Durak: Die deutsche kleine Organisation Grünhelmer organisiert in Afghanistan Hilfe. In Afghanistan bei Herat erreiche ich den Leiter der Grünhelmer Rupert Neudeck. Herr Neudeck, Sie sind unter anderem dort, weil, wie Sie uns vorab erzählten, zwei Schulen eröffnet worden sind, von Deutschland aus finanziert. Weshalb ist es so ein großes Ereignis dort?

Neudeck: Für die Dörfer, in denen wir die Schulen machen, ist es ein ganz großes geschichtliches Ereignis, weil zum ersten Mal bekommen diese Dörfer nach der furchtbaren Kriegszeit von 23 Jahren eine erste Möglichkeit, ihre Jungen und Mädchen in eine feste, erdbebensichere Schule hineinzuschicken und dort den Unterricht von eigenen Lehrern durchführen zu lassen. Die Schule ist eigentlich mehr als die Schule. Sie ist der Mittelpunkt des Ortes, und wir sind eigentlich bei diesen Eröffnungen immer voller Begeisterung als Deutsche, weil wir können uns das, glaube ich, in Deutschland gar nicht mehr vorstellen. Also Hörer werden das gar nicht begreifen, dass für eine Bevölkerung im ländlichen Raum eine Schule ein so wahnsinnig großes Ereignis ist. Es fehlen allein in dieser Provinz noch 370 Schulen, aber wir haben insgesamt, Gott sei Dank, mit Hilfe der Unterstützung aus Deutschland von den Spenderinnen und Spendern schon zwölf Schulen geschafft, und ich denke, der Zug sollte weitergehen.

Durak: Wie sieht denn eine solche Schule aus? Ganz sicher nicht vergleichbar mit Schulen hier in Deutschland - soweit kann man sich das schon vorstellen -, aber Sie können uns das sicher konkret schildern.

Neudeck: Es ist ein großer Schub an Moderne, den diese Schule bringt, denn es ist in einem der klassischen Lehmbauarchitekturen, die ja Afghanistan für viele von uns bekannt auch noch darstellt, das erste feste Gebäude aus Stein, Mörtel, Zement, Beton, aus einem festen Bauwerk, aus einer festen Struktur. Es hat ein Dach, Fenster und Türen, das heißt, es ist ein massives Gebäude mit insgesamt 14 Schulräumen, in denen sowohl die Mädchen am Vormittag als auch die Jungs am Nachmittag reingehen, oder nach einer gewissen Zeit umgekehrt. Koedukation gibt es in Afghanistan noch nicht und das wird auch noch ein bisschen dauern, aber wichtiger ist ja, dass die Kinder überhaupt zur Schule gehen. Also das erste feste Gebäude, und der tolle Preis, den wir erringen können wegen der Billigkeit der Baumaterialien, ist, dass man eine solche Schule mit 14 Schulräumen und zwei Lehrerzimmern und allen Unterrichtsmaterialien für insgesamt 45.000 Euro hinkriegt. Das ist, glaube ich, ein Preis, der in Deutschland astronomisch übertrieben klingt.

Durak: Dennoch brauchen Sie Spenden - das ist ganz klar. Aber wesentlich komfortabler als solche Schulen sind ja diplomatische Vertretungen. Nun haben wir bei Herat die deutsch-französische Vertretung, eine gemeinsame Einrichtung, eine Außenstelle der deutschen Botschaft. Die sollte Ende Juli, also jetzt eigentlich geschlossen werden. Das ist nun aufgehoben worden, hören wir. Was bringt das für einen Nutzen?

Neudeck: Also das war erst mal vor anderthalb Jahren der große Trumpf und die große Ankündigung des Auswärtigen Amtes, dass es im Afghanistan eine erste rein zivile, nicht militärisch gestützte Vertretung der deutschen Botschaft in Herat gibt, der heimlichen kulturellen Hauptstadt des Landes. Mit dem großen Aplomp ist sie auch eingerichtet worden. Es ist ein großes Gebäude entstanden. Es waren vier deutsche Diplomaten. Es kam ein zweites dazu, was ganz wichtig für die gesamte Region hier ist, es gibt eine Polizeiausbildungsstelle, die vom deutschen Innenminister Schily hierher nach Herat gebracht wurde. Diese Ausbilder sind außerordentlich beliebt. Sie benehmen sich auch hier völlig frei im Stadtbild von Herat, gehen auf den Bazar selbst in Uniform hin. Wir bekamen nun plötzlich diese Nachricht, dass diese Außenstelle Ende Juli geschlossen werden sollte. Ich denke, es ist schon dem Einsatz von Otto Schily zu verdanken, dass er nach einem Gespräch mit Joschka Fischer diese Entscheidung zurückgenommen hat. Ich bin gestern mit den Diplomaten aus Deutschland und Frankreich zusammengewesen, und man ist sehr froh darüber, weil hier ganz große, wichtige Projekte entstehen. Hier entsteht eine große Projektsituation an der Universität Herat. Es gibt den Annemarie-Schimmel- Lehrstuhl, benannt nach der großen deutschen Islamforscherin. Es gibt hier eine deutsche Lektorin mit 120 Deutschlernenden. Es wird eine Abteilung geben für erneuerbare Energien. Das größte Projekt der deutschen Entwicklungshilfe findet in der Provinz Herat statt, die Wasserversorgung wird von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit(GTZ) gemacht. Das alles und vieles andere mehr wird hier von Herat aus von der deutschen Außenstelle der Botschaft gemacht, und ich denke, es war eine erleichternde Entscheidung, die wir hier zur Kenntnis genommen haben, dass die deutsche Bundesregierung zunächst mal diese Entscheidung aufgehoben hat. Für die Afghanen war es sowieso ein Schock zu hören, dass diese gute deutsch-französische Vertretung plötzlich geschlossen werden sollte. Ich glaube, dass der Zug in Richtung weitere Arbeit zwischen Frankreich, Deutschland und Afghanistan im Prisma von Herat jetzt weitergehen kann.

Durak: Ein kurzes Wort von Ihnen bitte noch zur Situation: Gibt es Gewalt in der Gegend um Herat? Denn wir hören dies von anderen Orten in Afghanistan, und das hängt mit den für September angesetzten Parlamentswahlen zusammen. Anders formuliert: Sind Sie sicher dort?