Engels: In den USA wirbt US-Präsident Bush für seine harte Haltung gegenüber dem Irak. Erst kürzlich betonte er mit Blick auf die Verbündeten wörtlich: "Entweder ihr seid mit uns oder mit dem Feind". US-Verteidigungsminister Rumsfeld meldete sich bekanntlich mit Kritik an Deutschland und Frankreich zu Wort und auch Auß;enminister Powell schloss gestern einen Schlag gegen den Irak auch ohne UN-Sicherheitsratsmandat nicht aus. Kein Zweifel: Die Lage ist aufgeheizt, und es sind selten kritische Stimmen aus den Reihen der US-Friedensbewegung in dieser Lage zu hören. Doch es gibt sie, wie die jüngsten Friedensdemonstrationen in Washington bewiesen haben. Vor der Sendung habe ich mit Professor Stephen Bronner gesprochen. Er lehrt Politikwissenschaft an der Rutgers University im Bundesstaat New Jersey. Zudem engagiert er sich für die amerikanische Friedensbewegung und ist in deren Auftrag Anfang der Woche von einer Reise durch den Irak zurückgekehrt. An ihn ging im Interview zunächst die Frage nach seinen Eindrücken aus dem Irak.
Bronner: Wir haben schon vieles gesehen. Wir besuchten zum Beispiel dieses berühmte Almeria Shelter, das bebombt wurde 1991, wo 400 Frauen und Kinder gestorben sind. Das war vielleicht der stärkste Eindruck, den ich bekommen habe - so ein kleines Museum. Das ist schon erschreckend.
Engels: Konnten Sie denn mit den Menschen frei reden?
Bronner: Zum Teil. Ich meine, die Irak-Regierung ist natürlich eine brutale und autoritäre, und das wussten wir. Und das wissen auch die Leute und haben schreckliche Angst vor einem neuen Krieg. Fast jeder, den wir getroffen haben. Ich hatte auch Glück, einen Freund bei mir zu haben, der fließ;end arabisch spricht und der lange Zeit in Bagdad gewohnt hat. Wir sind im Irak rumgegangen, und es war ganz klar, dass die Leute sich gefreut haben, dass wir da waren. Es war natürlich irgendwie ein Medien-Spektakel, und die waren ganz offen und freundlich zu uns. Das muss man schon sagen.
Engels: Blicken wir nun auf die Vereinigten Staaten. Wie ist denn Ihre Reise in den USA angekommen?
Bronner: Wir sind nicht in der New York Times vorgekommen, aber ich kann eine kleine Geschichte erzählen. Das ist mir gestern passiert. Das Semester hat angefangen und ich habe eine kurze Einführung in die Politik vor 300 Studenten gegeben, und danach kam ein ganz schüchterner Typ und fragte, ob er einen Moment mit mir sprechen dürfe. Da habe ich gesagt: "Gerne". Er hat gesagt: "Ich bin Soldat und wollte Ihnen nur gratulieren, dass Sie nach Bagdad gegangen sind. Ich und meine Kommilitonen in der Armee, wir gehen, wenn es der Befehl so will, aber wir wollen nicht gehen und glauben nicht an diesen Krieg und gratulieren Ihnen zu dieser Reise". Das war eine Kleinigkeit, aber es ist ganz klar, dass eine Riesenstimmung gegen den Krieg in Amerika existiert, und ich muss ehrlich sagen: In Deutschland und in Frankreich bekam vor den letzten Wochen die kritische Stimme fast überhaupt keinen Zugang zu den Medien. Das ist auch hier der Fall.
Engels: Wie würden Sie denn das Klima für diese kritischen Stimmen in den USA gegenüber der Bush-Administration beschreiben. Ist es leicht, sich in den USA gegen diesen Krieg auszusprechen?
Bronner: Ich denke, man sollte diese Sache nicht überdramatisieren. Es gibt noch Bürgerrechte in Amerika, die ernst genommen werden. Allerdings gibt es eine Verengung des Diskurses. Ich möchte es so sagen: Eine große Angst habe ich nicht und meine Freunde und Kommilitonen haben das auch nicht. Aber man muss auch sagen, dass es wahnsinnig schwierig ist, von dem "Mainstream Media", wie man sagt, anerkannt zu werden. Die Bewegung ist wirklich anfänglich mehr durch das Internet als durch die Medien aufgebaut worden.
Engels: Sehen Sie die Gefahr, dass sich die US-Regierung und die Europäer in diesem Konflikt entfremden?
Bronner: Die Aussagen von Herrn Chirac und später von Herrn Schröder sind klar. Man muss schon sagen, dass es scheint, dass Herr Powell und Regierungsoffizielle hier schon erstaunt waren und das nicht in dieser Art erwartet hatten. Man spürt eine Art von Panik, dass irgendwie ein Konsens für den Krieg zusammenbricht.
Engels: Professor Stephen Bronner, Politikwissenschaftler aus New Jersey und amerikanischer Friedensaktivist. © Deuschlandfunk 2003