Heinlein: Der Medienkanzler ist gereizt. Gerhard Schröder sieht seine Privatsphäre verletzt. Ende des Jahres bereits packte er die juristische Keule aus. Presseberichte über angebliche Eheprobleme mit seiner Gattin Doris sollten per einstweiliger Verfügung gerichtlich untersagt werden. Noch in diesem Monat wird vor dem Berliner Landgericht verhandelt, doch die Gerüchteküche in der Hauptstadt brodelt kräftig weiter. In dieser Woche berichten mehrere Tageszeitungen erstmals konkret über eine Affäre des Bundeskanzlers mit einer anderen Frau. Sie nehmen Bezug auf Veröffentlichungen in britischen Zeitungen. Eine bekannte deutsche TV-Moderatorin soll, so heißt es dort, die neue Frau an der Seite von Gerhard Schröder sein. Das Privatleben der Politiker, in der Vergangenheit meist ein Tabuthema, scheint immer stärker die Öffentlichkeit zu interessieren. Was dürfen die Medien? Wo sind die Grenzen? Darüber wollen wir jetzt reden mit dem Vorsitzenden des Deutschen Journalistenverbandes Rolf Lautenbach. Herr Lautenbach, Gerüchte über Eheprobleme des Bundeskanzlers, muss darüber berichtet werden?
Lautenbach: Also ein Tabuthema, würde ich als Journalist sagen, gibt es für Journalisten insofern nicht, aber uns Journalisten sind natürlich Grenzen gesetzt. Wir haben ja so eine Art Grundgesetz der Presse, in dem nun einiges geregelt ist. Das ist der Pressekodex, dem wir alle unterliegen, und dort steht klipp und klar geschrieben, dass man über Privatleben schon berichten kann. Wenn das Verhalten der Person öffentliches Interesse berührt, so kann im Einzelfall darüber schon berichtet werden, nur muss man es natürlich in geziemender Zurückhaltung tun, und, was auch ganz wichtig ist, es ist auch durchaus nach dem Pressekodex möglich, über Gerüchte zu berichten, nur dann müssen solche auch als Gerüchte bezeichnet werden.
Heinlein: Soweit also der Pressekodex. Wie sieht es denn im aktuellen Fall aus? Der Bundespräsident findet ja die Berichterstattung ziemlich verheerend, und der Bundeskanzler wird heute zitiert, er finde die ganze Sache zum Kotzen.
Lautenbach: Also ich würde sagen, solch ein Sprachgebrauch gehört überhaupt erst gar nicht in diese Situation. Das finde ich nicht nur übertrieben, sondern auch der Sache völlig unangemessen. Ich bin der Ansicht, dass dieser Medienkanzler - als den bezeichnet er sich ja nun selber -, sicherlich mit anderen Maßstäben zu messen ist als manch anderer Politiker. Insofern hielte ich das für eine Sondersituation. Ein Tabu ist es auf keinen Fall. Und eins muss man in diesem Zusammenhang auch mal ansprechen: Seit einigen Jahren wird ja schon Politik generell personalisiert, personifiziert. Man berichtet ja mehr über Personen als über Parteiprogramme und ähnliches. Das hat die Politik sich selber zuzuschreiben. Und wenn dann besondere Personen die Parteiprogramme quasi an der eigenen Person festmachen und auch verkünden, dann sollte sich diese Person sich auch nicht wundern, wenn Journalisten sich stärker mit dieser Person befassen - das ist ganz normal -, nur, wie gesagt, in der Zurückhaltung, wie der Pressekodex uns das nun mal auferlegt.
Heinlein: Ist denn der Pressekodex in der aktuellen Berichterstattung über den Bundeskanzler und seiner angeblichen Eheprobleme aus Ihrer Sicht, aus Sicht des DJV verletzt worden?
Lautenbach: Ich kenne ja nun nicht alle Veröffentlichungen, die sich um dieses Thema herumranken, aber wenn beispielsweise in den letzten Tagen namhafte deutsche Tageszeitungen, seriöse Tageszeitungen berichten, wie man mit der Person Gerhard Schröder und seinem persönlichen Umfeld umgeht, wenn man darüber berichtet, wie man in England, im Ausland - hoch interessant - die Person Schröder sieht, dann halte ich das, wenn man denn den Pressekodex beachtet, für in Ordnung.
Heinlein: Ist denn die deutsche Presse etwa im Vergleich zur britischen Yellow Press immer noch sehr zurückhaltend, was das Privatleben anbelangt?
Lautenbach: Ein eindeutiges Ja.
Heinlein: Und verändert sich da jetzt etwas?
Lautenbach: Das hat sich in den letzten Jahren schwer verändert, wie ich gerade ausgeführt habe, da nun viele Dinge gerade im politischen Leben mit Personen so eng verknüpft sind, dass man überhaupt nicht mehr unterscheiden kann in der Sache und in der Person. Da hat sich schwer etwas verändert. Und wenn ich noch einen Satz hinzufügen darf an uns selbst, an uns Journalisten, was sich besonders im letzten Wahlkampf gezeigt hat: wir Journalisten neigen immer stärker dazu, Dinge zu instrumentalisieren und dann über das Instrumentalisierte zu berichten. Das halte ich journalistisch für falsch. In dieser Situation befinden wir uns auch.
Heinlein: Sie haben gesagt, die Politiker wären ein Stück weit selber Schuld an dieser Verschiebung der Berichterstattung, weil sie eben mit ihren persönlichen Sachen dann auch an die Öffentlichkeit gehen. Andrerseits berichten die Journalisten oder die Medien über alles, was der Auflage, was den Einschaltquoten dient. Hat sich da durch die größere Konkurrenz in der neuen Hauptstadt auch etwas verändert?
Lautenbach: Das kommt auch dazu, da haben Sie völlig Recht. Das war im etwas zurückhaltenden Bonn etwas anders. In Berlin hat sich natürlich unter dem Konkurrenzdruck wesentlich aggressivere journalistische Arbeit dargetan.
Heinlein: Gehört zu dieser aggressiven Berichterstattung dann vielleicht auch die Berichterstattung über Alkohol- und Drogenproblemen von Politikern? Darf dies ebenfalls von den Medien aufgegriffen werden, wenn es Politiker betrifft?
Lautenbach: Wenn Sie Alkohol- und Drogenprobleme sagen, was da gerade in Drogen im Reichstag von einigen Journalisten inszeniert worden ist, und dann berichten die Journalisten selber darüber; mit Verlaub gesagt, und da werde ich in meiner Ausdrucksweise auch etwas deutlich, das halte ich wirklich journalistisch für schwachsinnig. Aber, bleiben wir mal bei dem Beispiel, wenn sich der Alkoholismus in der Person so ausweitet, dass man das als Zuschauer oder Zuhörer merkt, dann halte ich das für nicht unter das Tabu zu setzen. Wenn das Verhalten eines Politikers dadurch öffentliches Interesse hervorweckt, dass er beispielsweise lallt, dann ist das genau so ein Thema wie andere auch.
Heinlein: Also es ist kein Unterschied ob ein Sportstar, ein Schauspieler oder eben ein Politiker diese Probleme hat; es gibt da keine Unterschiede?
Lautenbach: Nein. Also da sollten wir auch keine Unterschiede machen, wie ich gerade gesagt habe. Politiker sind auch Menschen, und menschliches Verhalten in dieser negativen Situation ist ja dann auch eine Frage der Glaubwürdigkeit, und die Frage der Glaubwürdigkeit ist natürlich an Politikern besonders hoch anzusetzen.
Heinlein: Dennoch gibt es bei den Hauptstadtkorrespondenten Berührungsängste, wenn es um diese Themen geht, weil man ja dann doch den Politiker als Informationsquelle, als Gesprächspartner letztendlich vielleicht dann eine Woche später doch noch wieder braucht?
Lautenbach: Das ist richtig, und diese mögliche Revanche, um es mal so zu bezeichnen, spielt sicherlich im Verhalten des einen oder anderen Journalisten, auch umgekehrt bei den Politikern eine große Rolle.
Heinlein: Ist der Bundeskanzler gut beraten, nun juristisch gegen diese Berichterstattung über sein Privatleben vorzugehen, oder wäre es klüger, über den Dingen zu stehen und sie einfach zu ignorieren?
Lautenbach: Das ist natürlich eine Kernfrage. Ich halte das Verhalten unseres Bundeskanzlers für falsch. Wenn ich mir anschaue, was diese Sache mit seinen angeblich getönten Haaren und andere Beispiele angeht, da wird über etwas berichtet, was in der Sache nun wirklich nicht das große Interesse ist, und wenn er da, wie Sie in Ihrer Anmoderation sagten, die große Keule rausholt, dann glaube ich, dass er sich zumindest in dieser Sache einen Teil der Lächerlichkeit preisgegeben hat, und das im Wahlkampf, da muss ich als Journalist schon sagen, dass er nicht gut beraten war, in dieser Form gegen Journalisten vorzugehen. Das hätte man auch in einer anderen Form regeln können.
Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch.

©Deutschlandfunk 2003