Gerner: Heute wird es ernst, denn heute haben die Waffeninspekteure im Irak ihre Arbeit aufgenommen; die ersten Kontrollen seit vier Jahren. Kontrolleure sind das unter erheblichem Druck, denn auf der politischen Agenda steht die Kriegsdrohung der US-Regierung für den Fall, dass die irakische Regierung sich der Mitarbeit verweigert oder sie in irgendeiner Form auch nur behindern sollte. Am Telefon ist Gabriele Kraatz-Wadsack, ehemalige UN-Waffeninspekteurin im Irak. Frau Kraatz-Wadsack, Sie waren zwischen 1995 und 1998 28 Mal insgesamt als biologische Waffeninspektorin an irakischen Anlagen tätig. Sind Sie auch diesmal für die Arbeit vorgesehen? Kraatz-Wadsack: Ich stehe auf der Liste von Herrn Blix für ANMOVIC. Das sind 321 trainierte und zertifizierte abrufbare Inspektoren. Zur Zeit ruft er mich ab für Trainingskurse, das heißt wir unterrichten die neuen Inspektoren. Gerner: Das heißt es ist offen, wann der erste Einsatz kommt, und ob er kommt? Kraatz-Wadsack: Genau. Gerner: Es ist ja nachzulesen gewesen in Berichten, wo Sie ausführlich geschildert haben, wie die Arbeit damals war, dass Sie massiv behindert worden sind. Können Sie sich vielleicht mit uns ein wenig an die Details erinnern, dass man sich ein Bild machen kann, was Sabotage irakischer Behörden konkret bedeutet hat, und glauben Sie, dass sich diesmal das wiederholen könnte? Kraatz-Wadsack: Also der erste Teil der Frage ist folgendermaßen, dass wir behindert wurden, aber nicht ständig. Man kann nicht sagen, es war schwarz oder weiß, es war viel Grauzone dabei, und zwar vor allen Dingen Schlüsselprobleme. Es wurde gesagt, der Schlü ssel für eine Tür ist nicht aufzufinden. Wenn wir dann gesagt haben, wir geben Ihnen ein Spezialaufbrechwerkzeug, dann kam der Schlüssel unter der Fußmatte hervorgezaubert, und man stellte fest, hinter der Tür war im Grund gar nichts Signifikantes; es war im Grunde Verzögerungs- und Ermüdungstaktik. Dann gab es andere Dinge, wo tatsächlich Dinge beseitigt wurden, aber man kann eben nicht beurteilen, was es war. Sie haben nämlich Rauch auf dem Dach gesehen, und es wurden Dokumente verbrannt. Dann hieß es, das macht jemand jeden Tag um die Zeit, dass er Dokumente auf dem Dach verbrennt, und solche Dinge, aber Sie waren in der Zeit noch draußen. Falsche Direktoren wurden präsentiert, Dokumente wurden gefälscht, und es ist sehr schwer festzustellen. Ob es diesmal stattfindet, weiß ich nicht. Ich denke mal, so offensichtlich wird es nicht sein. Es wird eher subtil verlaufen. Gerner: Und wenn es subtil verläuft, würde das eine Behinderung dann rechtfertigen, die sozusagen die USA zum Kriegseinsatz führen würde? Kraatz-Wadsack: Nein, weil subtil können Sie ja gar nicht feststellen, dass es eine Behinderung ist. Subtil kann ja sein, dass jemand Ihnen die Unwahrheit erzählt, und Sie wissen eben nicht, dass es die Unwahrheit ist. Das ist sehr schwer herauszufinden, wenn Ihnen jemand eine Lüge sagt, zum Beispiel vor fünf Jahren sind Dokumente vom Lastwagen gefallen. Wie wollen Sie das feststellen? Gerner: Sie hatten ja damals eine Fabrik angeblich für Hühnerfuttermittel zu untersuchen, die sich als etwas anderes rausgestellt hat. Wussten Sie vom ersten Tag an, wonach Sie suchen sollten und wie Sie dabei vorgehen? Kraatz-Wadsack: Nein, ganz bestimmt nicht. Aber, was ja ganz klar ist, man in die zivil-militärisch nutzbare Infrastruktur und stellt fest, wird hier wirklich das zivile Produkt, wie vorgegeben, produziert oder nicht? Und das können Sie schon feststellen, indem Sie die Leute vor Ort befragen. Die Experten wussten ja überhaupt nicht, wie man Hü hnerfutter macht. Dann ist die Frage, es war eine militärische Einrichtung mit Doppelzaun, Luftabwehrraketen, nur drei Hühner vorhanden, und es hat alles nicht ins Bild gepasst. Aber Sie haben nicht den Beweis gehabt. Sie haben nur indirekt sagen können, na ja, da stimmt etwas nicht, wir müssen es besonders aufmerksam beobachten. Aber Sie haben nicht jetzt gefunden, da ist Milzbrand in der Vergangenheit gemacht worden. Das kam erst später durch die Zugabe des Iraks. Gerner: Ihr Bereich, der Biowaffen und der mutmaßlichen Produktion im Irak, wird ja vom Experten möglicherweise als der schwierigste bei dieser Inspektion, bei diesen Kontrollen beschrieben. Es heißt, Biowaffenlabors könnten sich auch in herumfahrenden Lastwagen im Irak befinden. Heißt es, alle Laster, alle möglichen Privatunterkünfte müssen untersucht werden? Wie stellt man sich das vor? Kraatz-Wadsack: Nein, man braucht natürlich auch Hinweise. Einerseits haben Sie natürlich Informationen auch von außen, Sattelitenaufnahmen, Überläufer, Geheimdienste, die auch Informationen liefern. Dann schauen Sie schon auf bestimmte Autos. Wenn es mobil ist, kann es nur eine bestimmte Zwischenphase der Produktion betreffen, also kein Großmaßstab. Natü rlich können das normale Kühllaster sein, aber da muss man schon mehr Hinweise. Man wird jetzt bestimmt nicht den ganzen Verkehr blockieren, nur weil Lastwagen da rumfahren. Gerner: Gerade bei den Biowaffen ist ja immer vom Stichwort 'Dual Use' die Rede. Können Sie uns erklären, was die Schwierigkeit am Beispiel einer biowaffenfähigen Materie bedeutet? Kraatz-Wadsack: Wir haben im biologischen Bereich vor allen Dingen zivil-militärische Nutzbarkeit, und das ist die Intention, die damit eben zusammenhängt. Zivile Produkte sind zum Beispiel Impfstoffe, auch gegen Milzbrand. Aber Milzbrand können Sie auch als biologische Waffe verwenden, das heißt, es ist eben sehr spät zu unterscheiden im Verfahrensverlauf in der zivil-militärischen Infrastruktur, die eben für beide Zwecke benutzt werden kann. Es sind dieselben Geräte, dieselben Rohstoffe, es ist nur dann der Endprozess unterschiedlich, ob Sie einen Impfstoff oder eine biologische Waffe machen. Gerner: Das heißt es gibt eigentlich Interpretationsspielraum. Haben den die Wissenschaftler, die Experten, die im Irak ab heute aktiv sind, oder ist der Druck der USA so groß, dass eigentlich der Ausgang der Inspektion schon auf dem Papier feststeht? Kraatz-Wadsack: Nein, es steht auf keinen Fall fest. Außerdem haben Sie natürlich technische Mittel, um festzustellen, ob es ein Impfstoff ist oder nicht. Es unterschiedet sich schon in bestimmten Merkmalen. Sie nehmen Proben - das ist ganz klar -, wenn Sie eine auffällige Einrichtung haben, die einen speziellen Charakter hat, dass sie schnell zu militärischen Nutzen konvertiert werden kann. Also man braucht vielleicht nur die Expertise vor Ort auszutauschen, weil nicht jeder eine Biowaffe produzieren kann. Dann nehmen Sie auch Proben aus den ganzen Behältnissen und stellen fest, was da gemacht wird. Sie schauen in die Dokumente, in die Bücher. Sie sehen bei einem zivilen Produkt, dass es zivile Endabnehmer hat. Wenn es ein veterinär-medizinischer Impfstoff ist, geht er irgendwann an die Tierärzte. Also Sie haben da schon viele Möglichkeiten, um festzustellen, hier ist etwas nicht richtig, oder hier ist eine Lücke in der Dokumentation, oder hier ist alles in Ordnung, das können Sie schon sagen. Gerner: Aber ich verstehe Sie schon richtig bei dem, was Sie schildern, bis zum 8. Dezember, wo der Irak die Liste mit den Einrichtungen, die betroffen sind, abgeben soll, wird es schwierig, alles zu klären? Kraatz-Wadsack: Ja, aber am 8. Dezember kommt ja erst die Liste, und dann haben wir praktisch den Zeitraum, der schwierig ist, vom 8. Dezember an bis zu dem Bericht von Herrn Blix am 27. Januar. Da ist natürlich der Zeitrahmen sehr gering, das heißt dort wird ja ein Statusbericht abgegeben über die Kooperation und die Hilfsbereitschaft des Iraks, noch nicht über die Ergebnisse der Inspektionen. Gerner: Vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2002