Heinlein: Ein blutiger Tag des Terrors gestern in Kenia und Israel. Entsetzen und Trauer weltweit über die Opfer der Anschläge. Wo und wann die Attentäter zuschlagen, das scheint unkalkulierbar. Nach den letzten Drohungen von Osama Bin Laden rechneten die westlichen Geheimdienste mit Anschlägen in Europa. Nun also Mombasa, die kenianische Hafenstadt. Nur haarscharf entging die Welt dabei einer weitaus größeren Katastrophe. Die Bodenluftraketen der Terroristen verfehlten nur knapp eine israelische Passagiermaschine. Fast 300 Menschen waren an Bord. Eine neue Dimension des Terrors. Darüber wollen wir jetzt mit Kai Hirschmann von der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Bonn reden. Guten Morgen. Hirschmann: Guten Morgen, Herr Heinlein. Heinlein: Herr Hirschmann, wie sicher ist es, dass hinter den gestrigen Anschlägen das Terrornetzwerk El Kaida steckt? Hirschmann: Nun, es gibt einige Punkte, die dafür sprechen, dass zumindest eine Inspiration durch El Kaida stattgefunden hat. Es gibt hier zunächst von der Machart her große Parallelen zu Anschlägen, wie sie El Kaida trainiert, wie sie El Kaida ausführt. Auch bei der Zielauswahl, sowohl was die ausgewählten Personen als auch die Objekte betrifft. Es handelt sich exakt um zwei symbolische Ziele, die auch grundsätzlich in dem Terrorhandbuch, Trainingshandbuch El Kaidas aufgeführt sind. Es handelt sich um massive parallele Ereignisse, die auch ein Markenzeichen von El Kaida sind, und zudem weiß man, dass es in Kenia, speziell in Mombasa, auch entsprechende islamistische Strukturen, das heißt eine terroristische Gruppierung gibt, die Verbindungen zu El Kaida aufweist. Heinlein: Ziel der Anschläge, Herr Hirschmann, waren ja israelische Touristen und eine israelische Passagiermaschine, und zu dem Anschlag bekannt hat sich eine bisher unbekannte Gruppe namens Armee Palästinas. Kennt man diese Gruppe? Wer steckt hinter dieser Gruppe? Hirschmann: Diese Gruppe ist bisher noch nicht im Bereich des Terrorismus in Erscheinung getreten. Auch nicht im Bereich des regionalen Terrorismus gegen Israel im Nahen Osten, in Palästina selbst. Es könnte sich hier um ein Pseudonym handeln, hinter der sich ein El-Kaida-Zusammenschluss oder ein Zusammenschluss von El-Kaida-Kämpfern verbirgt. Heinlein: Gibt es denn Kontakte, Herr Hirschmann, zwischen El Kaida und palästinensischen Terrorgruppen, wie der Hamas? Hirschmann: Also, solche Verbindungen zu Terrorgruppen wie Hamas, palästinensischer Dschihad oder Hisbollah gibt es höchstens durch Einzelpersonen oder auf persönlicher Ebene, weil die Zielsetzungen, die beide Gruppen verfolgen, sehr unterschiedlich sind. Bei Hamas oder Hisbollah haben wir kompakte Gruppen, die ethnonationale Forderungen stellen, das heißt, sie wollen den Kampf gegen Israel, sie wollen einen eigenen Staat. Sie zielen letztendlich auf die Vernichtung Israels ab, während es sich bei dem Al-Quaida-Netzwerk doch mehr um eine organisierte Idee handelt, eine grundsätzliche Ideologie des Kampfes gegen westliche Werte und Verhaltensmuster im muslimischen Raum, aber bei weitem nicht so hierarchisch organisiert, sondern mehr als organisierte Idee der Leute, die eine gemeinsame Idee teilen und sich gemeinsam haben ausbilden lassen. Das passt auch hier von der Organisation und von der Ausrichtung beider Gruppen, wenn man sie so vergleichen will, nicht, so dass hier Verbindungen nur durch Einzelpersonen wahrscheinlich sind. Heinlein: Wie überraschend kamen denn diese Anschläge auf israelische Touristen gestern? Nach den letzten Drohungen von Osama Bin Laden hatte ja alle Welt, hatten die Geheimdienste mit Anschlägen in Europa gerechnet. Hirschmann: Nun, man weiß bei El Kaida, dass sie sehr innovativ agieren, dass sie auch immer versuchen, sehr überraschend zu agieren, dass sie normalerweise nicht die Anschläge verüben, mit denen der Gegner rechnet, sondern immer versuchen, durch ihre Anschläge, die zwar immer eine vergleichbare Machart aufweisen, aber dennoch für den Gegner, auch für die Europäer, also auch für uns als Gegner insofern überraschend kommen, dass man sich nicht auf spezielle Ziele einstellen kann. Nun, wenn man mit Anschlägen auf Israelis gerechnet hatte, weil Israelis auch zum Feindbild der El Kaida, die ja in deren Terminologie Juden und Kreuzfahrer sind, dann eher auf politische und kulturelle Einrichtungen Israels, zum Beispiel im Westen oder Nordamerika, das heißt zum Beispiel Botschaften oder Kulturinstitute. Weniger gerechnet hatte man in diesem Zusammenhang, also im Kampf oder Terror gegen Israel, mit einem Touristenort oder mit einem Touristenhotel, das doch sehr abseits des eigentlichen nahöstlichen Konfliktes liegt. Heinlein: Innenminister Schily hat ja gestern sehr eindringlich vor Anschlägen hier in Deutschland gewarnt. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass es in nächster Zeit zu Anschlägen in Deutschland oder in Europa kommen wird? Hirschmann: Nun, eine Wahrscheinlichkeit hier ist natürlich sehr schwierig einzuschätzen. Das ist ganz schwer zu sagen. Wir haben allerdings zwei Drohungen, die ich sehr ernst nehmen würde. Wir haben zunächst eine Drohung des Stellvertreters von Osama Bin Laden, Aymar Al Zawahiri, gehabt, der sagte: Unsere jungen Gotteskrieger haben Deutschland und Frankreich eine Warnung geschickt. Er meinte die Anschläge in Dscherba und Karatschi, und sie seien bereit, bei Bedarf, wenn das nicht verstanden worden wäre, die Dosis zu erhöhen. Das wurde dann wenige Wochen später durch Osama Bin Laden nachgelegt, der die Drohung gegen Frankreich und Deutschland wiederholte. Das kommt vermutlich daher, dass erste Erfolge im Kampf gegen diese Strukturen in Frankreich und Deutschland zu verzeichnen sind, auf jeden Fall aber der Kampf gegen diese Form des Terrorismus stark intensiviert worden ist und dass es jetzt - natürlich auch durch die Ereignisse und die Erfolge der Sicherheitsbehörden der letzten Zeit - wohl eher so ist, dass man El Kaida schon auf einigen Ebenen getroffen hat, sodass man als Gegner, als Kontrahent offensichtlich wohl so ernst genommen wird, dass entsprechende Drohungen ausgesprochen werden. Die Drohungen sind ernst zu nehmen, weil El Kaida sowohl in Frankreich als auch in Deutschland über entsprechende Strukturen verfügt, das heißt über entsprechende autonome Terrorzellen verfü gt zu drei bis vier Personen. Wie viele Terrorzellen es insgesamt gibt, kann man naturgemäß nicht sagen. Sie verfügen aber auch über ein extremistisches Umfeld, das eine Art Schutz, eine Art Deckung bietet, aber auch Hilfsleistungen verrichtet. Heinlein: Ganz kurz zum Schluss, Herr Hirschmann: Wenn es diese Gefährdungslage gibt, können Anschläge dieser Art überhaupt verhindert werden? Hirschmann: Man kann Taten im Vorfeld sehr schwierig verhindern, weil natürlich die Breite dessen, was Terroristen angreifen können, die Ziele, so zahlreich sind, dass das hier sehr schwierig ist. Es können ja nicht nur politische Einrichtungen sondern auch Freizeiteinrichtungen, etwas, was mit der Gesundheit der Leute zu tun hat, Logistik, Versorgung angegriffen werden. Man muss sich mehr darauf konzentrieren, und das tut man im Moment auch, die Täter ausfindig zu machen, das heißt Täter zu verhindern und zum Beispiel, wie das in Deutschland passiert, über den extremistischen Gürtel sozusagen, der um diese El-Kaida-Strukturen herumliegt, zu den Tätern hervorzudringen und die Kämpfer El Kaidas aufzudecken, wobei jeder, der in Afghanistan, in den El-Kaida-Trainingslagern ausgebildet worden ist, auch als Terrorist der El Kaida bezeichnet werden kann. Heinlein: Kai Hirschmann von der Bundesakademie für Sicherheitspolitik war das. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören nach Bonn. ©Deutschlandfunk 2002