Was haben Jörg Haider und Jürgen W. Möllemann miteinander gemeinsam? - Dass ihnen selbst verheerende Niederlagen grundsätzlich nichts anhaben können. Denn ihre ganze politische Wirkung und Ausstrahlung verdanken sich ja ihrem Auftritt als ewige Verlierer.Sie inszenieren sich als stets Zukurzgekommene, als Opfer herrschender Mächte, als zornige Ausgeschlossene, die den Mut haben, das unbesiegbare „Establishment“ ungeachtet aller Vergeblichkeit immer aufs Neue herauszufordern. Dafür werden sie von denen, die sich ebenfalls für chronisch Zukurzgekommene halten, als Idol verehrt - und gewählt. Nichts schadet ihrem Ansehen mehr, als wenn sie am Ziel ihrer Wünsche angekommen sind. Haider führte seine FPÖ vor drei Jahren zum Rekordergebnis von über 26%, brach die machtpolitische Quaräntane auf, in der ihn die etablierten Parteien gehalten hatten und führte seine Partei in die Koalition mit Schüssels ÖVP. Noch ein paar Schritte weiter auf diesem erfolgreichen Weg, und Haider hätte österreichischer Bundeskanzler werden können.Doch kaum hatte er die Schalthebel der Macht vor der Nase, begann er sein eigenes Werk zu sabotieren und zu zerstören. Jetzt, da er seine eigene Partei und damit seine organisierte Machtbasis ruiniert hat, ist er endlich wieder in seinem Element: als der irrlichternde Underdog, der sich lauthals über die Ranküne der Mächtigen und die Undankbarkeit der Welt beklagen kann, die er mit seinem Genie beschenkt hatte. Nur einen gibt es weit und breit, dem er sich verbunden fühlt: Saddam Hussein.Jürgen Möllemann wäre, im Gegensatz zu Haider, wohl schon sehr gerne Bundesminister geworden. Doch auch bei ihm war der destruktive Instinkt, mit dem er sich über Jahre hinweg als bunter Paradiesvogel und Klartextredner einer im Ganzen mausgrauen Partei ins Rampenlicht gebracht hatte, zu stark, um still zu halten und geduldig auf den nahenden Erfolg zu warten. Möllemann, der ewige Zweite in seiner Partei, die ihn gewähren ließ, weil er ihr Stimmen zutrieb, ihn aber dabei stets mit spitzen Fingern anfasste, weil er ihre Etikette nicht einhielt - Möllemann hatte sich zu sehr an seine Rolle als randalierender Parvenü gewöhnt, als dass er sich nun einer von anderen oktroyierten Wahlkampfdisziplin hätte unterordnen können. Auch er lief zu Hochform nur auf, wenn er aus der Position des von finsteren Übermächten Verleumdeten und Verfemten heraus reden konnte - in diesem Falle war es die jüdische Scharon-Friedmann-Verschwörung. Möllemanns Attraktivität bestand darin, dass er den „legendären kleinen Mann, der immer litt und nie gewann“, repräsentierte, wie es in einem alten Biermann-Lied heißt. Er brauchte deshalb am Ende gar keine Feinde mehr, um unterzugehen. Seine selbstzerstörerischen Reflexe sorgten dafür, dass er nicht aus seiner Rolle als gescheitertes Genie und selbst ernanntes fallen konnte.Mag sein, dass Haider und Mollemann jetzt als politische Persönlichkeiten tatsächlich am Ende sind - der Typus, den sie repräsentieren, ist es nicht. Denn was man für gewöhnlich pauschalisierend als „Rechtspopulismus“ zu bezeichnen pflegt, ist weniger eine ideologische Bewegung oder eine zielorientierte politische Kraft als vielmehr eine diffuse Stimmung, die unterschiedlichste Motive auf sich zieht und sich unterschiedliche Ausdrucksformen sucht. Populistische Gruppen und Parteien artikulieren ein diffuses Gefühl des Unbehagens an der routinierten, zunehmend ineffizienteren Praxis des modernen Sozialstaats. Sie werden gewählt, weil man sie für Aufmischer hält, die die eingefahrenen Strukturen zwar durcheinanderbringen können, denen „die da oben“ aber angeblich sowieso nie eine Chance geben werden. Als ewige Verliere eben.Der rasche Niedergang der eben noch triumphierenden populistischen Strömungen in Österreich und Holland, aber auch die Implosion des Achtzehn-Prozent-Phantasmas der FDP folgen präzise diesem Muster. Diese Bewegungen waren attraktiv, so lange sie auf einer Art Welle rauschhafter Lust am Dagegensein schwammen, so lange die Inszenierung ihrer Führer als Tabubrecher funktionierte, die sich über die Zwänge der großen Apparate und über die Verabredungen der eingeschliffenen Konsensgesellschaft hinwegsetzen. Dieses Charisma verliert jedoch an Glanz, sobald ihre Führer oder die von ihnen geführten Parteien in verantwortliche Positionen aufrücken und sich nun selbst als Verwalter des Bestehenden bewähren müssen. Die so genannten Populisten sind nämlich, nicht, wie es mancher alarmistische Kommentar suggerierte, extremistische Ideologen, wie man sie aus früheren Zeiten kennt, sondern typische Produkte des post-ideologischen Zeitalters. Sie bieten ein scheinbare Alternative für alle, die sich den zunehmend hohler werdenden weltanschaulichen Bekenntnissen der etablierten Konsensparteien nicht mehr anschließen wollen. Die traditionelle Lageranordnung von „Links“ über „Mitte“ bis „Rechts“ schöpft ja immer noch aus den weltanschaulichen Grundströmungen des 19. Jahrhunderts.Der Begriff „Rechtspopulismus“ simplifiziert das schillernde Phänomen und beruhigt die Nerven, weil er die neuartige Erscheinung wieder auf die vertraute alte Lageranordnung zurückführt. Aber in gewisser Weise ist der Populismus nicht zuletzt ein illegitimes Kind des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates. Haiders FPÖ zum Beispiel sammelte über viele Jahre hinweg speziell in den früheren sozialdemokratischen Wählermilieus die Wählerstimmen der Arbeiter ein. Der Sozialstaat mit seinem Versprechen staatlicher Rundumversorgung hat seine unbestreitbaren Vorzüge, doch er konnte jahrzehntelang nur unter der Bedingung eines ethnisch weitgehend homogenen Staatsvolkes funktionieren. Die Internationalisierung der Bevölkerung im Zuge der Globalisierung ruft jetzt bei denen, die sich in den warmen Armen des Wohlfahrtsstaats aufgehoben fühlten, nicht nur soziale Abstiegsängste, sondern auch fremdenfeindliche Reflexe hervor. Die Populisten bedienen beide Reflexe, versprechen den Verunsicherten sozialen Schutz und Abschottung gegen die feindliche Außenwelt.Doch in den populistischen Strömungen sammeln sich nicht nur die so genannten Modernisierungsverlierer, sondern auch Modernisierungsgewinner: Urbane Aufsteiger, die sich den Genuss ihres Erfolges und ihren materiellen Reichtum nicht mehr durch das schlechte soziale Gewissen vermiesen lassen wollen, das der Wohlfahrtsstaat bei ihnen erzeugt.Das Verhalten der etablierten Volksparteien und ihrer führenden Repräsentanten sorgt mit dafür, dass diese diffuse Gemengelage untergründig weiter brodeln wird. Nach den gebrochenen Wahlversprechen etwa schieben der deutsche Bundeskanzler und seine Propagandabeauftragten die Schuld dafür, dass die Politik der Regierung nicht greift, auf die Gesellschaft ab: Böswillige Medien, die seine Botschaften nicht verstehen, träge Verbände und unfähige Eliten, die seinem Ruf nach Veränderung nicht folgen wollen. Auch wenn die aktuelle Welle des Populismus vorüber sein sollte: Die Gesellschaft wird neue Formen finden, sich für solche Schmähungen an der Politik zu rächen.