Beim Blick auf das Jahr 2003 überwiegen bei den meisten Kommentatoren die düsteren Prognosen. Die Angst vor einer Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Lage und die Kriegsangst beherrschen die Stimmung. Doch es gibt auch Gründe dafür, dem kommenden Jahr mit positiven Erwartungen entgegenzusehen. Ein solcher Grund sind die Fortschritte bei der weltweiten Durchsetzung der Demokratie.Ein Hoffnungszeichen in diesem Sinne kommt zum Jahreswechsel ausgerechnet aus Afrika, dem Kontinent, der von westlichen Beobachtern gerne als „verloren“ abgeschrieben wird. Der Triumph der Opposition bei den Präsidentschaftswahlen in Kenia belegt einmal mehr, wie groß die Sehnsucht nach demokratischen Verhältnissen auch und gerade in ärmeren Weltregionen ist und wie schwer es patriarchalischen Autokraten, deren Herrschaft die postkoloniale Epoche bestimmt hatte, zunehmend wird, sich an der Macht zu halten. Schon in Zimbabwe hatte das Wahlvolk im Sommer des vergangenen Jahres eine deutliche Sprache gesprochen und den Diktator Mugabe per Wahlzettel abgesetzt. Nur ein schamloser Wahlbetrug und nackte Repression verhinderten noch einmal, dass er zum Teufel gejagt wurde. Das Selbstbewusstsein jedoch, mit dem immer mehr Völker, nicht nur in Afrika, ihre Rechte als Souverän ihrer eigenen Angelegenheiten einfordern, ist durch solche Rückschläge nicht mehr zu brechen.Ein anderes Land, das Hoffnung macht, ist ein islamisches: Iran. Noch hält dort die islamistische Mullahkaste ihre pseudoreligiöse Herrschaft aufrecht. Doch im iranischen Alltagsleben ist die Diktatur der politischen Theologen längst durchlöchert. Die Eliten des Landes orientieren sich bei ihren Zukunftsentwürfen und in ihrem Lebensstil am Westen, namentlich an den offiziell als Erzfeind verteufelten USA. Das hat aber nichts mit einer sklavischen Nachahmung westlicher Verhältnisse zu tun. Wenn sich die iranische Bevölkerung früher oder später die ihr zustehenden demokratischen Rechte erkämpft haben wird, wird sie diese in dem vollem Bewusstein ausüben, dass es sich dabei um eine eigene Errungenschaft handelt – dass die Demokratie ihr nicht von außen geschenkt oder aufgezwungen wurde. Ein demokratischer Iran wird ein selbstbewusster und starker Partner des Westens sein und kein Lakai. Der Zusammenbruch des Mullah-Systems wird zudem der schlagende Beweis sein, dass die Ideologie vom „Gottesstaat“ nichts als Elend und Ausweglosigkeit bringt. Nicht der Irak, sondern Iran könnte jenes Leuchtfeuer der Freiheit im Nahen Osten sein, von dem einige Strategen in Washington träumen.Die Entwicklung im Iran beweist nicht zuletzt, dass das kulturrelativistische Vorurteil, demokratische Volkssouveränität sei mit der Realität islamischer Gesellschaften unvereinbar, falsch und herablassend ist. So wie die Demokratiebewegung in Afrika das Klischee widerlegt, Demokratie sei nur etwas für Reiche. Andersherum wird ein Schuh daraus: Erst die Möglichkeit, die eigene Regierung öffentlicher Kontrolle zu unterwerfen und ihre Willkür in Schranken zu weisen, eröffnet die Möglichkeit zu einer kontinuierlichen und annähernd gerechten wirtschaftlichen Entwicklung.Weitere Fortschritte beim Ausbau rechtsstaatlicher Verhältnisse, sind im kommenden Jahr auch in der Türkei und – mit aller Vorsicht – in der Volksrepublik China zu erwarten. Auch wenn man davon ausgehen muss, dass es auf dem Weg zu einer weltweiten Durchsetzung der Demokratie neue schreckliche Rückschläge geben kann – ihre Anziehungskraft nimmt unaufhaltsam zu. Namentlich die arabischen Autokraten wirken bereits heute wie (wenn auch nach wie vor grausame und gefährliche) anachronistische Figuren. Mögen die Mittel, auf dem die US-Regierung die Herrschaft dieser Diktatoren in der Region brechen will, vielleicht falsch sein, die Idee ist richtig: Ohne den Sturz der Autokratie, sei es der irakischen oder der saudischen, ist weder ein dauerhafter Friede noch eine Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens zu Prosperität und Wohlstand denkbar. Ganz gewiss kann Demokratie nicht alle Probleme und Konflikte lösen – aber ohne sie auf die Agenda zu setzen, ist in unseren Zeiten auf Dauer überhaupt keine Problemlösung mehr denkbar. Übrigens gilt das selbst dann, wenn erfolgreiche demokratische Bewegungen zunächst antiwestlich eingestellte Kräfte an die Macht bringen sollte. Selbst mit antiwestlich voreingenommenen, aber demokratischen kontrollierten Regierungen kann man, schon gar in Zeiten der verstärkten Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, besser und rationaler verhandeln als mit größenwahnsinnigen Diktatoren, die ihr Volk nur als Kanonenfutter für ihre zerstörerischen Machtfantasien betrachten und auf Lügen und Betrügerein angewiesen sind.Der Schub der weltweiten Demokratiebewegung, den wir derzeit erleben, ist ein Effekt der Globalisierung. Mag sie sich wirtschaftlich für einige Länder zunächst auch noch negativ auswirken, weil ihr Abstand zu den reichen Industrienationen größer wird – sie entfesselt eine Dynamik, der sich kein Winkel des Erdballs auf Dauer entziehen kann. Denn sie bringt die Ideen und die Bilder von Selbstbestimmung und Wohlstand unmittelbar zu den Menschen und infiziert sie mit dem Wunsch, in ähnlichen Verhältnissen zu leben.Umso wichtiger ist es, dass der Westen seine eigenen Standards von Demokratie und Achtung der Menschenrechte einhält, beziehungsweise sie bei sich selbst weiterhin entschieden durchsetzt. Wenn westliche Länder aus Angst vor dem internationalen Terrorismus oder vor „Schurkenstaaten“ demokratische Rechtsnormen außer Kraft setzen oder schwächen, unterminieren sie nicht nur die eigene Zukunft, sondern entmutigen auch die weltweiten Versuche, dem Westen in dieser Hinsicht nachzueifern. Wachsamkeit und Entschlossenheit gegenüber Terroristen und anderen Demokratiefeinden ist mehr als angebracht. Mit schrecklichen Gewalttaten, die sich gegen die westliche Idee der Freiheit richten, müssen wir leider auch in Zukunft rechnen. Anlass zur Panik aber gibt es nicht. Denn auf lange Sicht arbeitet die Zeit für die Demokratie.Kommentare und Nachrichten an den Autor