Heuer: Verglichen mit dem Irak ist der Iran ein latenter Krisenherd im Nahen und Mittleren Osten, noch. Das könnte sich all zu rasch ändern, dann nämlich, wenn der Streit über das iranische Atomprogramm eskalierte. Die Regierung in Teheran behauptet, Atomenergie bloß friedlich nutzen zu wollen. Amerikaner und Israelis glauben aber, das Teheran in Wahrheit die Bombe möchte. Die USA möchten am liebsten den Weltsicherheitsrat einschalten, Israel denkt laut über ein Präventivangriff auf ein iranisches Atomkraftwerk nach und die europäische Diplomatie versucht, im Stillen zu vermitteln, mit ungewissen Erfolgsaussichten. Nächste Woche tagt die internationale Atomenergiebehörde, seit gestern wird die IAEA-Sitzung beim G-8-Treffen in Genf vorbereitet. Volker Perthes, Nahost-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, war im Sommer selbst im Iran. Herr Perthes, will der Iran tatsächlich nur Energie oder will er doch die Bombe? Perthes: Es gibt unterschiedliche Leute, die unterschiedliches wollen. Im Prinzip haben wir drei Tendenzen: Es gibt diejenigen, die wohl im Wesentlichen im militärischen Establishment tätig sind, die wollen die militärische Option. Sie wollen zumindest in der Lage sein, irgendwann die Bombe zu haben. Es gibt diejenigen, die man so anlog zu dem, was wir in Deutschland haben, die zivile Atomlobby nennen kann, die wollen die Atomkraft, weil sie sie für eine Fortschrittstechnologie halten, weil sie sagen, alle fortschrittlichen Länder, auch fortschrittliche Entwicklungsländer, wie Indien zum Beispiel, haben das. Aber die wollen nicht unbedingt eine militärische Nutzung. Und es gibt eine dritte Gruppe, das ist die, die auch mit den Europäern verhandelt, die sagen, "Nun ja, wir wollen die Optionen austesten, aber letztlich sind wir bereit, wenn es ein ordentliches Angebot aus dem Westen gibt, dann auf die Möglichkeiten der militärischen Nutzung oder auf Vorbereitungen, die zur militärischen Nutzung führen könnten - also die Urananreicherung etwa - zu verzichten". Heuer: Welche dieser drei Kräfte hat denn den stärksten Einfluss auf die Regierung in Teheran? Perthes: Die Regierung selbst gehört sicherlich am ehesten zu denen, die sagen, wir wollen einen Deal haben mit der internationalen Gemeinschaft. Aber hier gibt es natürlich auch Konjunkturen, wie sich die internationale Diskussion entwickelt. Je deutlicher die Drohungen werden aus den USA und aus Israel, desto mehr bekommen die Oberhand, die sagen, "Wir brauchen alle Optionen und gerade auch als Abschreckung eines möglichen Angriffes aus Israel oder aus den USA". Wenn Verhandlungen mit den Europäern Fortschritte machen, so wie das im letzten Oktober aussah und vielleicht demnächst wieder aussehen kann, gewinnen die die Oberhand, die sagen, "Nun ja wir müssen mal überlegen, was wir eigentlich dafür kriegen können, auch an Technologie zum Beispiel, wenn wir auf diese Urananreicherung verzichten". Heuer: Bislang scheint der Iran aber eben nicht zu verzichten, denn trotz aller Versprechungen, ist es ja so, dass an der Technik weiter gebaut wird. Ist Teherans Versprechungen überhaupt zu glauben? Perthes: Richtig, es wird weiter gebaut. Man hat gesagt, man hat die Suspendierung, die man den Europäern angeboten hat, wieder aufgehoben, arbeitet wieder an der Zusammenarbeit, an der Zusammensetzung von Zentrifugen. Die Iraner sagen, "Man kann uns genauso glauben, wie man den Europäern glaubt". Dieses Abkommen, was im letzten Oktober abgeschlossen worden ist, bei dem Besuch der letzten drei europäischen Außenminister, war in einigen Formulierungen wage und die Iraner haben bis jetzt noch nichts getan, was verboten ist. Aber tatsächlich muss man natürlich alle Äußerungen, auch von iranischen Politikern, mit der notwendigen Skepsis betrachten und ein bisschen darauf gucken, was sie neben dem tun, was sie ankündigen. Was Europäer skeptisch macht, oder internationale Beobachter insgesamt skeptisch macht, ist, dass Iran eben nicht nur an der Atomtechnologie arbeitet, sondern auch an Raketen arbeitet, die unter Umständen in der Lage sind, oder in der Lage wären, Atomsprengköpfe in andere Teile des Nahen und Mittleren Ostens zu tragen. Heuer: Und vor diesem Hintergrund rechnet Israel ja offenbar mit einem wirklichen atomaren Schlag Irans. Ist das denn eine grundlose Sorge? Perthes: Ich glaube nicht, dass Israel tatsächlich mit einem atomaren Schlag Irans rechnet, aber für Israel ist die Vorstellung, dass es einen anderen Staat in der Region gäbe, der auch Atomwaffen hätte und der in der Lage wäre, Israel zu bedrohen oder auch nur Israel abzuschrecken, ausgesprochen unangenehm und daher kommt diese Diskussion in Israel über die Möglichkeit eines sogenannten Präventivschlages. Man hat so etwas wie Israel ja schon mal 1981 gegen den Irak gemacht. Die Situation im Iran ist anders, ist anders auch in der Art und Weise, wie Atomeinrichtungen im Iran geographisch verteilt sind. Ganz so leicht würde das nicht sein. Heuer: Halten Sie es trotzdem für wahrscheinlich, dass Israel einen Präventivschlag wagt? Perthes: Ich halte das zur Zeit nicht für wahrscheinlich. Es wäre, wie auch israelische Wissenschaftler sagen, eine ganz gefährliche Aktion, die beantwortet werden würde, nicht mit einem iranischen Raketen- oder Atomschlag, dazu wären die Iraner ja gar nicht in der Lage, aber sicherlich beantwortet würde mit mehr regionaler Spannung, möglicherweise mit Übergriffen der libanesischen Hisbollah auf das Territorium Israels. Dies könnte Israel und seine direkten Nachbarn, also Israel, Syrien und den Libanon in militärische Auseinandersetzungen, wenn nicht in einen offenen Krieg verwickeln. Heuer: Sie haben vorhin erwähnt, dass man dem Iran ein Paket, sozusagen ein Gegenangebot machen müsste. Was sollte denn in diesem Paket drin stecken? Worauf legen die Iraner wert? Perthes: Ich glaube, es müsste vier Elemente haben, einmal zu sagen, wir nehmen ernst, dass die Iraner einen Staat entwickeln wollen, der auf der Schwelle zum Industrieland entsteht. Das heißt, man muss ein Technologieangebot machen. Das ist ihnen auch versprochen worden in diesem Abkommen letzten Oktober. Nur, wir müssen deutlich machen, dass modernste Technologie eben nicht nur Atomtechnologie heißt, sondern andere Bereiche moderner Technologien, die ein modernes Land ausmacht, bedeuten kann, die Biotechnik, die Informatik oder anderes. Man müsste ihnen zweitens, für die Atomkraftwerke, die sie bauen wollen, die sie natürlich auch bauen dürfen - egal was wir an grünen Einwänden dagegen haben mögen - zusagen, dass sie sicher die Brennstoffe geliefert bekommen, von der internationalen Gemeinschaft, dass es also keine technische oder wirtschaftliche Notwendigkeit gäbe, Brennstäbe selber aufzubereiten. Man müsste drittens, das ist ganz wichtig, in regionale Sicherheitsabkommen einsteigen. Natürlich gibt es hier eine sicherheitspolitische, regionale Situation, die für die Iraner auch unangenehm bedrohlich ist. Der direkte Nachbar Pakistan hat Atomwaffen, der etwas entferntere Nachbar Indien hat Atomwaffen, Israel hat Atomwaffen. Hier muss man in regionale Abkommen oder regionale Verfahren eintreten. Das vierte ist, dass die Europäer den Iran in anderen Bereichen engagieren müssen, also die Verhandlungen über ein Wirtschafts- und Kooperationsabkommen und auch den politischen Dialog über Menschenrechte und andere Fragen dringend wieder aufnehmen müssen. Heuer: Wie wahrscheinlich ist es, dass die US-Regierung ein solches Paket mitschnürt? Denn der Iran ist ja ein sehr gutes Wahlkampfthema für George Bush. Perthes: Ich kann mir vorstellen, dass die US-Regierung zur Zeit zumindest nichts dagegen hätte, wenn die Europäer ein solches Paket schnüren würden. Nachdem sie sich im Irak ja nicht gerade in der wünschenswertesten Situation befinden, haben die Vereinigten Staaten, glaube ich, gerade keine Lust auf ein weiteres Abenteuer im Mittlerer Osten. ©Deutschlandfunk 2004