Heuer: Die USA, so scheint es, setzten also ihre Hoffnungen darauf, dass mit dem Fall von Falludscha die Wende im Irak beginnt. Wie berechtigt sind diese Hoffnungen? Darüber möchte ich jetzt mit dem Irakexperten Ottfried Nassauer, Direktor beim Informationszentrum für transatlantische Sicherheit, sprechen. Herr Nassauer, aus Ihrer Sicht, hatten die USA politisch überhaupt die Wahl für oder gegen eine Offensive auf Falludscha? Nassauer: Das ist eine gute Frage. Sie haben sich selber in eine Situation hineinmanövriert, in der sie de facto sagen mussten, nein, wir hatten keine andere Alternative, sondern sie mussten auf jeden Fall sagen, wir demonstrieren, dass wir den irakischen Widerstand in der Form, wie er jetzt existiert, ausschalten wollen und den Weg zu Wahlen freimachen wollen. Heuer: Wenn die Rebellenhochburg Falludscha anders als bei den Versuchen, die es ja schon im April gab, diesmal tatsächlich fällt, ist das dann der Anfang vom Ende der Gewalt im Irak? Nassauer: Mit großer, wenn nicht sicherer Gewissheit, Nein, denn das, was im Moment im Irak an Widerstand vorhanden ist, das ist mit ziemlich großer Sicherheit nicht so einzuordnen, dass man sagt, hier gibt es einen Ort, an dem man den Widerstand bricht, und dann ist er für den ganzen Irak ein für allemal gebrochen. Wir befinden uns in einer Situation, in der man sagen kann, Falludscha ist ein Beispiel für einen Ort, an dem heftiger Widerstand existiert; wird er dort gebrochen, nun gut, dann ist es ein Ort weniger, aber es ist noch nicht der gesamte Irak. Heuer: Und es ist auch nicht die Wende? Nassauer: Und es ist auch nicht die Wende. Da bin ich auch relativ sicher, denn das, was wir zum Beispiel gestern sehen konnten, war eine Situation, in der es den Amerikanern doch gelungen ist, relativ einfach in die Stadt reinzukommen, was dafür spricht, dass relativ viele Widerstandskämpfer schon abgezogen waren, so viele noch da waren, dass der "für die arabischen Öffentlichkeitsaugen anständige Widerstand" tatsächlich sichtbar wurde und am Ende dann doch eine Situation entstehen könnte, in der ein Großteil dessen, was die Amerikaner an Widerstand in Falludscha erwarten würden, ihnen an anderen Orten neu begegnen kann. Heuer: An der Seite der US-Truppen kämpfen in Falludscha irakische Soldaten gegen irakische Widerständler. Was bedeutet das für die Befriedung des Landes, Fortschritt oder eine weitere Spaltung? Nassauer: Sehen Sie, das ist wahrscheinlich eine Situation, die aus den Augen der Menschen arabischer Herkunft doppelt gespalten ist. Auf der einen Seite ist es klar, dass das die Logik einer Besatzungsmacht darstellt, und zum Zweiten ist völlig klar, dass diese Menschen, die auf Seiten der Amerikaner in diesem Konflikt kämpfen, als Gegner betrachtet werden genauso wie die Amerikaner. Sie können auch sehen, wenn sie schauen, wie sich der Widerstand gegen die die Amerikaner unterstützenden Iraker immer blutiger gestaltet. Sie werden einfach als Teilnehmer in diesem Konflikt und damit als Opfer mit einbezogen. Heuer: Besteht da die Gefahr eines regelrechten Bürgerkriegs? Nassauer: Nein, keines direkten Bürgerkriegs, aber es besteht eine Situation, in der immer mehr Menschen Opfer eines Krieges werden könnten, der auf diese Art und Weise politisch nicht zu gewinnen ist. Heuer: Es gibt Besorgnisse unter anderem von UNO-Generalsekretär Kofi Annan, dass die Falludscha-Offensive die Wahlen im Irak zusätzlich gefährdet. Halten Sie diese Sorge für berechtigt? Nassauer: Das ist eine Logik, die der amerikanischen folgt, die nämlich sagt, die Offensive in Falludscha dient der Durchsetzung der Wahlen, und so, wie die Auffassung, dass diese Wahl mit der Offensive gefordert werden soll, meiner Einschätzung nach falsch ist, dürfte auch die Alternative falsch sein, dass man mit einem Scheitern dieser Offensive "die Wahl behindert". Das ist meiner Einschätzung nach nicht die Logik, um die es gehen kann. Die Logik ist eigentlich die, ist eine solche Offensive tatsächlich die Chance auf einen Durchbruch hin zu einer Situation, in der im Irak sich eine Zukunft abzeichnet? Da sieht es eher so aus, nein, diese Offensive ist es nicht, weil sie maximal zu einem symbolischen Sieg über den Aufstand im Irak werden kann, nicht aber zu einer Situation, in der der Irak tatsächlich einen Schritt näher an eine friedliche Zukunft herangeführt werden kann. Heuer: Kann denn die Falludscha-Offensive die Lage im Irak weiter verschlimmern, wenn schon nicht sicher ist, ob sie die Lage in Kürze verbessert? Nassauer: Jein. Sie kann sie verschlimmern, weil deutlich wird, dass tatsächlich immer noch kein politischer Weg zu einer politischen Alternative für eine friedliche Zukunft des Iraks gefunden worden ist. Das ist genau das eigentlich tragische Problem. Insofern kann sich tatsächlich die Lage verkomplizieren. Die Hoffnung, sozusagen an einer Stelle den Widerstand zu schlagen und dann einen anderen Weg für den Gesamtirak gehen zu können, könnte sich als trügerisch erweisen, und dieser Nachweis des Trügerischen könnte in der Tat dann wieder ein Problem für die Zukunft des Iraks darstellen. Das ist wirklich eine Gefahr, die da gegeben ist, denn es ist einfach nicht so, dass man sagen kann, dass in Falludscha idealtypisch der irakische Widerstand getroffen werden kann, sondern es ist schon jetzt auch wieder zum Beispiel in den amerikanischen Einschätzungen eine gewisse Problematik enthalten. In Falludscha kann man nicht davon reden, dass dort nur der Gegner der USA aus den Reihen des ehemaligen Saddam-Regimes und von Herrn Sarkawi sitzen. Dort sitzt auch zum Beispiel die wahabitisch-sunnitische Geistlichkeit in Friedenszeiten und damit eine religiöse, konservative Strömung, die deutlich antiamerikanisch ist und zum Beispiel der religiösen Geistlichkeit, die das Sagen in Saudi-Arabien hat, sehr nahe steht. Heuer: Vielen Dank für das Gespräch. © Deutschlandfunk 2004