Das Ende der Regierung Schröder bedeutet die verheerende Wahlniederlage der SPD in Hessen und Niedersachsen wohl noch nicht. Mit Sicherheit aber markiert sie das endgültige Ende des "rot-grünen Projekts". In Wahrheit war es schon spätestens seit vergangenen Sommer nur noch eine mit illusionistischen Kunststücken mühsam aufrecht erhaltene Fiktion. Schon damals war die rot-grüne Koalition programmatisch erschöpft und organisatorisch und personell am Rande ihrer Möglichkeiten angekommen. Durch Flut und Kriegsangst konnte dies noch einmal überdeckt werden. Dass Sigmar Gabriel und Gerhard Bökel den Kunstgriff, durch das Reiten auf antiamerikanischen Affekten ("Den Amerikanern geht es doch nur ums Öl. Das muss in diesem Lande einmal gesagt werden") von der eigenen Ratlosigkeit in Fragen struktureller Reformen abzulenken, in Niedersachsen und Hessen noch einmal wiederholen wollten, war eine plumpe Dreistigkeit, die von den Wählern zu Recht bestraft wurde.Tatsache ist, dass es schon längst kein "linkes Projekt" mehr gibt. Ist die Verteidigung etatistischer Strukturen des Verteilungsstaats auf Biegen und Brechen "links" oder nicht vielmehr sozialkonservativ? Ist nicht vielmehr der Weg zu mehr Eigenverantwortung, Flexibilität und Wahlmöglichkeiten in der Wirtschaft und in den Sozialsystemen eine "linke" Orientierung, weil sie der Individualisierung und kulturellen Pluralisierung der Gesellschaft Rechnung trägt? Diese "linke Modernität" akzentuieren derzeit jedenfalls die Grünen und entdecken dabei zu ihrem Erstaunen Gemeinsamkeiten mit Kräften aus dem "bürgerlichen Lager" - nicht zuletzt mit Teilen der CDU. Allerdings ist diese liberale Grundlinie in der Wirtschafts-und Sozialpolitik bei der grünen Basis und der grünen Wählerschaft alles andere als unumstritten - dort denkt man in weiten Teilen instinktiv eher traditionell sozialstaatlich.Rot-Grün in Berlin wird jetzt nüchtern prüfen müssen, was an programmatischen Gemeinsamkeiten und an gemeinsamem politischen Willen noch vorhanden ist. Zu einem weltanschaulich überhöhten "Modernisierungsprojekt" lässt sich das löchrige Bündnis aber nicht mehr aufschwingen. Denn jetzt geht an der CDU/CSU kein Weg mehr vorbei. Und neben der offiziellen wird es eine informelle, große Koalition geben. Ob das ein Segen für unser Land ist, wird sich erst noch erweisen müssen. Immerhin schwären in der nach außen hin so fest geschlossenen Union ganz ähnliche Konflikte um den richtigen Reformweg wie bei den Parteien der Linken. Wieviel Deregulierung verträgt die ganz auf sozialen Konsens eingestellte deutsche Gesellschaft? Wie durchschlägt man den gordischen Knoten aus steigender Steuer- und Abgabenlast, schrumpfenden öffentlichen Kassen und schwindendem Wirtschaftswachstum? Die Union ernährt sich im Augenblick vom miserablen Auftritt der Regierung, hat ihre Karten aber noch nicht auf den Tisch gelegt. Wenn sich CDU-Führungspersönlichkeiten wie Friedrich Merz jetzt als wild entschlossene Modernisierer gerieren, die mutig den Machtanspruch der Gewerkschaften brechen wollen, sollten sie bedenken: die Wähler aus der Arbeiterschaft sind in Niedersachsen und Hessen wohl kaum deshalb in Scharen zur CDU übergelaufen, weil sie Anhänger einer deregulierten freien Marktwirtschaft sind. Sondern im Gegenteil: Weil sie sich von der SPD in Sachen soziale Gerechtigkeit im Stich gelassen fühlen. Dieser Wählerklientel darf die Union nicht vor den Kopf schlagen. Die Volkspartei CDU steckt in den gleichen Zwängen zum Es-allen-recht-machen wie ihr sozialdemokratisches Pendant.Die Grünen aber werden sich nun verstärkt überlegen, ob sie ihr Schicksal weiter an eine immer tiefer in die ideologische Sinnkrise driftende Sozialdemokratie binden wollen. Die schwarz-grüne Option, die man jetzt in Köln ausprobiert, wird in der Öko-Partei nach dem sozialdemokratischen Desaster in Wiesbaden und Hannover enorm an Zugkraft gewinnen. Bei aller Nibelungentreue zu verflossenen linken Lagerzeiten: Warum sollten die Grünen ihr wachsendes Selbstvetrtrauen immer nur dazu einsetzen, einem sklerotischen Partner über die Hürde zur Macht zu verhelfen (zunehmend auch noch vergeblich)? Und sich anschließend von ihm wieder als naseweiser Juniorpartner abkanzeln zu lassen?Auf Bundesebene bleibt Schwarz-Grün ferne Zukunftsmusik. Auf lokaler, aber auch auf Länderebene testen Grüne und Christdemokraten jedoch längst ihre Gemeinsamkeiten aus. Und erfreuen sich der neuen Freiheiten, die ihnen die ungewohnte Konstellation eröffnet. Und die Freiheit hat es so an sich, dass, wer einmal von ihr gekostet hat, nicht mehr von ihr lassen wird. Und ein schwarz-grünes Bündnis in einem Bundesland wird für die politische Kultur in Deutschland zumindest einen Vorteil bringen: Es wird die anachronistischen Lagergrenzen aufbrechen - und als ideologisches "Projekt" wird es sich nicht mehr verkaufen lassen.