Den ganzen Donnerstag lang versuche ich eine Firma zu erreichen, um ein Problem zu klären – kein Mensch geht ans Telefon. Irgendwann höre ich dann in einer Nachrichtensendung etwas von einem Streit der Politiker über Feiertage – über Feiertag generell und über solche in den südlichen (sprich- katholischen) Bundesländern. Und so langsam geht mir ein Leuchter auf, so langsam verstehe ich auch, warum ich heute keine „Süddeutsche“ vor der Haustür vorfand. Die armen Südlichter! Oder doch besser: Die (segens-)reichen?? Natürlich: Donnerstag, der 19. Juni – Fronleichnam; aber nur in den vorwiegend katholischen Ländern. Doch wiederum nicht in der ganzen Welt, sondern nur: in Deutschland…Nun werde ich an dieser Stelle nicht versuchen, zu erklären, was es mit Fronleichnam auf sich hat. Das wissen selbst die wenigsten Katholiken. Und ich als Protestant geriete bei einer Erklärung sofort wieder und unmittelbar in den dogmatischen Streit um das gemeinsame Abendmahl, Sie wissen schon? (Und für die dogmatischen Rätsellöser beider Konfessionen nur den einen heißen Tipp: Nachschlagen unter „extra usum“.)Nein, hier geht es nur um die Frage: Haben wir etwas zu viele christliche Feiertage – oder müssen wir die wenigen verbliebenen umso energischer schützen? Zum Beispiel den zweiten Weihnachts-, Oster- und Pfingsttag? Gehen wir einmal davon aus, dass weder in Frankreich noch in Italien noch gar im Vatikan diese Tage gesetzliche Feiertage sind. Sind diese Länder etwa weniger christlich gesinnt – und wenn ja: Liegt das nachweislich an der geringeren Zahl der Feiertage? Und sollte es wahr sein, was fast auf der Hand liegt, dass der äußerste Norden Deutschlands eher nur vordergründig christianisiert wurde: Liegt die Kriminalitätsrate in Süddeutschland etwa niedriger als im Norden? Und wie hoch ist sie an den Sonderfeiertagen, zum Beispiel an Maria Himmelfahrt in Bayern oder am Friedensfest (nur in Augsburg)?Ich denke man sollte hier sorgfältig unterscheiden: Der Sonntag und die ersten Feiertage der drei christlichen Hauptfeste machen den harten Kern einer stabilen Feiertagskultur aus. Schon beim Karfreitag wird man etwa in Frankreich schon unsicher, wo es ihn als gesetzlich geschützten Feiertag nicht gibt – aber das sind ja auch stramme Laizisten. Gut, nehmen wir den Karfreitag also entschieden dazu. Aber die ganze andere Zahl der kirchlichen Feiertage mit gesetzlichem Schutzstatus sind nicht etwa absolut christlich, sondern relativ deutsch.Nun darf sich jeder über einen zusätzlichen freien Tag freuen. Ursprünglich waren diese kirchlichen Sonn- und Feiertage ja die einzige Unterbrechung des durchgängigen Arbeitszwanges. Immerhin gibt es erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert so etwas wie einen Anspruch auf bezahlten Urlaub – der übrigens in den USA verglichen mit Deutschland geradezu minimal ausfällt. Vor diesem europäisch-kontinentalen sozialen Fortschritt waren es wirklich nur die christlichen Feiertage, die Mensch und Vieh, Herrn und Knecht so etwas wie ein Minimum Erholung einräumten (bei zehn Arbeitsstunden und mehr an einem Tag) – und damals war es eine soziale Wohltat, so viele Feiertage zu haben. Bei den heutigen tariflichen Urlaubsansprüchen hingegen ist diese elementare Funktion der relativ extensiven christlichen Feiertagskultur längst obsolet geworden. Es gibt jedenfalls mehr Menschen, die von den (steuerfreien) Feiertagszuschlägen materiell profitieren als solche, die am Pfingstmontag zu ihrer geistlichen Erbauung in die Kirche gehen.Wir sollten also die Kirche im Dorf lassen – und dies im doppelten Sinn: Sonntag, das ist seit den Tagen des Alten Testaments der permanente Streik gegen den permanenten Arbeitszwang, siehe drittes Gebot: Zum Schutz von Mensch und Vieh, heute vor allem: der Familie. Zweitens aber: Bei allen Nebenfeiertagen sollte man sich vor kulturkämpferischer Gegenwahr hüten – bevor man nicht genau weiß, ob man den Test auf das geistliche Leben an diesen Tagen wenigstens im tiefen Süden der Republik bestehen kann. Andererseits muss man über den Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, muss man also über Michael Glos sagen: Wo er recht hat, hat er recht! Zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche, das brächte mehr Arbeit übers Land und Jahr als ein gestrichener Feiertag. Für alle, die wenigstens vierzig Wochen im Jahr arbeiten, brächte das 80 Stunden pro anno – geteilt durch sieben macht das ungefähr 11,5 Feiertage, die nicht gestrichen werden müssten. Da wir aber den ersten Weihnachts-, Oster- und Pfingsttag ohnedies für Tabu erklärt haben, bedeutete dies, dass mit diesen zwei Wochenstunden (und dies erst recht bei 41 Arbeitswochen!!), sogar die Bayern sämtliche ihrer (Extra-)Feiertage hereingearbeitet hätten. Aber Glos kommt ja auch von dort… P.S.: Übrigens, wenn Sie dann am 15. August aus Versehen in Bayern (oder – siehe oben – am 8. August in Augsburg) anrufen und wieder keinen erreichen – denken Sie daran: Da haben die wieder einen Feiertag.