Wenn etwas geschehen muss, man aber eigentlich nichts machen kann - dann wächst das Bedürfnis zu handeln. Aber da man, wie gesagt, nichts machen kann, weicht man aus in symbolische Handlungen oder, was ja immer möglich ist: in symbolische Unterlassungen. Man kauft zum Beispiel nicht mehr beim Amerikaner. Und wenn man sozusagen total-pazifistisch ist (und zudem absolut unparteiisch), geht man auch nicht mehr beim Iraker essen. So hat man es beiden gezeigt - Saddam Hussein und George W. Bush.Soweit wollte der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky nun wieder nicht gehen, dessen Erzbistum ja nun, dank Fehlwirtschaft, auch nicht mehr so finanzkräftig ist, dass es noch einen weltwirtschaftlich spürbaren Nachfrageausfall zusätzlich und bewusst herbeiführen könnte. Aber immerhin - soviel konnte er doch tun, rein symbolisch: Er äußerte Verständnis für all jene, die aus Protest gegen den Irak-Krieg amerikanische Waren boykottieren. Aber wenn ich es recht verstehe: Zum Iraker gehen dürfen Berliner Katholiken noch immer.Im Ernst: Man fragt sich, was den Kardinal bei dieser Äußerung geleitet hat. Man muss ja nicht gleich so weit gehen und das ungemein zugespitzte christliche Liebesgebot zitieren: Liebet Eure Feinde… - und das dann ins Handelsrecht übersetzen. Aber man könnte doch immerhin so viel daraus trivialisiert ableiten: Wenn Du schon jemanden bestrafst, dann doch nur den wirklich Schuldigen. Wer jedoch zum Warenboykott aufruft (oder ihn verständnisvoll billigt), redet einer Sanktion das Wort, die unterschiedslos Schuldige und Unschuldige trifft. (Einmal abgesehen davon, dass uns ein amerikanischer Boykott viel empfindlicher schaden könnte als umgekehrt.) Wenn es aber allenfalls um die Abstrafung Schuldiger geht, was könnten wir denn je bei George W. Bush und Donald Rumsfeld kaufen - nur damit wir es, des Boykotts halber, ihnen künftig nicht mehr abnehmen?Wenn der Frieden irgendwo anfängt, dann doch bei der subversiven Unterlaufung kollektiver Frontstellungen, die der Kardinal mit seinen unbedachten Sätzen gerade wieder nahe legt. Da geht es dann zu wie in jenem schönen jüdischen Witz aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Der österreichische Kompagniechef brüllt seine Truppe an: "So, jetzt geht es Mann gegen Mann!" Meldet sich Moische: "Könnten Sie mir bitte meinen zeigen, könnt' sein, dass ich mich mit ihm vergleiche."Das etwa wär's gewesen, was der Kardinal als Christenmensch hätte sagen können - und dies nicht nur symbolisch: "Ladet die Amerikaner, die in Berlin leben, ein - nachhause! Vielleicht könnt Ihr Euch mit Ihnen vergleichen. Oder doch wenigstens Eure Standpunkte." Persönliche Standpunkte gegen pauschale Standpauke - das wäre doch ein kleiner christlicher Beitrag zur politischen Kultur.Und schon deshalb wird nun keiner sagen: Geht nicht mehr zu jenem Kardinal in die Messe! Zumal, wenn man noch nie dort gewesen ist…