Mit dem Beginn des Irak-Kriegs kamen zahlreiche Friedens- und Protestsongs auf den Markt, Videos gegen den Krieg wurden gedreht, Friedenssymbole zur Schau gestellt. Einige Künstler, die Stellung bezogen hatten, nahmen jetzt erschreckt über ihre eigene Waghalsigkeit die kritischen Aussagen wieder zurück. Denn besonders in den USA wurden zu kritische Bands mit Boykott gestraft.Die Dixie Chicks machten den Anfang, als sie sich nach einem ablehnenden Kommentar zu George W. Bush zu einer devoten Entschuldigung hinreißen ließen (siehe http://www.zeit.de/politik/irak_musiker ). Jetzt zieht auch Madonna ihr Video zu "American Life" zurück. Ihr Statement dazu: "'Ich habe mich entschlossen, das Video nicht zu veröffentlichen. Es wurde aufgenommen, bevor der Krieg begann und ich glaube, es ist derzeit einfach nicht angebracht, es zu zeigen. In Anbetracht einer sich ständig ändernden politischen Situation und aus Respekt vor den kämpfenden Truppen, hinter denen ich stehe und für die ich bete, möchte ich nicht die Gefühle von jemandem verletzen, der das Video vielleicht missverstehen könnte."Das Video, in dem sie als granatenwerfende Furie einem äußerst realistischem George-Bush-Double gegenüber steht, wäre genau zur rechten Zeit erschienen: Als Kritik an den Medien, die zumindest zu Anfang des Krieges die Propaganda eines sauberen Kriegs durch saubere Bilder unterstützten. Als Kritik am Krieg selbst, den mitterlweile auch viele Amerikaner öffentlich verurteilen. Und als Kritik an George W. Bush, dem sie vor Ausbruch des Krieges scheinbar äußerst kritisch gegenüber stand. Hätte Madonna sonst in diesem Anti-Kriegs-Video seine Person mit ins Spiel gebracht?Solidarität mit den Truppen gibt sie selbst als Grund für diesen Rückzug an. Doch auch wirtschaftliche Gründe mögen eine Rolle spielen, denn bei den Dixie Chicks hat sich gezeigt, wie schnell Kritik an George W. Bush mit Boykott und rückläufigen Verkaufszahlen bestraft wird. Madonna hatte schon 1992 mehr als 200 Millionen Dollar verdient. Ihr kann der finanzieller Aspekt mittlerweile egal sein. Nicht aber Sony Music, die in den letzten zwei Jahren, wie alle Plattenfirmen, hohe Einbußen durch die Vertreibung von Titeln über das Internet zu verbuchen hatte. Dass sich Madonna dem beugt, spricht allerdings nicht gerade für sie.Auch Robbie Williams schließt sich dem Reigen der Unkritischen an. Nachdem er bei der Ankündigung seines Songs "Happy Easter (War is coming)" - in Anlehnung an John Lennons Friedenssong "Happy Xmas (War is over)" - erklärt hatte, dass dieser (!) Krieg ihm wirklich Angst mache, sagte er jetzt auf BBC, sein Lied sei "in keiner Weise ein Statement gegen den Krieg im Irak". Hat die Plattenfirma Emi, die den britischen Star seit Jahren verzweifelt auf dem US- Markt zu etablieren versucht, ihn zur Mäßigung ermahnt?Repressalien ganz anderer Natur erfuhr Anfang April die Gruppe Pearl Jam. Während eines Konzerts in Denver hatte der Sänger Eddie Vedder eine Maske mit dem Abbild George W. Bushs auf sein Mikrofon gespießt und darauf herumgetreten. Verärgerte Zuschauer verließen daraufhin den Konzertsaal. In einem Artikel der "Rocky Mountain News" klang das dann so: Dutzende von Besuchern hätten das Konzert nach diesem makaberen Spektakel verlassen, ein Zuschauer wurde mit den Worten: "Hiermit haben Pearl Jam sogar die Dixie Chicks übertroffen" zitiert. Was der Artikel verschweigt und Pearl Jam in einer Presseerklärung dann richtig stellt: Fast 12.000 Besucher sahen das Konzert, und nicht mehr als zwei Dutzend verließen den Saal, die übrigen 11.976 applaudierten und waren keineswegs angeekelt. Eine akkurate Berichterstattung wünscht sich Pearl Jam und resümiert schlicht: "It just made a better headline to report otherwise."Auch MTV Europe hat auf die negative Resonanz auf zu kritische Songs und Videos reagiert. Laut eines Artikels der Wall Street Journals hatte MTV Europe in einem internen Memo eine Liste mit Videos verschickt, die nicht mehr gespielt werden sollten. Namentlich wurde hier unter anderen das Video "Boom" von Systems of a Down genannt, in dem Chef-Kritiker Michael Moore die Band auf einer Friedenskundgebung in Los Angeles filmte. Auch Videos, die Wörter wie "Bombe", "Krieg" oder ähnliches enthielten, strichen sie aus dem Programm. MTV Deutschland spielt diese Videos weiterhin.Musiksender und Plattenfirmen agieren nach den Gesetzen des Marktes - verkaufsorientiert und völlig unideologisch. Da sie mittlerweile einen Großteil der Musikkultur bestimmen, sieht es um diese Kultur - die ursprünglich Reflexion und Kritik gesellschaftlicher Zustände darstellte - äußerst finster aus. Dass millionenschwere Künstler dem nichts entgegen zu stellen haben, ist tragisch.Popmusik wird schon lange nicht mehr als Gegenkultur zelebriert. In Zeiten von Dieter Bohlens Superstars ist jeglicher Tiefgang in dieser Musikkultur sowieso zum Scheitern verurteilt. In den USA und Großbritannien ist das nicht anders. Vielleicht muss dieser Krieg noch länger dauern, noch mehr Tote kosten, bis die Popkultur wieder eine politische wird. Auch während des Vietnamkriegs dauerte es, bis sich die Protestbewegung formierte. Bis dahin sind Protestsongs- oder videos von Rückziehern wie Madonna und Robbie Williams nichts als Betrachtungen von Unpolitischen. Solange mit diesen Songs Geld verdient wurde galt die Maxime: War sells. Wird die Kritik aber zu politisch und gefährdet die Verkaufszahlen, wird schnell dem Business der Vorrang gegeben.