George W. Bush hat es geschafft: Seine am Persischen Golf entfesselten Apaches, Tomahawks und Patriots haben ihm auf Moskaus Souvenirmärkten einen Platz im Schurkenkabinett gesichert. Mit einer leicht linkischen "Is' was?"-Miene blickt er von handbemalten Matrjoschkas auf seinen hölzernen Nachbarn Osama bin Laden. Ein Stückchen weiter oben im Regal schaut Revolutionsführer Lenin finster-ernst drein, während Stalin fast väterlich lächelt. Das Regal des Bösen biegt sich unter der Last der großen Männer der Weltgeschichte, und George W. Bush konkurriert neuerdings mit Saddam Hussein um die Gunst ausländischer Touristen.Russen freilich würden nie zum Chef des Weißen Hauses greifen. Denn in der Ablehnung des Irak-Krieges ist sich das riesige Land so einig wie selten zuvor. Über 80 Prozent der Bevölkerung wünschen laut Fernsehumfragen dem Diktator aus Bagdad den Sieg. Dieses Wüstengefecht, murmelt es einhellig an Fließbändern, in Werkskantinen und hinter Bankschaltern, dient einzig und allein dem Ölrausch und den amerikanischen Großmachtsgelüsten, keineswegs aber einer Demokratisierung des Nahen Ostens. Plötzlich fühlen sich die Russen wieder an den Frühling 1999 erinnert, als die Nato ohne Kremlsegen die slawischen Brüder in Belgrad bombardierte.Nun sind die Iraker zwar kein Brudervolk der Russen, doch das Zweistromland ist für Moskau traditionell wichtigster Partner im Nahen Osten. Zu Sowjetzeiten blühte der Handel und erreichte 1989 ein Volumen von zwei Milliarden US-Dollar. Dann zerstob der Wüstensturm von Bush senior die guten Geschäfte. Der Warenaustausch schrumpfte auf ein Zehntel zusammen, russische Unternehmen sollen durch den Krieg bis zu 35 Milliarden US-Dollar an Aufträgen verloren haben.Nach dem Lockern der UN-Sanktionen gegen Bagdad exportierte Russland allerdings erneut Eisenbahnwaggons, Pipelineröhren, Traktoren und Pkw in rauen Mengen nach Irak. Der Konzern "Sarubeschneft" sackte kapitale Profite durch den Weiterverkauf von irakischem Öl ein. Allein im Vorjahr kauften russische Mittlerfirmen über 120 Millionen Barrel bei Saddam ein - ein Drittel der irakischen Gesamtproduktion, so die Zeitung "Argumenty i fakty". Diese Geschäfte dürfte sich Moskau nach seiner Antikriegs-Haltung im Weltsicherheitsrat verscherzt haben. Und auch die 8,5 Milliarden Dollar, die Bagdad den Russen noch schuldet, muss der Kreml nach dem zu erwartenden Sieg der Amerikaner wohl abschreiben.Doch die wirtschaftlichen Verluste sind für Iwan Normalverbraucher nicht der Grund für seinen stillen Protest. Er fürchtet eher um die weiter schwindende Größe des eigenen Staates. "Unsere Mitgliedschaft im Weltsicherheitsrat war das einzig wertvolle Erbe der UdSSR. Heute artet sie zu einer reinen Formalie aus", beschreibt Gennadij Tschufrin vom Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen die Stimmung nach dem Angriff ohne UN-Mandat.Längst glauben die Russen, die wahren Absichten Washingtons durchschaut zu haben und schließlich nicht mehr aus, bald selbst ins Visier von B52- und F14-Bombern genommen zu werden. "Im Falle eines Erfolges in Irak werden sich die Amerikaner als unumschränkte Herrscher der Welt fühlen", meint der bekannte Publizist Vitalij Tretjakow. "Um dieses Gefühl zu bewahren, werden sie alle zwei Jahre eine solche Operation in einem beliebigen anderen Land wiederholen." Moskau sollte abwarten, wie sich die Amerikaner dabei verausgaben, solange sie dies möglichst weit weg von den Grenzen Russlands tun, rät der Journalist.Doch der ehemalige Chef des Generalstabs der sowjetischen Streitkräfte, General Wladimir Lobow, sieht die GIs bereits im Kaukasus, am Kaspischen Meer und in Russlands Fernen Osten aufmarschieren, um US-Interessen zu schützen. "Tief in ihrer Seele träumen die Amerikaner davon, dass Russland das gleiche traurige Schicksal erfährt wie die Sowjetunion", glaubt der Militärveteran.Die russischen Medien schüren seit den ersten Bomberstaffeln Richtung Bagdad solchen Antiamerikanismus. Pro-Irakische Bilder sind auf der Mattscheibe in Überzahl, das Wort "Aggression" macht pausenlos die Runde. Unentwegt spüren Reporter russische Frauen auf, die im Zweistromland einen Iraker geheiratet haben nun um das Leben ihrer Kinder fürchten. In Tabellen und Grafiken werden die getöteten "friedlichen Bewohner" des Iraks allabendlich aufgelistet.Spötter unter den Journalisten meinen allerdings, die tapfere Gegenwehr der Irakis mit ihrem (wenn auch leicht veralteten) Arsenal aus sowjetischer und russischer Produktion sei ein unschätzbarer Werbespot für die einheimische Rüstungsindustrie. Eine Steilvorlage für die hiesigen Medien war übrigens auch die Entlassung von Starjournalist Peter Arnett. Dass ausgerechnet der Vorzeigereporter vom Fernsehsender NBC für seine kritische Berichterstattung vor die Tür gesetzt wurde, schien den russischen Journalisten ein böser Fauxpas der amerikanischen Pressefreiheit, den sie genüsslich breit walzten.Der Protest in der Bevölkerung erreicht die breiten russischen Straßen jedoch nicht in Form von Massenkundgebungen wie in London, Paris oder Berlin. Er drückt sich eher in Einzelaktionen wütender Kriegsgegner aus. Im fernen Burjatien am Baikalsee versammelte sich das Regionalparlament am ersten Tag der alliierten Luftangriffe, um die "barbarische Bombardierung irakischer Städte" und die "Okkupation eines souveränen Staates" zu verurteilen. Noch weiter östlich, in Wladiwostok, boten Demonstranten vor dem US-Generalkonsulat Präsident Bush symbolisch einen Platz auf dem elektrischen Stuhl an. Und auf der Insel Sachalin im Ochotskischen Meer hat der Betreiber eines Internet-Servers alle Informationen des örtlichen American Centers gelöscht. In der überwiegend muslimischen Kaukasusrepublik Dagestan taucht Saddam Hussein plötzlich dutzendfach in den Geburtenkliniken auf. Stolze Väter benennen ihre Neugeborenen nach dem Mann, der Amerika die Stirn bietet.In der Hauptstadt des Landes ist die amerikanische Botschaft zentrale Anlaufstelle für die Koalition der Unwilligen. Hier schieben die Kommunisten Überstunden, treffen sich Studenten, Rentner und die internationale Community von Moskau - darunter auch Amerikaner - um gegen den Krieg zu protestieren. Dabei offerierten sie den Diplomaten bereits Hunderte Plastikkanister mit Öl im Tausch gegen Frieden.Doch es gibt auch Stimmen, die vor der Scheinheiligkeit des russischen Protestes warnen. Moskau selbst habe in der Geschichte mehrere Sargnägel für den Weltsicherheitsrat geschmiedet, meinen Politologen. Die Einmärsche in Ungarn, in der Tschechoslowakei und in Afghanistan seien allesamt ohne UN-Resolution erfolgt, so Kritiker des aktuellen Kremlkurses. Politikinstitute warnen vor antiamerikanischer Hysterie und empfehlen Präsident Putin, pragmatischer auf den Krieg zu reagieren. "Niemand zwingt uns, die USA zu lieben. Aber unser Selbsterhaltungstrieb diktiert uns die Notwendigkeit einer geopolitischen Union mit diesem Land", meint Andrej Piontkowskij vom Zentrum für strategische Forschungen.Nicht bei allen Moskauern scheint dieser Ratschlag anzukommen. Die amerikanische Botschaft hat ihre Landsleute bereits vor Attacken im Straßenverkehr gewarnt. Autos mit amerikanischen Diplomatenkennzeichen würden zunehmend von aggressiven Kraftfahrern bedroht, die versuchen, den US-Besucher von der Fahrbahn zu drängen oder mit obszönen Gesten hinterm Lenkrad beleidigten. Tipp der Botschaft: ruhig bleiben, Tempo verlangsamen und eine andere Spur wählen. So viel Vernunft hätten sich viele Russen auch in der amerikanischen Irakpolitik gewünscht.