Meurer: Für hunderte Urlauber, zumeist Israelis, endeten heute Nacht die Ferien in Ägypten mit einer Katastrophe. Es gab drei Autobombenanschläge, unter anderem auf das Hilton Hotel im Badeort Taba, ganz nah an der israelisch-ägyptischen Grenze. Wie viele Tote es gegeben hat, darüber gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen, von 16 bis 44 war zunächst die Rede. Wir müssen noch genauere Informationen abwarten. In Mainz begrüße ich jetzt Professor Dr. Günter Meyer. Er arbeitet und lehrt an der Universität Mainz und ist zugleich Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient. Herr Meyer, Anschläge in Israel und in den besetzten Gebieten hat es ja vielfach gegeben, wie interpretieren Sie dieses Ziel, dass die Terroristen jetzt gesucht haben in Ägypten? Meyer: Es sind ausschließlich israelische Touristen, die hier als Ziel für die Terroristen dienen. Gerade der Bereich von Taba - Taba liegt unmittelbar an dem israelisch-ägyptischen Grenzübergang. Dieses berühmte Vier-Sterne-Hotel, in dem auch die wichtigsten politischen Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten stattgefunden haben, dann weiter nach Süden Ras al-Sultan, wo die zweite Bombe hochgegangen ist, eine neue Hotelanlage und noch ein Stück weiter, 50 Kilometer südlich, Nuweiba, wo die dritte Bombe explodiert ist - das ist gerade zu dieser Zeit, während des israelischen Sukkotfestes, eine reine Enklave von israelischen Touristen. Wir müssen hier mit Tausenden von Besuchern aus Israel rechnen. Angesichts dieser sehr langen Ferienperiode, die wir jeweils im Herbst haben, sind die israelischen Strände völlig überfüllt, auch überteuert und wir haben hier weitgehend leere Strände. Wir haben hier sehr niedrige Preise, auch in Nuweiba, vor allem ein Zentrum ist für israelische Rucksacktouristen. Viele Studenten und Jugendliche verbringen dort, unbeschwert bisher, ihre Ferien. Meurer: Gibt es auch deutsche Touristen in Taba? Meyer: Zu dieser Zeit ist es eigentlich vorwiegend besetzt von Israelis. Das Taba-Hotel steht allerdings auch auf dem Programm von deutschen Reiseveranstaltern. Von daher ist es nicht ausgeschlossen, dass auch deutsche Touristen im Taba-Hotel gewesen sind. Meurer: Raten Sie deutschen Touristen jetzt ab, Urlaub in Ägypten zu machen? Meyer: Unbedingt. Das mag zynisch klingen, aber die Terroristen haben ausschließlich die Israelis im Visier, die sich gerade in diesem Streifen hier konzentrieren. Das übrige Ägypten ist vollkommen sicher. Die ehemaligen Terroristen, die auch verantwortlich gewesen sind für den Anschlag in Luxor, 1997, alle die, auch die islamistischen Verbände, haben dem Terror gegen Touristen abgeschworen und auch keinerlei Anschläge gegen Touristen mehr durchgeführt, nachdem die überwältigende Wut der ägyptischen Bevölkerung sich damals gegen diese Terroristen gerichtet hat. Meurer: Verstehe ich Sie jetzt recht, Sie raten deutschen Touristen also nicht ab, jetzt Ägypten zu meiden, sondern Sie halten Ägypten als Urlaubsland und für deutsche Touristen für sicher? Meyer: Nach wie vor. Es war ein gezielter Anschlag gegen Israelis und die Israelis konzentrieren sich nur in diesem Teil der Sinai-Halbinsel. Das übrige Ägypten ist davon völlig unbetroffen. Das ist ein völlig anderer touristischer Markt, insofern würde ich keinem davon abraten, jetzt etwa auch seinen Urlaub im Süden der Sinai-Halbinsel und im übrigen Ägypten zu stornieren. Meurer: Die israelische Regierung in Gestalt des Außenministers hat bereits einen Urheber ausgemacht, nämlich die Terrororganisation El Kaida. Kann man das so schnell sagen? Meyer: Aus israelischer Sicht ist es natürlich eine klare politische Strategie, nämlich um auf diese Art und Weise zu dokumentieren: El Kaida ist an allem Schuld, der internationale Terrorismus. Tatsächlich geht es nach wie vor um den Nah-Ost-Konflikt. Es geht um die Besatzungspolitik der Israelis, gerade das Vorgehen und die zahlreichen Toten, die unter der palästinensischen Bevölkerung zu beklagen sind, das ist der eigentliche Anlass. Und im Hintergrund steht Vergeltung für die getöteten Palästinenser. Das ist eindeutig ein lokal, regional begrenzter Konflikt. Mit El Kaida hat das im Prinzip nichts zu tun. Meurer: Glauben Sie, dass ein Zusammenhang besteht zur laufenden israelischen Militäroffensive im Gazastreifen? Meyer: Ich sehe es als unmittelbare Konsequenz davon, denn die große Zahl von Toten, auch die Art und Weise, wie mit harter Hand gegen die Palästinenser vorgegangen worden ist, das ist etwas, was jetzt, wo es israelische Tote gibt, dann durchaus auch für Sympathien in der übrigen arabischen Welt sorgen wird. Meurer: Aber solch ein Anschlag, braucht der nicht doch ein bisschen längere Vorbereitung? Drei Ziele an einem Abend? Meyer: Sicherlich, aber die Besatzungspolitik der Israelis läuft ja wesentlich länger. Es wurden auch Beziehungen hergestellt zur Scheich Jassin, der von den Israelis gezielt getötet worden ist. Dass die Ursache auf jeden Fall in dem Vorgehen der Israelis in den besetzten Gebieten zu suchen ist, ist offensichtlich. Die Planung kann durchaus schon länger laufen, denn auch das brutale Vorgehen der Israelis in den besetzen Gebieten, was ja auch von den internationalen Organisationen massiv verurteilt wird, ist einfach die Ursache. © Deutschlandfunk 2004