Einführung von Bundespräsident Johannes Rau in die DiskussionsrundeDemokratische, offene, pluralistisch verfasste Gesellschaften haben im 20. Jahrhundert zwei große Herausforderungen durch totalitäre Ideologien erfolgreich bestanden.Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes ging das Ende der kommunistischen Ideologie einher, wie sie in den Ländern "des real existierenden Sozialismus" zum Ausdruck kam. Der Triumph der Demokratie und der offenen Gesellschaft schien vollkommen.Nun sehen sich die demokratischen Staaten und die offenen, freiheitlichen Gesellschaften einer neuen Herausforderung gegenüber. Der 11. September 2001 hat das deutlich gemacht. Die Täter und ihre Hintermänner wollen eine Gesellschaft zerstören, die gegründet ist auf der Herrschaft des Rechtes, auf Meinungsfreiheit und auf Toleranz. Sie glauben sich im Besitz einer ewigen Wahrheit. Wie begegnen wir diesen Herausforderungen?Indien und Deutschland verbinden gemeinsame Überzeugungen und Werte wie Menschenrechte, Demokratie, Meinungsfreiheit, Toleranz, Föderalismus. Wir sind deshalb Partner in der weltweiten Allianz gegen den Terror.Unbeschadet gemeinsamer Überzeugungen prägen uns auch andere Traditionen, unterschiedliche Kulturen. Mich würde daher interessieren, welche Gemeinsamkeiten, aber auch welche Unterschiede sich in den Antworten auf die brennenden vor uns liegenden Fragen zeigen.Ich glaube, dass wir diese Fragen nirgendwo besser als gerade an dieser Stätte diskutieren können, an der Mahatma Gandhi, den Sie "Bapu" (Vater) nennen, ein zutiefst gläubiger Mensch, der für Toleranz und Verständigung eingetreten ist, das Opfer eines fanatisierten Attentäters wurde.Bekämpfung des TerrorismusWie können wir den Terrorismus bekämpfen? Besteht die Gefahr, dass dabei Freiheitsrechte im Übermaße eingeschränkt werden? Besteht zu befürchten, dass der Terrorismus die Konsolidierungserfolge der Demokratie im vergangenen Jahrhundert "korrodiert" (so hat es Parlamentspräsident Joshi bei der Rede zum "Goldenen Jubiläum" des Indischen Parlaments formuliert)?Was sind die Wurzeln des Terrorismus, welches ist der Nährboden, auf dem Sympathisantentum gedeiht? Ansatzpunkt dafür, eine Welt ohne Hass, Feindschaft und gewaltsame Auseinandersetzungen zu schaffen, ist es doch, überall auf der Welt grundlegende menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Dazu gehören Identität und Anerkennung, das Streben nach Sicherheit und nach Entwicklung. Armut und Ausbeutung, Elend und Rechtlosigkeit können Menschen verzweifeln lassen - und die Missachtung religiöser Gefühle und kultureller Traditionen nimmt Menschen Hoffnung und Würde. Oft wird die Globalisierung für den Verlust von Werten und Kulturen verantwortlich gemacht, und damit indirekt für den Terrorismus.Hat nicht auch der dominierende Einfluss des Westens dazu geführt, dass sich viele andere Kulturen als "nicht westlich" oder gar "antiwestlich" definieren? Ich fürchte, dass die vielfach gegenwärtige Überflutung mit dem westlichen "Way of Life" bei vielen zu einem Gefühl der Ohnmacht und des Verlustes an Würde fü hrt. Wenn das so ist, dann besteht die Gefahr, dass viele ihren Stolz nur noch in religiösen oder gar fundamentalistischen Kategorien ausdrücken können. Auf diesem Nährboden gedeiht aber der Fundamentalismus, der seine eigene Dynamik der Gewalt entwickelt.Clash of CivilizationsEng mit dem ersten Themenkomplex zusammen hängt eine zweite Frage: Stehen wir, wie von manchen befürchtet, vor einem "Clash of Civilizations"?Unterschiedliche Konfessionen haben Deutschland und Europa für viele Jahrhunderte gespalten. Religiöse Kriege haben viele Opfer gefordert. Auch für Indien und Pakistan war der Weg in die Unabhängigkeit mit religiös motivierter Gewalt verbunden. Wiederholt sich die Geschichte, jetzt aber im Weltmaßstab?Dabei müssen wir uns vor Augen führen: Wir sind Zeugen einer politischen Auseinandersetzung im Nahen und Mittleren Osten, nicht einer zivilisatorischen. Doch besteht die Gefahr, dass unbedachter oder absichtlicher Sprachgebrauch den Weg dazu bereiten (die angebliche Tonbandaufzeichnung Bin Ladens vom 10. Februar spricht vom "Kampf gegen die Kreuzfahrer"). Wie können wir dem entgegenwirken? Wie können wir im Dialog dazu beitragen, Gemeinsamkeiten zu finden und die "offene Gesellschaft" als gemeinsames Prinzip zu verankern? Wie können wir die Menschen gegen die Versuchungen des Totalitarismus immunisieren, gegen den Fundamentalismus, der nicht zum Dialog bereit ist und der mit scheinbar einfachen Antworten auf äußerst komplexe Fragen lockt?Tradition und ModerneIst der 11. September eine Reaktion gegen die Moderne, gegen die Schattenseite der Moderne oder gegen die Globalisierung insgesamt? Ist es ein Naturgesetz, dass wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Fortschritt mit der Preisgabe kultureller Identität, mit dem Verlust historisch gewachsener Bindungen und religiöser Überzeugungen einhergehen muss? Ich glaube nicht. Die Bewahrung der Tradition in der modernen Welt - wie weit ist sie möglich und nötig? Wie sind Ihre Erfahrungen?Wie können wir Freiheit, Gerechtigkeit, aber auch soziale und kulturelle Identität des Menschen sichern?Oder im wirtschaftlichen Bereich: Kann sich der Nationalstaat gegen die globalen Kräfte weltweit operierender multinationaler Unternehmen behaupten?