Berlin, 9. April 2003Otfried Nassauer kam zu spät zur Pressekonferenz. Heute, 11 Uhr, wollte das Organisationsbündnis „Achse des Friedens“ über die geplante Anti-Kriegs-Demonstration am kommenden Sonnabend informieren. Jens-Peter Steffen von der Ärzteorganisation IPPNW fing schon mal ohne Nassauer an, gerade beschrieb er das Grauen des Krieges und warnte, dass alles noch viel schlimmer kommen könne, weshalb es sehr wichtig sei, wieder zahlreich auf die Straße zu gehen, da eilte Otfried Nassauer in den Raum. Der Journalist und Sicherheitsexperte entschuldigte sich, er komme gerade aus dem Fernsehstudio des Nachrichtensenders N24, wo er regelmäßig den Kriegsverlauf bewerte. Nur mühsam habe er sich dort losreißen können, weil sich „die Lage“ gerade „drastisch ändert“.Noch immer atemlos erzählt Nassauer von den neuesten Nachrichten und Bildern aus Bagdad: Das Hussein-Regime sei offenbar zusammengebrochen. Die Kontrolleure des Informationsministeriums seien heute früh nicht mehr im Journalistenhotel „Palestine“ aufgetaucht. Präsidentenpaläste würden geplündert. Die Bagdader jubelten den amerikanischen Soldaten zu. „Ich würde im Moment davon ausgehen, dass der ganz große Kampf zum Bagdad ausbleiben wird.“ Die vier anderen Männer auf dem Podium saßen da wie versteinert. An der Wand hinter ihnen hingen die Demoplakate: „Luftraum sperren jetzt! Stoppt den Krieg sofort!“ Möglicherweise ist er am Sonnabend längst vorbei.Nie war die Friedensbewegung so stark wie vor ein paar Wochen. Sie wusste sich mit der Weltmeinung einig. Erstmals bildete sich in Europa so etwas wie eine gemeinsame Öffentlichkeit – in allen Ländern, unabhängig von der Position der jeweiligen Regierung, war die Mehrheit der Bevölkerung gegen einen Angriff auf den Irak. Noch bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte, gingen am 15. Februar rund um den Globus Millionen auf die Straße. Ohne diesen Druck hätten Deutschland und Frankreich ihre Position wohl kaum durchgehalten, wäre das Tauziehen im UN-Sicherheitsrat mit Sicherheit anders verlaufen.Paradoxerweise begann mit dem Beginn des Krieges der Niedergang der Friedensbewegung. Die britische Entwicklungshilfeministerin Clare Short, bis dahin eine Symbolfigur der Kriegsgegner, trat entgegen ihren Ankündigungen nicht zurück. Umfragen ergaben in Großbritannien eine steigende Zustimmung zur Politik Tony Blairs. Zwar gingen am Tag nach Beginn der Angriffe wieder weltweit Millionen auf die Straße, aber bald bröckelte die Front. Auch in Deutschland nahm die Beteiligung an den Demonstrationen ab. Jetzt, wo der Krieg begonnen hatte, musste man sich als Demokrat und Realist nicht einen schnellen Sieg über Saddam Hussein wünschen? Die Bilder aus dem Irak waren schrecklich, aber war das Ziel der Amerikaner und Briten nicht doch irgendwie gerecht? Der Angriff auf den Irak ist eben nicht mit dem Vietnamkrieg vergleichbar, bei aller Ablehnung der gegenwärtigen amerikanischen Regierung muss man heute eben für eine Niederlage Saddam Husseins sein.Oder doch nicht? In der Friedensbewegung entbrannte nach Kriegsbeginn ein brisanter Streit: Darf man sich eine Niederlage der USA wünschen? Sollte man das vielleicht sogar? Würde es, salopp gesagt, dem Weltfrieden langfristig nützen, wenn „die Amerikaner“ im Irak „eins auf die Mütze kriegen“. In einem Diskussionsforum der globalisierungskritischen Organisation Attac schlug ein Mitglied als künftigen Slogan für Demonstrationen ernsthaft vor: „Schlagt die Invasoren – der Verteidigungskampf des Iraks ist gerecht“. Zur Erläuterung schrieb er (am 28. März, als der amerikanische Vormarsch auf Bagdad gerade ins Stocken geraten war): „Ein möglichst hoher Blutzoll für die Aggressoren, ein langer Krieg könnte die politischen Kosten für die imperialistischen Länder hoch treiben und damit den emanzipativen Kräften weltweit Auftrieb geben. Wir haben also alles Interesse daran, dass die USA/GB diesen Krieg verlieren.“Auf der Attac-Mailingliste ging es daraufhin hoch her. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, empörte sich jemand. „Wir sagen deutlich, dass die USA und GB sowie Australien und andere einen Völkerrechtsbruch begehen. Aber wir sagen ganz bestimmt nicht, dass wir Saddam Hussein im Kampf gegen die Aggressoren unterstützen.“ Ein anderer Attac-Aktivist schrieb, es sei „doch völlig klar, dass wir mit verbohrt-antiimperialistischen Slogans nie und nimmer zum Erfolg der Friedensbewegung beitragen können.“Doch als US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Nachbarstaaten des Iraks vorwarf, Saddam Hussein zu unterstützen und mit Konsequenzen drohte, war das Wasser auf die Mühlen der Anti-Imp-Fraktion: „Der Irak-Krieg wird, wenn es nach den Hardlinern in Washington geht, der Auftakt für weitere ‚Präventivschläge’ sein, die die USA gegen Iran, Syrien und weitere Staaten durchführen wollen.“ Und Stefanie Haenisch, immerhin Mitglied im Attac-Rat, dem zweithöchsten Gremium der Organisation, pflichtete bei: „Ich halte es für wesentlich, dass wir uns einig sind, dass wir für die Niederlage der USA sind“, schrieb die Frankfurterin am 2. April. Dies würde nämlich „die USA im Feldzug für ihre Weltvorherrschaft schwächen“.Zu einem Konsens in dieser Frage fanden weder Attac noch die Friedensbewegung. „Ob wir uns eine Niederlage oder einen schnellen Sieg der USA wünschen, interessiert weder George Bush noch Saddam Hussein, und es hat auch keinerlei Einfluss auf den Fortgang des Krieges. Daher gibt es keinen Grund, uns als Attac dazu zu positionieren“, so ein Mitglied aus dem sächsischen Zittau. Wenigstens er hatte bemerkt, wie weit man sich mit der Debatte von der Gesamtgesellschaft entfernte.Mit Beginn des Krieges war die breite Front der Friedensbewegung zerfallen, die Überzeugungskraft ihrer Argumente schwand. Die Radikalen bekamen Auftrieb. Gemäßigte Kriegsgegner zogen sich zurück, saßen wie gelähmt vor den Fernsehbildern aus Bagdad. Als die Organisatoren der Samstags-Demonstration auf ihrer Pressekonferenz ihre Forderungen begründen sollten, kamen sie sichtlich ins Schleudern. Fred Klinger von der katholischen Organisation Pax Christi und Carl Waßmuth von Attac verlangten den „sofortigen Abzug der Invasionstruppen“. Ob das nicht für das irakische Volk und die Sicherheit der Welt verheerende Folgen haben könnte, hatte weder der eine, noch der andere eine einleuchtende Antwort.Mittlerweile ist die Friedensbewegung vom Kriegsverlauf endgültig überholt worden, die Demonstration am Sonnabend scheint ziemlich sinnlos. Kurz bevor auf dem Podium der Pressekonferenz ein Musiker das Wort ergriff, um die Kraft der Kunst im Kampf für den Frieden zu erläutern, verließ Otfried Nassauer den Raum. Er musste zurück ins Fernsehstudio.