Jetzt hat der Lieutenant Glück gehabt. "Saddam hat ein paar von diesen Scuds auf mich geschossen. Er hat mich verfehlt". Da bleibt Zeit für ein bisschen sanften Tourismus. "Hab mich heut wieder mal mit ein paar "locals " getroffen. Sie waren glücklich. Sie erhoffen Saddams Sturz noch mehr als wir. Sie sind vor ihren Satellitenfernsehern geklebt und haben zwischen Al Jazeera, Fox News, BBC, den lokalen Stationen und Iraqi TV herumgeschaltet. Sie mochten besonders diese Moderatorin bei Fox. 'Welche Stadt?' fragte einer begeistert und deutete auf die Frau. 'New York', sagte ich. 'Ich muss dorthin'. Alle haben gelacht. (...) Plötzlich fiel es mir wieder ein. Um Quasr ist eine Grenzstadt. Für diese Männer war es eine andere Zeit, als sie frei durch den Irak reisen konnten und all das machen durften, was hier nicht erlaubt ist". Doch jetzt sind die Iraker in der irakischen Hafenstadt ja befreit. Deshalb konnte der Soldat mit dem Pseudonym "Lieutnant Smash" ein paar Notizen in sein Notebook schreiben. Von Wasserknappheit und Kollateralschäden berichtet er zwar nicht. Dafür kann jeder unter www.lt-smash.us in der elektronischen Feldpost nachlesen was der GI so an der Front treibt. Einmal wird er von befreiten Irakern auf "gebratenes Hühnchen auf Reisbett" eingeladen, dann bereiten ihm Berichte über Tote und Gefangene "mixed emotions". Dann postet er eine Hymne für einen gefallenen Kameraden oder denkt sich in einer lauten Bombennacht: "Möchte jetzt nicht auf der anderen Seite sein". Lieutenant Smash gibt an, ein amerikanischer Militäroffizier zu sein. Wenn er nicht gerade an seiner Kolumne " live from the sandbox" feilt, dann kämpft er für die Freiheit unterdrückter Iraker. Während ihn die meisten eher für einen getarnten Anführer amerikanischer Propagandatruppen halten, zweifelt die Washington Post nicht daran, dass Smash tatsächlich an der Front tippt. 6000 Leser, so die Zeitung, habe Smash pro Tag.Im ersten Weltkrieg lernten die Bilder laufen. Im Zweiten Weltkrieg saß das Volk vorm Radio. Der Vietnamkrieg galt als erster Fernsehkrieg. Der erste Golfkrieg läutete mit CNN den Siegeszug des Satelliten- und Kabelfernsehens ein. Der "Feldzug gegen Saddam", so behaupten es die Medienforscher, sei der erste Krieg, den man online im Internet verfolgen könne. "Krieg", so analysierte das britische Internetunternehmen Freeserve, sei zurzeit das populärste Suchwort im Netz. "Sex" oder "Britney" lägen abgeschlagen zurück. Da können amerikanische TV- Stationen die Bilder der amerikanischen Kriegsgefangenen zensurieren und auf die Genfer Konvention verweisen. Da können Hacker, wie vergangene Woche mehrmals geschehen, noch so oft auf die englische Homepage von "aljazeera.net" (drei Millionen page views pro Tag, davon 40 Prozent aus den USA) einschlagen. Mittels Google & Co findet jeder die Bilder der zitternden amerikanischen Geiseln. "Die Berichterstattung im Internet ist im Irak-Krieg mindestens so wichtig, wie die im Radio während des Zweiten Weltkrieges", sagt Dean Wright, Chefredakteur des US- Nachrichtenportals MSNBC.com, auf dem sich die Nutzerzahlen am Tag des Kriegsbeginnes mehr als verdoppelten. Vor allem Büroangestellte und Personen, die kein Kabel- oder Satellitenfernsehen besitzen, holen sich den Krieg mit der Maus her, sagt Wright.Die Technikfreaks jubeln. "Unabhängige Berichterstattung online!" , ruft die Plattform telepolis.de, "Ganz andere Kriegsnachrichten!", erwartet der Spiegel online und die deutsche netzeitung will überhaupt "ehrlichere Berichterstattung über den Krieg" ausgemacht haben.Auf den ersten Blick sieht alles aber ziemlich alt und unehrlich aus. Wer auf die Seiten der Mediengiganen surft, der findet bestenfalls ein update des Kriegsspielkrempels, der bereits 1991 eingesetzt wurde, um das Volk von Toten und Verletzten abzulenken. Da kann man sich bei CNN gegen eine kleine Gebühr richtiges "interactive street fighting" herunterladen und bekommt Zutritt zu "war galleries", in denen man eine Simulation des "Palace takeover" und ein paar "latest photos" anklicken kann. Da bietet die honorige New York Times so genannte "Slideshows" mit Titeln wie "sifting trough bagdadŽs rubble" oder "Sunday with the troops". Da kann sich jeder bei der Fotoagentur reuters ungeschnittenes Filmmaterial abspulen auf dem ein eingebetteter Journalist seine Freude über diese "verdammt guten Bilder" nicht verbergen kann. "Besonders beliebt sind die Videostreams zum Krieg", sagt Tina Endzweig vom deutschen Nachrichtensender n-tv. Es gibt ein paar Lichtblicke. Vor allem so genannte "Web Logs", kurz "Blogs " genannt, bieten eine interessante Ergänzung zu den Fernsehbildern. Millionen User stürmen etwa die Seiten von www.warblogging.com oder www.warblogs.cc , die als die besten "Warblogs" gelten. Blogs sind einerseits Internettagebücher, die mit klassischem Journalismus nichts zu tun haben, sondern meist die subjektive Seite des Autors ausstellen. Sie bieten aber auch Plattformen zur Diskussion, archivierte Medienberichte und jede Menge Links. Sie scheinen mitunter tatsächlich jene Informationen zu bieten, die CNN und BBC nicht senden wollen oder können. Sie stellen die Nachrichten und Kommentare verschiedenster Medienunternehmen zusammen, sie bringen Zwischentöne und tragen dazu bei, dass Rezipienten vergleichen und einen neuen, vielleicht differenzierteren Blick auf die Bilderflut werfen können. Es sind nicht nur Menschen wie Lieutenant Smash, die solche digitalen Notizbücher kostenlos ins Netz stellen können. CNN- ( www.kevinsites.net ) und BBC-Journalisten, die ihre Storys so nicht unterbringen können, bloggen ebenso über ihre Erfahrungen vom Kriegsgebiet, wie eine Abordnung des "Iraq Peace Team" ( www.electroniciraq.net ), eine Gruppe von amerikanischen Medizinern, Künstlern und Sozialwissenschaftern, die seit Wochen aus Bagdads Wohnzimmern und Spitälern berichten, lachende Iraker fotografieren und deren Fotos anschließend ins Netz stellen, auf dass sie weltweit herunter geladen und als stiller Protest gegen die Tötung von hunderttausenden Zivilisten plakatiert werden ( www.nationalphilistine.com ). Selbst der russische Geheimdienst soll sich aufs bloggen verlegt haben. So verspricht eine Gruppe von Journalisten und Militärexperten, unter www.iraqwar.ru laufend über den Frontverlauf zu berichten. Die brisante Quelle der Seite: Funksprüche der US- Armee, die vom russischen Geheimdienst abgefangen und bewertet wurden. Ob das stimmt, weiß keiner. Die Moscow Times berichtete jedenfalls von hunderttausenden Russen, die die US- kritische Seite stürmen. Der heimliche Held unter den Bloggern ist allerdings ein gewisser Salam Pax. Er postet seine Kassiber aus Saddams Folterkeller schon seit knapp zwei Jahren in die Welt, ohne erwischt worden zu sein ( www.dearraed.blogspot.com ). Seit Tagen bangt die Netzgemeinde um das Leben des 29 jährigen, der sich als Architekt ausgibt. "Verdammt, geht es ihm gut?", fragte unlängst sogar die Financial Times Deutschland. Denn seit vergangenen Montag hat der Mann, der gegen Hussein, gegen Krieg und für David Bowie eintritt, keine Zeile mehr geschrieben. Salam Pax ist angeblich der einzige Iraker, der sein interaktives Tagebuch unter enormen technischen Komplikationen direkt aus Bagdad postet. Hunderttausende stürmen täglich seine Webpage, die von Google unterstützt wird, weil sie sonst zusammenbrechen würde. Salams Briefe aus der bombadierten Stadt klingen so authentisch und sind mitunter so voll von schwarzem Humor, dass sie der britische Guardian gleich über mehrere Seiten abdruckte. Da erzählt der Bursche (der sich wohl nicht zufällig nach dem irakischen Waffenstützpunkt Salam Pak nennt und dennoch zweimal Frieden im Namen trägt) über die Momente, "in denen wir die Stunden zu zählen beginnen, in denen die Fernsehstationen berichten werden, dass die B52 Bomber gestartet sind", weil "dann dauert es noch sechs Stunden bis sie hier sind". Er beschreibt seine Blicke aus dem Fenster, auf die mit Öl gefüllten Gräben, die Saddam "eine Stunde zuvor angezündet hat", er spricht über seine Tränen, als eines seiner liebsten Gebäude der Stadt unter einer Bombe zusammenstürzte. Und er räsoniert über seine eigene Zukunft: "Wenn es so schwer ist, Um Quasr einzunehmen, was wird erst passieren, wenn sie nach Bagdad kommen? Es wird grausamer werden und das besorgt mich. Die Leute (und ich wette: auch die Alliierten) dachten, dass alles viel einfacher wird. Die Leute sitzen hier alle und wartenwartenwarten, dass ihnen nicht die Bomben auf den Kopf fallen. Irakisches Fernsehen sagt nichts und zeigt nichts" Natürlich, auch Salam Pax, könnte ein Hoax, eine virtueller Schmäh, sein. Angesehene Journalisten, unter ihnen der Computerexperte Paul Boutin, der für New York Times und wired.com recherchiert, versuchten Salam anhand seiner elektronischen Datenspur zu überführen und zu beweisen, dass Salman gar nicht im Irak sitzt. Boutin scheiterte: " I think he is really in Baghdad".Salam, der zur Zeit nicht nur mit E-Mails bombardiert wird, sagt dazu nur so viel: "Bitte fragt mich nicht, ob ich echt bin. Niemand zwingt euch meine Aufzeichnungen zu lesen!" Ein bisschen später fügt er hinzu. "Noch zwei Stunden, bis die B52 im Irak sind".