Die freien Wahlen im Irak, so scheint es, sind in vollem Gange. "Saddam ist der Feind Gottes", rufen hunderte Bewohner Bagdads im Nordosten der Stadt, im Zentrum stimmen andere mit den Füßen ab. Unterstützt von US-Marines, rissen sie einen gewaltigen Bronze-Saddam vom Sockel, anschließend: Freudentänze auf dem Gestürtzen. "Wir sind mit den Amerikanern!", schallt es aus der Menge.Aber wie lange wird der irakische Präsident George Bush Freude an seinen entfesselten Schützlingen haben? Erst einmal soll die Anzahl der amerikanischen Soldaten in der Fünf-Millionen-Stadt verdoppelt werden. Das Machtvakuum saugt die Ordnungsgewalt des Militärs an.Im Jubelgeschrei drücken die Soldaten aber erst einmal ein Auge zu. Zum Beispiel, wenn Plünderer verlassene Häuser ausräumen. Die Demokratisierer müssen es sich ja nicht gleich wegen Bagatellen mit dem neuen Brudervolk verderben. Aber bei Diebereien wird es nicht bleiben. Nach einem Vierteljahrhundert Diktatur, Bespitzelung, Willkür und Folter haben Unterdrückte erfahrungsgemäß eine Menge offene Rechnungen - und wenig Geduld. Welche Form wird er annehmen, der Nachkrieg, der jetzt beginnt? Vieles ist denkbar: Milizenführer, die an ihrer Macht hängen. Warlords mit eigenen kleinen Diktaturen. Schiiten mit langer Leidensgeschichte und Rachedurst im Süden, separatistische Kurden im Norden, und irgendwo mittendrin, viele schon auf der Flucht, Saddam Husseins sunnitische Machtclique.Heute mögen die Koalitionstruppen noch mit den befreiten Irakern feiern. Schon morgen könnten sie sich auf dem Balkan des Nahen Ostens wiederfinden.Auch die Erfahrungen aus Afghanistan zeigen, dass Zweckverbündete nicht lange brauchen, um sich daran zu erinnern, wem ihr eigentlicher Hass gilt. Viele befreite Iraker werden heute nicht weniger pragmatisch denken als ihre Glaubensbrüder am Hindukusch: der Gottlose ist so lange segensreich, wie er meine Fesseln sprengt. Jenseits der situativen Freude, nach der "Operation irakische Freiheit", könnten die Amerikaner schnell das finden, wonach sie vor dem Krieg lange vergeblich suchten: eine Verbindung des Iraks zum internationalen islamistischen Terrorismus.