Die anglo-amerikanische Streitmacht steht in Bagdad. Unterdessen werden an der diplomatischen Front bereits neue Schützengräben ausgehoben: Auf der einen Seite erklären die Außenminister Russlands, Frankreichs und Deutschlands, der Nachkriegsirak müsse schnellstmöglich unter die Kontrolle der UN gestellt werden. Und jenseits des Atlantiks pocht US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in der ihm eigenen diplomatischen Art auf den Anspruch der "Befreier". Irgendwo dazwischen laviert der britische Premier Tony Blair, von innenpolitischen Schwerkräften getrieben, zurzeit eher Richtung Europa neigend. Fast fühlt man sich in die Vergangenheit versetzt, erinnern die neuen Frontlinien doch verdächtig an jene, die bereits das diplomatische Gezerre vor dem Krieg bestimmten."Back to the future" also? Vielleicht. Aber wenn, dann um ein gutes halbes Jahr. Damals herrschte innerhalb der US-Regierung bitterer Streit, ob Amerika den Weg über die UN gehen sollte (nachzulesen im Buch "Bush at War" vom Washington Post- Journalisten Bob Woodward). Auch heute ist die Position der Bush-Regierung noch nicht klar. Denn, noch ist der regierungsinterne Streit über die Neugestaltung des Irak nicht entschieden.Auf den ersten Blick stehen sich wieder die "neokonservativen" Falken unter Führung von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und die umsichtigeren Tauben des "alten Amerikas", angeführt von Außenminister Colin Powell gegenüber. Doch, wie auf dem tatsächlichen Schlachtfeld, ist der regierungsinterne Frontverlauf komplizierter als es scheint. Mindestens drei verschiedene Fraktionen wetteifern um das Ohr des Präsidenten: Pragmatische Realpolitiker auf der einen, Neokonservative, kurz Neocons, und konservative Traditionalisten auf der anderen Seite. Die letzten beiden Strömungen machen zwar im Augenblick gemeinsame Sache, haben aber langfristig fundamental unterschiedliche Vorstellungen von Amerikas Rolle in der Welt. Denn nicht jeder Falke ist automatisch ein Neocon. Eine Unterscheidung auf die gerade führende Vertreter der neokonservativen Bewegung Wert legen. Weder Rumsfeld noch Vizepräsident Dick Cheney zählen zu ihnen. "Neokoservativ ist zum Synonym für Falke geworden", klagte etwa unlängst Robert Kagan, einer der wichtigsten Vordenker der Neocons.VorherrschaftCheney, dessen Stabschef "Scooter" Libby oder Rumsfeld sind vielmehr "konservative Nationalisten". Ihnen geht es in erster Linie um die Sicherheit Amerikas und in Konsequenz der Suche nach Sicherheit um den Ausbau und die Beibehaltung der amerikanischen Stärke. Internationale Institutionen oder Verträge, durch die diese Stärke eingeschränkt werden könnte, lehnen sie ab. Selbst bestehende Allianzen wie die Nato sollen umgangen werden, wenn ihre Einbindung zu viel Rücksichtnahme erfordert. Rumsfelds Credo "Die Mission bestimmt die Koalition - und nicht umgekehrt" bringt diese Einstellung auf den Punkt.Soweit herrscht Übereinstimmung zwischen konservativen Nationalisten und Neocons, ist ihnen doch die Forderung nach möglichst uneingeschränkter Handlungsfreiheit der Supermacht gemein. Uneinig sind sie sich jedoch darüber, wie lange diese Macht eingesetzt werden soll. So lehnt etwa Rumsfeld langwieriges "nation building" und den damit verbundenen friedenssichernden Einsatz von amerikanischen Soldaten ab. Der Verteidigungsminister möchte nach Kriegsende höchstens ein kleines Kontingent von US-Soldaten im Irak zurücklassen, dessen Aufgabe darin bestehen soll, die Überreste des Saddam- Regimes und islamistische Terroristen zu jagen. Auch der Demokratiegrad der neuen Regierung des Irak ist für die Gruppe um Rumsfeld und Cheney nicht entscheidend. Hauptsache das neue Regime stellt sich nicht gegen Amerika. Denn, frei nach dem Motto "er mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn", stehen die konservativen Nationalisten in der Tradition Richard Nixons.Revolutionäre VordenkerDie Neokonservativen verfolgen weit ambitioniertere Ziele. So wie die konservativen Nationalisten um Cheney & Co glauben, Amerika nur durch seine Stärke schützen zu können, sind die Neocons der Ansicht, dass Amerika erst dann wirklich sicher ist, wenn es die Welt nach amerikanischen Vorbild demokratisiert hat. Nicht umsonst sehen sich die Neocons gerne als konservative Revolutionäre, die ihre hohen Ideale der harschen Realität angepasst haben. "Linke, die von der Realität beraubt wurden" nennt William Kristol, Chefredakteur des neokonservativen Magazins "Weekly Standard" das.Der Einfluss der Neocons rührt vor allem von ihrer Rolle als Vordenker, mit der sie die "Meinungsführerschaft" im konservativen Milieu Amerikas übernommen haben. Innerhalb, wie außerhalb der Regierung besetzen Neocons die für die Planung zuständigen Posten. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist Richard Perle, genannt der "Fürst der Finsternis", der zwar gerade sein Amt als (ehrenamtlicher) Vorsitzender des "Defense Policy Boards" abgegeben hat, nicht aber seinen Einfluss. Ihm zur Seite stehen Rumsfelds Stellvertreter Paul Wolfowitz und der für Planungsfragen zuständige Staatssekretär im Verteidigungsministerium Douglas Feith. Allesamt sind sie geistige Erben Woodrow Wilsons, dem Vaters des Völkerbundes, nicht Richard Nixons oder Ronald Reagans.Radikaler UmbauIn der Tradition Wilsons möchten Wolfowitz, Perle, Feith & Co die gesamte Region umbauen und demokratisieren. Entsprechend radikal sind ihre Nachkriegspläne. Der Irak soll nur der Anfang sein. Und wie im diplomatischen Geplänkel vor dem Krieg sind ihnen auch nach dem erhofften Sieg bestehende Institutionen nur im Weg. Die UN genauso wie der bestehende irakische Staatsapparat. Zu korrupt, zu ineffizient und nur ein unnötiger Klotz am Bein.Der Irak selbst soll von Grund auf neu geordnet werden. Und das von außen. Das Land soll unter amerikanische Militärverwaltung gestellt, die Baath-Partei Saddam Husseins soll aufgelöst, Verwaltung, Polizei und Militär von ihren Funktionären gereinigt werden. Parallel hierzu sollen eine Gruppe von Exil- Irakern unter der Führung des Vorsitzenden des Iraqi National Congress (INC) Achmed Dschalabi die zivile Führung des Landes übernehmen. Die Neocons sind bereit, die gesamte Staatsstruktur in Frage zu stellen: Kurden im Norden wie Schiiten im Süden sollen weitreichende Autonomie erhalten - bis hin zur de facto Unabhängigkeit. Die UN und ihr Sicherheitsrat können, wenn es denn sein muss, diesen Plan absegnen. Mehr aber nicht.StabilitätKonservativen neuer wie alter Schule gegenüber steht die Gruppe um Außenminister Powell, seinen Stellvertreter Richard Armitage, und CIA-Direktor George Tenet. Statt Revolution und Transformation wollen sie vor allem Stabilität. Auf der diplomatischen Ebene wollen Powell und die Seinen die UN wieder ins Boot nehmen. In der Regelung der Nachkriegsordnung sehen sie die Chance, die angeschlagenen Beziehungen zu den alten Nato-Partnern zu reparieren.Im Irak selbst setzen die sogenannten Realisten auf die traditionellen Politikstrukturen des Landes. Natürlich wollen auch sie die Herrschaftsclique des Baath Regimes und vor allem Saddam Husseins Clan aus der Gegend um Tikrit beseitigen. Darüber hinaus aber soll die neue Regierung vor allem auf den Überbleibseln des bestehenden Systems aufgebaut werden. Sprich, die niederen Chargen des Regimes sollen unter amerikanischer oder internationaler Oberaufsicht im Amt bleiben, und so einen Fortgang des Staates sichern.Das Außenministerium plant mit dem "Future of Iraq Project" schon seit Monaten für die Zeit nach Saddam Hussein. Auf diesem Feld scheinen die Realisten gegen die Revoluzzer, nach bisherigem Stand der Dinge, einen Punktsieg errungen zu haben. Statt einer von den Amerikanern eingesetzten Führung unter Dschalabi soll es wohl zunächst eine amerikanische Militärverwaltung geben. Dschalabi und andere Exil-Iraker sollen an einer späteren Interimsregierung beteiligt werden, aber nicht in führender Position. Diese soll hauptsächlich aus innerirakischen Oppositionellen bestehen. Alles andere, argumentieren die Realisten scheinbar erfolgreich, würde nur den Eindruck erwecken, die Amerikaner versuchten eine Marionettenregime aufbauen. Schließlich würde "niemand Dschhalabi erkennen, wenn er heute in Bagdad spazieren ginge".Punktsieg für PowellOb sich Powell mit seiner Forderung nach Wiedereinbindung der UN ebenfalls durchsetzten wird, bleibt indes noch offen. In letzter Instanz wird George W. Bush das entscheiden. Zwar ist der auf die UN nicht besonders gut zu sprechen, doch die Realisten um Powell haben die besseren Argumente auf ihrer Seite.Erstens: der leichte Glaubwürdigkeitsverlust, den die Neocons durch den Kriegsverlauf erhalten haben. Schließlich brach, anders als etwa von Pearle vorhergesagt, das irakische Regime mitnichten mit dem ersten Schuss zusammen. Vielleicht wird also auch der Wiederaufbau schwerer als die Neocons orakeln. Zweitens: Geld. Je größer der Kreis der Staaten, die am Wiederaufbau des Iraks beteiligt sind, desto weniger Geld wird der amerikanische Steuerzahler berappen müssen. Und obendrein hätte die zukünftige irakische Regierung so größere moralische Autorität. Drittens, die Trumpfkarte: Tony Blair. Denn der britische Premier ist innenpolitisch auf eine Rückkehr zu den UN angewiesen - und hat gleichzeitig als treuer Verbündeter beim Präsidenten ein Stein im Brett.