Durak: Es handelt sich um den möglicherweise größten Betrugskandal in unserem Gesundheitswesen seit Jahrzehnten. Was Mitarbeiter von Krankenkassen aufgespürt haben und nun die Wuppertaler Staatsanwaltschaft verfolgt, Zahnärzte aus ganz Deutschland sollen unter Mitarbeit von Labors Patienten jahrelang Billigprothesen aus dem Ausland eingesetzt und Kassen wie Patienten um ein Vielfaches erhöhte Preise in Rechnung gestellt haben. Wenn sich dieser Verdacht bestätigt, dann haben wir alle ein Problem, vor allem aber die Kassen und auch die Ärzte. Vertrauensverlust, Betrug, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, an die 50 Millionen Euro soll der Schaden betragen. Die Bundeszahnärztekammer ist die Berufsvertretung aller unserer Zahnärzte, sie also irgendwie auch betroffen. Ihr Präsident, Dr. Jürgen Weitkamp, ist nun am Telefon. Schönen guten Morgen, Herr Weitkamp. Weitkamp: : Ich grüße Sie, Frau Durak. Durak: Ist die Bundeszahnärztekammer tatsächlich betroffen, fühlt sich die Kammer verantwortlich? Weitkamp: : Die Kammer fühlt sich verantwortlich, wenn auch nicht betroffen. Betroffen sind die kassenzahnärztlichen Vereinigungen, bei denen die Abrechnungen auflaufen. Durak: Vielleicht fühlen Sie sich aber auch getroffen. Denn es geht um einen riesigen Vertrauensverlust. Weitkamp: : Es geht um einen Vertrauensverlust, ganz ohne Frage. An solcher Stelle ist man verantwortlich für den Berufsstand, immer getroffen. Ich würde ja viel lieber über die Fortschritte der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mit Ihnen sprechen. Jedoch muss ich jetzt zu einer Geschichte Stellung nehmen, die ja nicht ganz neu ist. Bereits im Spätsommer kamen erste Verdachtsmomente auf. Wir warnen eigentlich seit Jahren den einzelnen Kollegen und die Kollegenschaft, im Umgang mit dem ausländischen Zahnersatz außerordentliche Vorsicht walten zu lassen. Durak: Sie sagen, die Geschichte ist nicht ganz neu. Im Sommer gab es schon Verdachtsmomente. Wir können uns dunkel daran erinnern, dass auch öffentlich darauf hingewiesen wurde. Was haben denn die Gremienorganisationen, wie die Ihre über die Warnung hinaus getan, um so etwas zu verhindern? Wenn das überhaupt möglich ist. Weitkamp: : Es ist sicherlich in den kassenzahnärztlichen Vereinigungen auch nachgeforscht worden. Nur fehlen dazu die entsprechenden Mittel. Wenn es sich tatsächlich bewahrheitet, was jetzt zunächst einmal pauschal, an einigen Stellen auch bereits in Einzelheiten behauptet und nachgewiesen wird, dann ist das schlicht und einfach Betrug. Es heißt also, dass es sich um eine Umfirmierung von Zahnersatz handelt. Also ausländischer Zahnersatz wird unter deutschem Zahnersatz firmiert, und die Preise werden entsprechend geändert. In diesem Lande gehört Betrug vor die Staatsanwaltschaft. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen. Gibt es einen einzigen Fall, der mir nachgewiesen wird, werde ich diese Sache sofort vor den Staatsanwalt bringen. Durak: Welche Konsequenzen müssen diesen Zahnärzten, sofern sie überführt werden, angedroht werden und anderen vorsorglich auch? Weitkamp: : Es gibt Konsequenzen auf mehreren Ebenen. Das hat eine Dimension im strafrechtlichen Bereich, wahrscheinlich auch im steuerrechtlichen Bereich. Schließlich ist das selbstverständlich auch ein Verstoß gegen die Berufsordnung, so dass die Berufsgerichte auch tätig werden. Durak: Das heißt, den Zahnärzten wird die Zulassung entzogen. Geschieht das in jedem Fall? Weitkamp: : Das ist eine Sache der Ausschüsse und der Gerichte. Denen kann ich nicht vorgreifen. Das geht mir jetzt schon sehr weit in die Pauschalierung. Auf eines möchte ich aber noch hinweisen. Die Krankenkassen befinden sich in einer Lage, die nun auch nicht so ganz einfach ist. Denn sie haben zumindest einige große Krankenkassenverbände pausenlos dazu aufgefordert, Zahnersatz im Ausland herstellen zu lassen. Das hat wiederum unterschiedliche Aspekte. Einmal geht es um die Qualität, zweitens um die Fertigungsmethoden im Ausland, die nicht nachprüfbar sind. Ich kann zum Beispiel nur sehr schlecht verstehen, dass Patienten zu uns in die Praxis kommen. Sie haben Handzettel, auf denen Laboratorien oder Handelsfirmen vermerkt sind. Diese Patienten sollen uns Zahnärzte bitten, den Zahnersatz doch bei diesen Firmen herstellen zu lassen, weil er dann billiger sei. Billig heißt aber in diesem Fall, zu großen Teilen oder ganz im Ausland hergestellt. Insofern soll man da zur Zeit auf allen Seiten Vorsicht walten lassen. Die Staatsanwaltschaft wird sorgsam ermitteln. Ich schaue mir das zwar mit Unruhe an. Aber ich möchte da keine pauschalen Urteil gefällt sehen. Durak: Diese Handzettel sind von welcher Krankenkasse? Weitkamp: : Die sind von zwei großen Ersatzkassenverbänden. Durak: Sie sind also von der Barmer? Weitkamp: : Ja, sie sind von der Barmer und DAK. Aber auch andere Krankenkassen fordern dazu auf, nur eben nicht schriftlich. Durak: Das heißt, sie weisen einigen Krankenkassen klar und deutlich eine gewisse Mitschuld an dem Vorgehen zu? Weitkamp: : Zumindest ist dieses ganze Geschehen, wie ich eingangs schon sagte, sehr undurchsichtig. Zahnärzte werden aufgefordert, Zahnersatz nicht bei ihrem Heimatlabor oder in ihrem Praxislabor anfertigen zu lassen, wie sie das gewohnt sind und wie ihre Patienten das auch gewohnt sind, sondern jetzt einen Fremdanbieter in ihre Praxis hineinnehmen sollen. Das geht ja teilweise soweit, zwar nicht schriftlich, aber mündlich, dass den Patienten auch geraten wird, wenn ihr Zahnarzt nicht bereit sei, mit solchen Firmen zusammen zu arbeiten, dann bei den Firmen anzurufen. Diese würden dann entsprechende Zahnärzte nennen. Das verstößt dann gegen den Ersatzkassenvertrag. Aber zum anderen scheint mir das alles dazu beizutragen, dass hier die Situation sehr unübersichtlich gemacht wird. Ich würde mir wünschen, dass in das ganze Geschehen mehr Transparenz hinein kommt. Durak: Dazu wollen wir mit diesem Gespräch beitragen. Ich habe noch eine kurze Frage. Haben Sie mit den entsprechenden Krankenkassen oder ihren Vertretern darüber gesprochen? Weitkamp: : Die eigentlichen Partner der Krankenkassen sind die kassenzahnärztlichen Vereinigungen. Ich bin ganz sicher, dass man mit den Krankenkassen sprechen wird. Ich weiß aber von vielen Gespräche auf örtlicher Ebene, in denen sich die Zahnärzte an die örtlichen Krankenkassenvertreter gewandt haben, das habe ich auch selbst getan, um auf diesen aus meiner Sicht Missstand hinzuweisen. Einen Rat darf ich noch allen Patienten geben. Wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Zahnarzt und fragen ihn, wo er den Zahnersatz machen lässt, wo er ihn bezieht. Im Zweifelsfall lassen Sie sich die Originalrechnung zeigen. Jedes gute Labor in Deutschland ist, glaube ich, inzwischen bereit nachzuweisen, dass der Zahnersatz ausschließlich in Deutschland hergestellt wurde. ©Deutschlandfunk 2002