Lange: Fast auf den Tag genau vor einem Jahr begann die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn. Nach Jahrzehnten der Fremdherrschaft und des Bürgerkrieges, nach dem Sturz des Taliban-Regimes sollte dort die Basis für den Wiederaufbau des zerstörten Landes gelegt werden. Dass unter den Fraktionen, Volksgruppen und Bürgerkriegsparteien ein Konsens erreicht werden konnte, über einen Zeitplan, über politische Institutionen und Personal, war damals nicht selbstverständlich und galt als Erfolg. Seither hat sich einiges getan. Dennoch ist dieses neue Afghanistan politisch und ökonomisch immer noch ein fragiles Gebilde. Ab Montag wird auf dem Petersberg Bilanz gezogen. Auch wir fragen: Wo steht Afghanistan im Moment und wie ist es um seine Perspektiven bestellt? Am Telefon begr üße ich nun Mohammed Amin Farhang. Er ist der Minister für Wiederaufbau in der Regierung von Afghanistan. Guten Morgen, Herr Farhang. Farhang: Guten Morgen! Lange: Haben sich die Grundlagen, die auf dem Petersberg beschlossen wurden, aus Ihrer Sicht als tragfähig erwiesen? Farhang: Ja, ich glaube schon. Ich muss sagen, dass wir auf zwei Gebieten unterschiedliche Ergebnisse erzielt haben. Politisch gesehen, sind wir voran gekommen. Wir konnten alle in den Vereinbarungen enthaltenen Ziele zum großen Teil erreichen. Bis jetzt ist die neue Dschirga abgehalten worden. Eine neue Regierung ist gebildet worden. Mehrere Kommissionen für Menschenrechte, für die neue Verfassung, für administrative Reformen sind eingesetzt worden. Auf der wirtschaftspolitischen Ebene sind wir ein bisschen zurückgeblieben, weil die Projekte nicht verwirklicht werden konnten. Dies war der Fall, weil die meisten Gelder anderen Institutionen zugeflossen sind. Lange: Wer ist dafür aus Ihrer Sicht verantwortlich? Wer hat seine Zusagen nicht eingehalten? Farhang: Die Zusagen sind zum großen Teil eingehalten worden. Allein für das Jahr 2002 sollten wir 1,8 Milliarden Dollar für unsere Projekte bekommen. Die meisten Gelder haben wir von den verschiedenen Armen der UNO und die NGOs bekommen. Die afghanische Regierung hat lediglich 90 Millionen Dollar bekommen. Mit dem Geld konnten wir nicht unsere Projekte, wie das Volk es erwartet hat, in Angriff nehmen. Lange: Wie ist es denn im Moment um den Aufbau der Infrastruktur bestellt? Sind Sie da nennenswert vorangekommen? Farhang: Auf diesem Gebiet haben wir die ersten Studien gemacht. Nachdem wir damit fertig waren, haben wir einige Projekte in Angriff genommen. Vor allen Dingen sind zwei große Projekte zu nennen, einmal den Straßenbau, die Strecke zwischen Kabul, Kandahar und Herat. Sie ist etwas 1.200 Kilometer lang. Die Arbeiten haben schon begonnen. Ein großes Projekt für Mobiltelefone und auch Festnetz ist in Angriff genommen worden. Außerdem haben wir das Gesetz für private Investitionen verabschiedet. Wir haben bis jetzt etwa 1.600 Anträge für private Investitionen. Das können wir auch mit Stolz zeigen. Lange: Wie weit ist denn Afghanistan auf dem Weg zu einem staatlichen Gebilde noch entfernt? Oder wie weit ist es gekommen? Farhang: Vor zwei Wochen ist eine neue Kommission für die Ausarbeitung der neuen Verfassung eingesetzt worden. Diese Kommission hat ihre Arbeit aufgenommen. Wir glauben, dass die neue Verfassung Afghanistans sich im wesentlichen auf die jetzt gültige Verfassung erstrecken wird. Afghanistan wird also ein islamisches Land bleiben, aber mit demokratischen Werten. So hat es die Verfassung von 1964 vorgesehen. Lange: Aber dass es gelungen sei, alle Stämme und Völker in einer einzigen afghanischen Nation zu integrieren, das kann man sicher noch nicht behaupten, oder? Farhang: Das muss man anders sehen. Afghanistan ist ein Land, da haben Sie recht, mit verschiedenen Stämmen und Völkerschaften. Aber dieses Land hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Es gibt Rivalitäten, die aufgrund des Krieges etwas stärker geworden sind. Auf der anderen Seite sind wir auch damit beschäftigt, Afghanistan sozial wieder aufzubauen. Wir wollen vertrauensbildende Maßnahmen anwenden. Die Rückkehr des früheren Königs von Afghanistan hat als Integrationsfigur eine große Rolle gespielt. Auch die neue Dschirga hat ihre Ziele nicht verfehlt. Sozial gesehen, sind etwa 1.600 Delegierte nach Kabul gekommen. Sie haben frei gesprochen, wir haben frei gewählt. Dann sind sie in ihre Dörfer zurückgegangen. Jetzt findet in Afghanistan ein Dialog zwischen den Delegierten und der lokalen Bevölkerung statt. Das bedeutet, dass man auf einem guten Weg ist. Lange: Nun gibt es politische Beobachter die trotzdem einen Ansehensverlust der Regierung Karsai sehen. Die registrieren ein Wiedererstarken der Warlords, der Talibanreste und auch des Al-Kaida-Netzwerkes von Osama Bin Laden. Haben diese Beobachter recht oder würden sie denen energisch widersprechen? Farhang: Nein, also so dramatisch wie Sie das darstellen, ist es auch wieder nicht. Aber wir sind nicht daran schuld. Die Warlords, von denen Sie gesprochen haben, sind durch die militärischen Aktionen wieder an die Macht gekommen. Also daran sind wir nicht schuld. Die Al-Kaida und das Talibansystem sind zusammen gebrochen. Aber die Reste sind da, die müssen bekämpft werden. Meiner Meinung nach muss man jetzt wirtschaftlich gesehen mit einem groß angelegten Wiederaufbauprogramm anfangen, damit man für die Menschen in Afghanistan neue Perspektiven, neue Arbeitsplätze und neues Einkommen schafft. Dadurch werden die Warlords dann isoliert. Man kann auch wesentliches zur Stärkung der Stabilität und zur Sicherheit in Afghanistan beitragen. Lange: Die amerikanischen und britischen Spezialtruppen haben ja immer wieder versucht, die Reste von Al-Kaida zu zerstören. Sie hatten aber immer wieder den Eindruck, dass diese Schläge ins Leer gingen. Wie beurteilen Sie das? Farhang: Schon zu Anfang des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus in Afghanistan haben die Amerikaner bekannt gegeben, dass ihr Kampf lange dauern und schwer sein wird. Das hat sich auch bestätigt. Es ist ein sehr langer und schwieriger Kampf. Es ist wahr, dass das System zusammen gebrochen ist, aber die Al-Kaida hatte ihr Netz überall, nicht nur in Afghanistan, auch in Europa und in den anderen islamischen Ländern. Das wird sehr lange dauern. Wir hoffen, dass das weitergeht und dass eines Tages dieses Unheil für immer verschwindet. Lange: Wenn nun die USA in den nächsten Monaten tatsächlich einen Krieg gegen den Irak beginnen würden, welche Auswirkungen hätte das für Ihr Land? Farhang: Ich glaube, dass ein eventueller Krieg gegen den Irak keine großen Auswirkungen auf Afghanistan haben wird. Die Amerikaner haben immer wieder gesagt, und das wurde mir bestätigt, dass eine Niederlage der Amerikaner in Afghanistan oder eine Niederlage der afghanischen Regierung im eigenen Lande eine große Niederlage für die Amerikaner und für die Koalition gegen den internationalen Terrorismus sein würde. Ich glaube, dass das eine mit dem anderen wenig zu tun hat. In Afghanistan wird alles weitergehen, damit nicht wieder passiert, was vor einem Jahr dort geschah. Lange: Das heißt, Sie vertrauen darauf, dass die Amerikaner ihre militärische Präsenz in dieser Stärke mindestens beibehalten. Farhang: Ja, die Amerikaner oder die Koalition gegen den Terrorismus machen das nicht wegen den Afghanen oder wegen Afghanistan, sondern aus eigenem Interesse. Wenn die Taliban oder die Al-Kaida sich wieder beleben würden, dann würden es überall Ereignisse wie das vom 11. September 2001 geben. ©Deutschlandfunk 2002