In dieser, der wirklichen Welt sind die USA derzeit nicht zu besiegen. Deshalb erfinden sich die Amerikahasser rund um den Globus einfach eine andere Welt. Allen voran das irakische Regime, das unter den Schlägen der alliierten Truppen in den letzten Zügen liegt. Dass US-Truppen in Bagdad eingedrungen seien, sei eine "Propagandalüge", brüstete sich der irakische "Informationsminister" am Wochenende. In Wirklichkeit seien die Angreifer von den Irakern in die Flucht geschlagen und "zermalmt" worden; die US-Besatzer auf dem Bagdader Flughafen habe man "abgeschlachtet".Je aussichtsloser die Lage des Regimes, desto zügelloser und wilder werden seine propagandistischen Fantasien. Die Dreistigkeit, mit der die manifeste Realität geleugnet und ins Gegenteil verkehrt wird, entspringt freilich wohl kaum dem schieren Wahnsinn; sie ist offensichtlich kalkuliert. Die Fantasmen der Baathisten sind gezielt auf die breite arabische Öffentlichkeit gerichtet, die ihren Schmerz über die eigene Ohnmacht durch eingebildete Siegesmeldungen betäuben will. Wir erleben eine erschreckende weitere Schraubendrehung in der kollektiven Psychose des arabischen Nationalismus: Noch während der laufenden Ereignisse wird die Realgeschichte durch eine mythische Gegenwelt ersetzt. So wird, wenn das Verschwinden des Regimes Saddam Husseins irgendwann gar nicht mehr zu bestreiten sein wird, immerhin der Eindruck haften bleiben, es habe den USA einen heroischen, für die Amerikaner mit verheerenden Verlusten verbundenen Kampf geliefert.Unliebsame historische Realitäten durch die schiere Leugnung der Tatsachen und die willkürliche Behauptung fiktiver Ereignisse zu ersetzen - das ist nicht neu. Bislang hatten die Geschichtsleugner jedoch immer einen gewissen räumlichen oder historischen Abstand gebraucht, eine gewisse Zeit zumindest, bis die primäre Erinnerung an die realen Tatsachen bereits ein wenig verblasst war, ehe sie sich mit ihren dreisten Fälschungen in die Öffentlichkeit wagen konnten. Jetzt werden die Geschehnisse bereits verleugnet und umgedichtet, während sie, vor aller Augen, noch stattfinden. Diese Fälschungen haben sich von jeder Absicht gelöst, Zweifelnde zu überzeugen, sie sind von vornherein für alle fabriziert und an alle gerichtet, die begierig sind, an sie zu glauben, weil sie von vornherein davon überzeugt sind, dass alles, was von amerikanischer Seite kommt, eine Lüge sein muss.Der Boden für die Wirksamkeit dieser neuen Art von fiktionaler Propaganda ist die - grundsätzlich berechtigte - Skepsis gegenüber den Massenmedien. Jeder intelligente Mensch weiß, dass man Bildern und Meldungen von der Front misstrauen muss, und schon gar den Erfolgsmeldungen miltitärischer Stäbe. Auch die amerikanischen Kriegsberichte muss man selbstredend mit größter Vorsicht behandeln und mühevoll die Wahrheit von Schönfarberei und gezielter Desinformation zu trennen versuchen. Im Westen breitet sich aber längst das Gefühl aus, dass man gar nichts mehr glauben dürfe, dass die Verlautbarungen beider Kriegsparteien gleichermaßen reine Propagandalügen seien. Diesen medienkritischen Agnostizismus nutzt die totalitäre Propaganda, indem sie ihre Lügen bis in märchenhafte Dimensionen steigert. So gelingt es ihr indirekt, die amerikanischen Erfolgsmeldungen zu diskreditieren, nach folgender suggestiver Logik: Wenn die Iraker sich trauen, derart haarsträubenden Behauptungen aufzutischen, muss man dann nicht davon ausgehen, dass auch die amerikanischen Erfolgsmeldungen pure plumpe Erfindungen sein könnten? Immerhin gibt es bereits eine Sekte, die davon überzeugt ist, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet seien. Wenn man aber eine Mondlandung in "Hollywood-Studios" inszenieren und der Welt als wahr verkaufen kann, warum dann nicht auch die Eroberung Bagdads?Eine andere Form propagandistischer Fiktionalisierung, gleichsam deren intellektuelle Variante, findet man bei der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. Ihre amerikaphoben Hasstiraden stoßen im gebildeten westlichen Establishment seit Jahren auf ehrfürchtige Aufnahme, denn Roy, umgeben mit der exotischen Aura einer kultivierten Dritte-Welt-Bildungsbürgerin, versteht es perfekt, sich die Rolle der Fürsprecherin aller Unterdrückten und Elenden dieser Erde anzumaßen. Der Gehalt ihrer Gewaltfantasien gegen den Weltfeind Amerika ist jedoch kaum minder brutal und dumpf als der des irakischen "Informationsministers".Im "Spiegel" dieser Woche verkündet Roy ihre offene - jedoch vermutlich verfrühte - Freude über die angebliche Wirksamkeit der Kriegsführung der irakischen Horrordiktatur: "ŽSchock und SchreckenŽ, den die amerikanischen Militärs vor dem Krieg ankündigten", so Roy, "flößt ihnen doch jetzt dieser erstaunliche Kampfgeist vieler Iraker ein. Es ist phantastisch, wie sie Widerstand leisten, und es bestätigt meine Hoffnung, dass nicht immer alles nach dem bequemen Kalkül der Mächtigen läuft. Die Armen, Geschlagenen und Erniedrigten haben enorme Reserven von Stolz und Würde." In dieser fiktiven Welt sind die "Mächtigen" immer die Amerikaner, die an allem Unglück dieser Welt schuld tragen, und nicht etwa Kräfte wie die Schergen des Saddam-Hussein-Regimes, das sein eigenes Volk als Geisel hält. In dieser Scheinwelt gibt es nur zwei Parteien: Die "Reichen" und "Mächtigen", also der Westen (allen voran die Amerikaner) auf der einen Seite; die "Armen, Geschlagenen, Erniedrigten" auf der anderesen Seite - also die Gegner des Westens, inklusive "die vielen Iraker", die nur aus Verzweiflung böse werden können. Ein Volk, ein Kampf, ein Führer - einen Unterschied zwischen den unterdrückten Irakern und dem Regime, das sie knechtet, kann Roy ihrem fantastischen Weltentwurf gemäß nicht machen. Und so freut sie sich denn, wenn "die Iraker" nicht frühzeitig kapitulieren, ist befriedigt, wenn die Metzelei auf dem Kriegsschauplatz noch möglichst lange weitergeht. Dann nämlich kann sie den Amerikanern noch mehr Verbrechen in die Schuhe schieben, und noch mehr blutige Kriegsopfer können ihr als Beweis dienen für "Stolz und Würde" jener "Armen, Geschlagenen und Erniedrigten", für die sie angeblich spricht.Oder haben wir sie da etwa böswillig missverstanden? Nein, sie rechtfertigt im "Spiegel" alle Mittel, die das irakische Regime in diesem Krieg einsetzt oder noch einsetzen könnte. "Die Regierung Bush", erklärt sie, "handelt hinterhältig, wenn sie den Irakern jetzt vorwirft, sie würden mit schmutzigen Tricks kämpfen. Was können arme, hoffnungslos unterlegene Menschen denn anderes tun?" Saddam Hussein und seine raffgierige und totschlägerische Kamarilla in die Kategorie "arme, hoffnungslos unterlegene Menschen" einzuordnen, ist blanker Zynismus. Arundhati Roy ist dieser Zynismus aber wohl gar nicht bewusst, weil sie vermutlich selbst fest an ihre obszönen Fiktionen glaubt. Sie will daran glauben, dass die irakische Bevölkerung und das irakische Regime eins sind und Hand in Hand gegen die amerikanischen Aggressoren kämpfen, weil sie nur so ihr Fantasma von einer fein säuberlich in Gute und Böse geteilten Welt aufrecht erhalten kann.