WashingtonMinderheitenförderung ist nicht umgekehrte Diskriminierung, also Rassismus. So lautet der Tenor eines Urteils des amerikanischen Verfassungsgerichts. Solange Weiße nicht durch starre Minderheitenquoten oder mechanische Bonussysteme benachteiligt werden, dürfen Hochschulen ihre „Affirmative Action“-Programme fortsetzen, mit denen sie gezielt Schwarze, Latinos und Indianer anwerben.Die Bedeutung dieses Urteils liegt in seiner Begründung. Sie könnte – und sollte – weit über den Geltungsbereich des amerikanischen Rechts hinaus zur Orientierung dienen. Denn die Richter haben die Prinzipien der Minderheitenförderung quasi entamerikanisiert. Nicht länger geht es darum, die Folgen der Sklaverei auszugleichen. Das Urteil beschreibt die Bedingungen einer modernen multi-ethnischen Gesellschaft: „Tatsächliche Partizipation von Mitgliedern aller rassischen und ethnischen Gruppen im zivilen Leben unserer Nation ist unerlässlich, falls der Traum von der einen, unteilbaren Nation wahr werden soll. (…) Um Führungspersonal heranzuziehen, das in den Augen aller Bürger Legitimität genießt, ist es notwendig, den Pfad zur Spitze für talentierte und qualifizierte Individuen aller Ethnien erkennbar offen zu halten“. Die Richter erkennen „Vielfalt“ als Bildungsziel aus eigenem Recht an. Wenn jedes Hochschulseminar aussieht wie die Gesellschaft, profitieren alle. Nur dann, heißt es im Urteil, seien Hochschule und Gesellschaft „stärker als die Summe ihrer Teile.“ Diese Prinzipien gehen weit hinaus über die in Deutschland akzeptierten Grundsätze der Nichtdiskriminierung. Sie beschreiben den Horizont des Wünschenswerten.Das Verfassungsgericht erweist sich, wieder einmal, als modernisierende Kraft der amerikanischen Gesellschaft. So geschehen 1954, als das Gericht die Rassentrennung in den Schulen aufhob. So geschehen 1978, als es die Quotierung beendete, aber Minderheitenförderung erlaubte. So heute, da es deren Maximen genauer beschreibt. Der amerikanische Egalitarismus kann nicht tolerieren, dass ganze Gruppen benachteiligt werden. Aber zugleich kann der amerikanische Individualismus nicht hinnehmen, dass sich durchsetzt, wer Vergünstigungen erhält und nicht, wer gut ist. Im Spannungsfeld dieser beiden Prinzipien hat das Gericht eine neue Balance gefunden.Denn im Urteil steckt durchaus eine Einschränkung der bisherigen Förderpraxis. Die Beklagte, die University of Michigan, darf Minderheiten im Bewerbungsprozess nicht länger pauschal Bonuspunkte zuweisen. Das erscheint den Richtern als Einführung der (verbotenen) Quote durch die Hintertür. In diesem Verdikt spiegelt sich die Sorge, 'Affirmative Action' könne bloß Gruppenpolitik sein und nicht einzelne, hoch qualifizierte Individuen fördern. Quoten und Bonussysteme für Gruppen stehen für die „alte“ Begründung der Minderheitenförderung - und damit für deren Schwäche. Zurecht haben die Kritiker der Minderheitenförderung eingewandt, dass Entschädigung für entgangene Lebenschancen als Folge der Sklaverei nicht über Generationen hinweg möglich ist. Kinder und Kindeskinder der Benachteiligten erhielten einen unverdienten Vorteil, während Kinder und Kindeskinder der Unterdrücker einen unverdienten Nachteil hinnehmen müssten. Deshalb hat das Gericht einer rückwärtsgewandten Begründung die Grundlage entzogen, hingegen die nach vorne weisende Logik der Vielfalt anerkannt. Vorausgesetzt, die Förderpolitik ist „nicht mechanistisch“, sondern „ganzheitlich“, „hoch individualisiert“ und „eng begrenzt“.Minderheitenförderung darf auch nicht bis in alle Ewigkeit fortgesetzt werden. Das Gericht sieht 25 Jahre als Halbwertzeit des eigenen Spruchs an. Dann soll neuerlich geprüft werden. Schon jetzt wird den Universitäten empfohlen, sich auf diesen Zeitpunkt vorzubereiten. Praktisch hat sich Amerika damit eine Generation gesetzt, um das Ideal der farbenblinden Gesellschaft zu verwirklichen.Bis dahin könnte die demographische Entwicklung eine gezielte Minderheitenförderung ohnehin unmöglich machen oder gar absurd erscheinen lassen. Eben berichtet das Zensusbüro, Latinos hätten Schwarze als größte Minderheit überholt. Und an der Westküste zeigt sich die gesellschaftliche Macht der rapide wachsenden, aber äußerst heterogenen Gruppe der asiatischen Einwanderer. An der kalifornischen Elitehochschule von Berkeley sind heute fast die Hälfte aller Studienanfänger asiatischer Abstammung.Die Zahl gemischter Ehen wächst rapide, zwischen allen Ethnien. Amerika wird dadurch beige und Zuordnungen nach Herkunft oder Hautfarbe eine Frage der persönlichen Präferenz. Irgendwann dürfte der Blick in die Gesichter offenbaren, dass das neue Amerika dem alten kaum noch ähnelt. Auch diese Entwicklung berücksichtigt der weise Richterspruch bereits.