Regelung wird das Thema nicht zu meistern sein. Es sind immer wieder Einzelfälle, und es müssen besondere Konstellationen sein, dann kommt die Landschaft in Bewegung. Wir müssen wieder mehr arbeiten, das ist auch so ein Punkt, mit weniger Arbeit wird man nicht wohlhabender. Müller: Haben Sie auch einen Forderungskatalog in punkto Flexibilität in Richtung Unternehmen selbst? Rogowoski: Ja, wir müssen in der Lage sein, die Arbeitszeiten nach oben und nach unten zu variieren. Der Markt ist nicht stabil. Heute habe ich viele Aufträge, morgen habe ich wenige Aufträge. Das kann saisonal oder auch konjunkturell bedingt sein, und dem muss ich mich anpassen. Wir brauchen auch mehr Flexibilität in Bezug auf die Entlohnung, das heißt, es müssen mehr Lohnbestandteile an die Unternehmensergebnisse gebunden sein. Wenn es dem Unternehmen gut geht, soll das Unternehmen ordentlich zahlen. Wenn es dem Unternehmen aber schlecht geht, dann muss das Unternehmen auch in der Lage sein, bis zu einem gewissen Grad seine Lohnkosten zu senken, ohne gleich Mitarbeiter entlassen zu müssen. Müller: Vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2004