1. Einleitung: Die These von den Rissen im WestenMit dem Ende des Ost-West-Konflikts stellte sich der Politikwissenschaft und der politischen Publizistik die Frage, welche weltpolitische Konstellation an seine Stelle treten und welche Kräfte, Tendenzen und Konflikte das Schicksal der Welt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bestimmen würden. Die wohl berühmteste - und zugleich berüchtigtste - Antwort, die auf diese Frage gegeben wurde, stammt von Samuel Huntington, der den "Zusammenprall der Kulturen" als das Signum der neuen Ära ausgemacht haben wollte. Daneben gab (und gibt) es jedoch auch - nicht weniger ambitionierte - Analysen, die zu sehr viel optimistischeren Schlußfolgerungen gelangen. An vorderster Stelle steht hier Francis Fukuyamas bereits 1989 verkündete These vom "Ende der Geschichte". Hinter dieser plakativen Formel verbarg sich die Diagnose, dass der Liberalismus - als die in der politischen Praxis bewährte Einheit von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten - im Wettstreit der politischen Ideen, in dem Fukuyama (mit Hegel) das zentrale Geschehen und die maßgebliche Triebkraft der Weltgeschichte erblickt, den endgültigen Sieg davon getragen hat.Diese Diagnose mag heute - da allem Anschein nach anti-westliche Strömungen in weiten Teilen der Welt erstarken und ein gewaltbereiter und offenbar zunehmend auch in großem Stil gewaltfähiger Islamismus viele Menschen beunruhigt - widerlegt erscheinen. Fukuyama zeigt sich indessen unbeirrt. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel weist er darauf hin, dass es keinem der anti-liberalen Fundamentalismen gelungen sei - und nur darauf zielte seine These ab -, sich als ernstzunehmende Alternative zum liberalen Modell zu etablieren, die den Menschen auch dann noch attraktiv und vorzugswürdig erscheint, nachdem sie - wie im Iran oder in Afghanistan - eine Chance zu ihrer Verwirklichung erhalten hat.Ob Fukuyama damit Recht hat, mag dahingestellt sein. Bemerkenswert - und überraschender vor dem Hintergrund der Diagnose, die er vor dreizehn Jahren formuliert hat - ist aber in jedem Fall eine andere These, die er in dem erwähnten und in einem späteren Artikel vertritt und die sein eigentliches Anliegen darstellt. Sie besagt, dass sich zunehmend die Frage stellt, ob es inzwischen nicht (wider Erwarten doch) eine neue ideologische Konfliktlinie von weltpolitischer Bedeutung gibt, welche nun allerdings nicht (wie bei Huntington) zwischen dem Westen und dem Rest der Welt, sondern innerhalb des Westens - nämlich zwischen den Vereinigten Staaten auf der einen Seite und ihren westlichen, insbesondere europäischen Partnern auf der anderen - verläuft. "Ist 'der Westen'" - so fragt Fukuyama sich und seine Leser - "überhaupt noch ein kohärentes Konzept?" und suggeriert im folgenden eine negative Antwort.In der Tat haben sich in den letzten Jahren und insbesondere seit dem Beginn der Präsidentschaft von George W. Bush die Reibungspunkte und Meinungsverschiedenheiten im transatlantischen Verhältnis in einer Weise vermehrt und intensiviert, die es angemessen erscheinen lässt, von einer deutlichen Beeinträchtigung, wenn nicht gar Krise der innerwestlichen Beziehungen zu sprechen. Zweifellos waren diese Beziehungen niemals gänzlich frei von Mittel- und auch Interessenkonflikten. Diese scheinen aber heute gewichtiger und tiefgreifender zu sein als in früheren Jahren, und es gesellen sich zu ihnen vereinzelt auch Positionsdifferenzen, die den Charakter von Wertekonflikten haben und damit der feststehenden Rede von der "transatlantischen Wertegemeinschaft" etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen beginnen. Eine - zumindest zeitweilig - besonders einschneidende Verschlechterung erleben wir im deutsch-amerikanischen Verhältnis, nachdem Bundeskanzler Schröder im Bundestagswahlkampf des Jahres 2002 zu den Plänen der Vereinigten Staaten, einen "Regimewechsel" im Irak gewaltsam herbeizuführen, ungewöhnlich deutliche und kritische Worte gefunden hatte, auch wenn sich inzwischen so etwas wie Entspannung abzuzeichnen scheint und man zumindest wieder miteinander redet. Ich bin davon überzeugt, dass uns diese Entwicklung nicht gleichgültig lassen kann, sowohl was die innerwestlichen Beziehungen insgesamt, als auch was die deutsch-amerikanischen Beziehungen im besonderen betrifft. Von einem transatlantischen Verhältnis, das (gemessen am Normalfall internationaler Beziehungen) von einem hohen Maß an gegenseitiger Wertschätzung und wechselseitigem Vertrauen geprägt ist, profitieren beide Seiten, und dies umso mehr in einer Zeit, in der mit dem transnationalen Terrorismus und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen neue und schwerwiegende Risiken für die internationale Sicherheit entstanden sind. Dementsprechend haben alle Beteiligten (mag ihnen das bewußt sein oder nicht) etwas zu verlieren, wenn die Entscheidungsträger und Völker es zulassen, dass dieses Verhältnis dauerhaft Schaden nimmt.Diese Sensibilität gegenüber der ‚Großwetterlage' in den transatlantischen Beziehungen lässt sich anhand des Beispiels von Baden-Württemberg eindrucksvoll illustrieren, z. B. im Hinblick auf die Kapitalverflechtung der hiesigen Wirtschaft mit der US-Ökonomie. Von den BruttoNeuinvestionen im Wert von insgesamt rund 8 Mrd. Euro, welche die baden-württembergische Wirtschaft im Jahre 2001 im Ausland tätigte, flossen knapp ein Viertel (24,3 %; 1,9 Mrd. Euro) in die USA, bei weitem mehr als in jedes andere Land. Was den umgekehrten Kapitalfluss betrifft, sprechen die Zahlen sogar eine noch deutlichere Sprache: von den 13,8 Mrd. Euro, welche 2001 aus dem Ausland in Baden-Württemberg neu angelegt wurden, stammen mehr als die Hälfte (ca. 7,1 Mrd Euro) von US-Investoren. Ein nachhaltiger Rückgang dieses Anteils aufgrund einer anhaltenden Verschlechterung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses würde für die hiesige Wirtschaft kaum kompensierbare Einbußen mit allen bekannten negativen Folgen bedeuten.Nachdem ich (1.) die These von schwer wiegenden Beeinträchtigungen des transatlantischen Verhältnisses aufgestellt habe, möchte ich im folgenden (2.) der Frage etwas genauer nachgehen, welche Anzeichen es dafür gibt, dass es in der Tat zu "Rissen im Westen" gekommen ist. Sodann (3.) werde ich fragen, welche Erklärungen sich für diese Entwicklung anbieten. Schließlich (4.) will ich - gestützt auf diese Erklärungsversuche - einige Überlegungen dazu anstellen, wie diese "Risse" möglicherweise gekittet werden können.2. Die Anzeichen: Welche Belege gibt es für die Existenz von "Rissen im Westen"?2.1. Der wachsende Dissens in der Umwelt-, Sicherheits- und MenschenrechtspolitikWie bereits erwähnt, haben sich die Regierungen diesseits und jenseits des Atlantik in den zurückliegenden Jahren und insbesondere, seit der Republikaner Bush den Demokraten Clinton im Amt des US-Präsidenten abgelöst hat, immer wieder und, wie es scheint, immer häufiger außerstande gesehen, in wichtigen Fragen der internationalen Politik zu einvernehmlichen Standpunkten oder wenigstens zu für beide Seiten akzeptablen Kompromissen zu finden. Diese Streitpunkte betreffen nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen, wo sie auch früher schon gang und gäbe waren und überdies im Rahmen eines etablierten Regelwerks - der WTO - ausgetragen werden, welches ihnen viel von ihrer Sprengkraft nimmt. Es gibt sie überdies im Bereich der internationalen Umweltpolitik, in der Sicherheitspolitik und selbst in Menschenrechtsfragen.Viele dieser Konflikte gehorchen dem Schema, dass die Vereinigten Staaten zum Verdruss vieler Europäer nicht etwa lediglich auf andere gemeinsame Problemlösungsansätze drängen, als sie diesen vorschweben, sondern der Gemeinsamkeit selbst den Rücken zukehren, wo sie dies für zweckmäßig halten. Man denke an den Rückzug der USA aus dem Kyoto-Prozess, den die Europäer für ein unverzichtbares Instrument zur Milderung der Folgen des Klimawandels ansehen, oder an ihre Weigerung, es der großen Mehrzahl der Staaten (einschließlich aller Mitglieder der Europäischen Union) nachzutun und die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (Artenvielfalt) zu ratifizieren.Auch im Bereich der internationalen Sicherheitspolitik und v.a. der Rü stungskontrolle haben die Vereinigten Staaten wiederholt dem Unilateralismus vor internationaler Kooperation den Vorzug gegeben und dabei selbst solchen internationalen Abkommen ihre Unterstützung entzogen, für die sie bisher eingetreten waren und auf deren Ausgestaltung sie maßgeblichen Einfluß genommen hatten: So haben sie - ungeachtet der Vorbehalte vieler europäischer Verbündeter - den ABM-Vertrag mit Russland (als der Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion) gekü ndigt, um ein Raketenabwehrsystem entwickeln und errichten zu können, von dem Beobachter befürchten, daß es die nukleare Abschreckung destabilisieren könnte. Desgleichen haben sie die Ergänzung der Biowaffen-Konvention um ein Überwachungs- und Verifikationssystem blockiert, wirksame internationale Maßnahmen zur Eindämmung des Handels mit Kleinwaffen behindert, dem Abkommen zum Verbot von Landminen nicht zugestimmt und den (Atomwaffen-)Teststopp-Vertrag, ü ber den vierzig Jahre verhandelt worden war, zwar unterzeichnet, schließlich aber doch nicht ratifiziert - und damit aus der Sicht der meisten europäischen Regierungen Fortschritte in zentralen sicherheitspolitischen Problemfeldern verhindert oder erschwert.Schließlich trafen die Vereinigten Staaten auch auf dem Gebiet der Menschenrechte Entscheidungen, durch die sie die Europäer vor den Kopf gestoßen haben. Prominentestes Beispiel ist das - von den europäischen Regierungen nachdr ücklich geförderte - Projekt eines Internationalen Strafgerichtshofs, das die USA nicht nur nicht mehr länger unterstützen (nachdem sie das Statut von Rom bereits unterzeichnet hatten), sondern sogar aktiv hintertreiben, indem sie kooperationswillige Staaten unter Druck setzen.2.2. Der Dissens über den Umgang mit "Schurkenstaaten"Nirgendwo aber ist der transatlantische Dissens in diesen Tagen spektakulärer und brisanter als bei der Frage nach dem angemessenen Umgang mit den Bedrohungen durch den transnationalen islamistischen Terrorismus und den "Schurkenstaaten", bei denen es mehr oder minder deutliche Indizien dafür gibt, daß sie sich in den Besitz von ABC-Waffen und geeigneten Trägersystemen zu bringen versuchen. Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001, die nicht nur in den westlichen Ländern tiefes Entsetzen und aufrichtiges Mitgefühl auslösten, genossen die USA ein hohes Maß an Sympathie und konnten sie sich - wir erinnern uns an das Wort des Bundeskanzlers von der "uneingeschränkten Solidarität" - der tatkräftigen Unterstützung ihrer alten und einiger neuer Partner in ihren Bemü hungen, eine Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern, sicher wissen. Der "Krieg gegen den Terrorismus", der zunächst in Afghanistan, dem logistischen Zentrum von Al-Qaida, geführt wurde, fand die Billigung der Vereinten Nationen und wurde von der NATO mitgetragen - auch wenn der weitreichende und unbestimmte Charakter der amerikanischen Ziele in diesem Krieg frühzeitig Besorgnisse auslöste.Das Blatt wendete sich jedoch, als nach dem militärischen Sieg über das Taliban-Regime und der damit verbundenen (mutmaßlichen) Schwächung des Al-Qaida-Netzwerks ein anderes Ziel von den Vereinigten Staaten ins Visier genommen wurde: der Irak. Aus den verheerenden Anschlägen vom September 1991, die das Land buchstäblich aus heiterem Himmel trafen, hat die Regierung von Präsident George W. Bush den Schluss gezogen, dass es zur Wahrung der eigenen Sicherheit (aber auch der Sicherheit von verbündeten und befreundeten Staaten) erforderlich sein kann, Aggressionen seitens staatlicher oder nicht-staatlicher Akteure durch "präemptives" militärisches Handeln zu vereiteln - und erklärt dies sogar offen zu einem Teil ihrer außenpolitischen Doktrin, z. B. in ihrer jü ngst veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie, in der diese Doktrin mit "a distinctly American internationalism" umschrieben wird. Mehr noch: die Entscheidung darüber, ob diese Notwendigkeit im Einzelfall besteht, will sie nicht den Vereinten Nationen oder selbst der NATO überlassen. Vielmehr beansprucht die Bush-Administration für die USA das Recht, nötigenfalls allein und ohne den Segen der internationalen Gemeinschaft oder der Verbündeten tätig zu werden.Im Irak des Saddam Hussein sehen die Vereinigten Staaten eine potenzielle Gefahr für die Sicherheit Amerikas, seiner Verbündeten und der Staaten der Region, die zu einer manifesten und dann vielleicht nicht mehr beherrschbaren Bedrohung werden wird, wenn ihr nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird. Sie sind davon ü berzeugt, dass die Führung des Irak, die ihre Skrupellosigkeit mehr als einmal unter Beweis gestellt hat, unverändert die Absicht verfolgt, Massenvernichtungswaffen und - beispielsweise mit nordkoreanischer Hilfe - dafür ausgelegte weitreichende Trägersysteme zu erwerben, und dass das Inspektions- und Sanktionsregime der Vereinten Nationen bisher bestenfalls geeignet war, diesen Prozess zu verlangsamen. Letzten Endes - so die Auffassung der Bush, Jr. - Administration - kann diese Bedrohung nur durch einen "Regimewechsel" im Irak beseitigt werden, der nach Lage der Dinge nicht ohne eine massive militärische Intervention von außen zustandekommen wird. Zusätzlich legitimiert wird diese Vorgehensweise mit der Vision einer Art von positivem ‚Domino-Effekt', wonach ein (wie immer unvollkommen) demokratisierter Irak zum Kristallisationskern für eine allmähliche Demokratisierung aller autoritären Regime im Nahen Osten werden könne. Diese Demokratisierung werde es nicht nur den USA und anderen westlichen Staaten erleichtern, mit den Staaten der Region verlässlich und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Sie werde auch das Sicherheitsdilemma innerhalb der Region entschärfen und könne selbst für den israelisch-palästinensischen Konflikt gänzlich neue Perspektiven eröffnen. Schließlich werde nach amerikanischer Ansicht eine Demokratisierung der Staaten des Vorderen Orient zu einer Verminderung der gesellschaftlichen Frustration führen und damit dem gewaltbereiten islamistischen Extremismus den Nährboden entziehen.Aus der Sicht der europäischen Partner ist dieses Szenario vielleicht wü nschenswert, aber wenig wahrscheinlich. Sie nehmen die Warnungen der arabischen Führungen ernst, dass eine gewaltsame Intervention im Irak leicht einen Flächenbrand auslösen könnte, der auch Israel in Mitleidenschaft ziehen würde und sich - vermittels der muslimischen Minderheiten in Europa - auch auf die innere Sicherheit in ihren eigenen Ländern negativ auswirken könnte. Sie erwarten von einer militärischen Intervention im Irak weder dort noch sonstwo in der Region einen nachhaltigen Demokratisierungsschub. Eher als zu dem besagten positiven ‚Domino-Effekt' werde es zu einer Intensivierung anti-westlicher Ressentiments und zu einer weiteren Stärkung islamistischer Kräfte kommen, die dadurch vielleicht sogar ihrem erklärten Ziel, die korrupten traditionellen Regime zu stürzen und durch revolutionäre Theokratien zu ersetzen, einen entscheidenden Schritt näher gebracht würden. Die Europäer zweifeln überdies an der Bereitschaft der Vereinigten Staaten, die Ressourcen aufzubringen, die notwendig sein werden, um einen militärisch besiegten Post-Saddam-Irak in einen halbwegs funktionierenden demokratischen Staat zu verwandeln. Denn dies würde ihrer Auffassung nach bedeuten, daß sich die USA - wie seinerzeit in Deutschland und in Japan - über viele Jahre mit Truppen, Wirtschaftshilfe und kultureller Einflussnahme in dem Land würden engagieren müssen - ein Projekt, für das sie in den USA weder hinreichende gesellschaftliche Unterstützung noch den erforderlichen politischen Willen der Regierenden erkennen können. Gleichzeitig sehen sie sich selbst außerstande, diese Last anstelle der Amerikaner zu schultern. Europäer - wie beispielsweise mit Nachdruck die Bundesregierung - weisen auch darauf hin, daß der "Krieg gegen den Terrorismus" - ein sicherheitspolitisches Problem, das, wie sie betonen, mit der Bedrohung durch den Irak nichts zu tun hat - noch längst nicht gewonnen ist und dass es daher mindestens verfrüht sei, eine "zweite Front" zu eröffnen. Dadurch würden nicht nur andernorts nach wie vor dringend benötigte militärische und finanzielle Ressourcen gebunden, sondern auch und vor allem die politischen und diplomatischen Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Kampf gegen transnationale Terrornetzwerke - soll heißen: die auch islamische Länder einschließende internationale "Allianz gegen den Terror" - unterminiert. Schließlich fürchten die Europäer die weltwirtschaftlichen Folgen einer Irak-Invasion zu einem Zeitpunkt, da die Wachstumsaussichten ohnehin wenig verheißungsvoll sind.Sah es im Frühjahr und Sommer 2002 noch so aus, als schicke sich die Bush, Jr.-Administration an, das Irak-Problem unter Umgehung der internationalen Gemeinschaft in ihrem Sinne zu lösen, so regte sich bei den Europäern (und dem Rest der Welt) die Hoffnung, es werde doch nicht zu einer eigenmächtigen Entscheidung und zu einem Alleingang der USA kommen, als sich diese Anfang September zu einer multilateralen Vorgehensweise bereit fanden und sich darauf einließen, über den VN-Sicherheitsrat erneut Druck auf Saddam Hussein auszuüben und ihm die Chance zu geben, durch uneingeschränkte Kooperation mit den Inspektoren der Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergiebehörde die effektive Abrüstung seines Landes zu ermöglichen und dadurch einen Krieg zu vermeiden.Die Europäer boten hierzu ihrerseits keine kohärente Strategie an, sondern bezogen recht unterschiedliche Positionen auf dem Kontinuum der Handlungsmöglichkeiten, das sich zwischen den Polen einer militärischen Intervention einerseits und einer Fortsetzung der bisherigen Containment-Politik andererseits erstreckt. Während Deutschland, das derzeit nicht im Sicherheitsrat vertreten ist, mit Beginn des Jahres 2003 aber zu seinen (nicht-ständigen) Mitgliedern gehören und sogar alsbald den Vorsitz führen wird, an seiner kategorischen Ablehnung eines militärischen Vorgehens gegen den Irak festhielt und auch für den Fall einer durch die VN autorisierten Intervention eine Beteiligung weiterhin ausschloss, und Großbritannien sich (wieder einmal) bedingungslos an die Seite der USA stellte, versuchten die mit Vetomacht ausgestatteten ständigen Mitglieder Russland und vor allem Frankreich nicht ganz erfolglos, den USA Zugeständnisse abzuringen. Hauptstreitpunkt war, ob in dem Fall, dass der Irak die in der angestrebten Resolution niedergelegten Bedingungen seiner Abrüstung nicht erfüllen würde, eine zweite Resolution erforderlich sein sollte, um gegebenenfalls militärische Zwangsmaßnahmen zu legitimieren - ein Prozedere, bei dem der Sicherheitsrat das Heft des Handelns in der Hand behalten und das es den Kriegsskeptikern im Sicherheitsrat (zumindest de iure) ermöglicht hätte, Zeit zu gewinnen. Diese zusätzliche Zeit hätte vielleicht sogar ausgereicht, um eine Intervention durch die USA bis auf weiteres zu verhindern, da diese aus klimatischen Gründen nur unter sehr erschwerten Bedingungen außerhalb der Wintermonate stattfinden kann.Inzwischen (am 8. November 2002) hat der Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 1441 verabschiedet, die dem Irak ein umfassendes und an einen engen Zeitplan geknüpftes Abrüstungs- und Verifikationsregime auferlegt. Die Resolution droht nicht ausdrücklich mit Gewalt für den Fall, dass der Irak diese Auflagen nicht erfüllt, versäumt es jedoch nicht, die "ernsten Konsequenzen" in Erinnerung zu rufen, vor denen der Rat den Irak wiederholt gewarnt hat, sollte dieser seine Verpflichtungen weiterhin verletzen. Entscheidend aus US-amerikanischer und britischer Sicht ist jedoch, dass umgekehrt auch nicht festgeschrieben ist, dass weitergehende Schritte im Fall von Verstößen des Irak gegen die Resolution vom Sicherheitsrat beschlossen werden müssen. Aus dem von Russland und Frankreich verlangten Erfordernis einer zweiten Resolution ist eine bloße Konsultationsverpflichtung geworden, die die Vereinigten Staaten in jedem Fall erfüllen können, ohne dadurch an der Einleitung militärischer Maßnahmen - deren Vorbereitung unterdessen unverändert fortgesetzt wird - gehindert zu sein. Aus europäischer Sicht mag es zwar als ein ermutigender Erfolg gewertet werden, dass die USA sich am Ende dazu entschlossen haben, die Vereinten Nationen in dieser Frage nicht einfach zu ignorieren. Aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ihnen nicht gelungen ist, den USA, wie es Präsident Bush ausdrückt, "Handschellen" anzulegen, aus dem einfachen Grund, weil diese stets glaubwürdig damit drohen konnten, das von ihnen für notwendig Erachtete auch ohne Rückendeckung durch die internationale Gemeinschaft zu tun.2.3. Fremd- und Selbstwahrnehmungen im transatlantischen VerhältnisDiese Differenzen in der Behandlung der Irak-Frage nähren und reflektieren zugleich eine spannungsreiche Konstellation von Fremd- und Selbstwahrnehmungen im transatlantischen Verhältnis: Die Europäer sehen die Vereinigten Staaten als eine hegemoniale Macht, die immer weniger davon überzeugt ist, auf internationale Kooperation angewiesen zu sein, und die glaubt, Solidarität ‚konsumieren' zu können, ohne im selben Umfang in sie ‚investieren' zu müssen. Sie registrieren bei der einzig verbliebenen Supermacht eine wachsende Neigung zum Unilateralismus oder, bestenfalls, zu einem "Multilateralismus à la carte", einer Außenpolitik also, die durch internationale Institutionen vermittelte internationale Zusammenarbeit nur dann und nur insoweit praktiziert, als sie den eng verstandenen eigenen nationalen Interessen dient, und die Frustration, die sie damit bei ihren Partnern auslöst, unbekümmert in Kauf nimmt. Dieser Hegemon verfügt über eine präzendenzlose militärische und technologische Überlegenheit und behält sich die Entscheidung vor, wann und wo er sie einsetzt. Widerstrebend nehmen die Europäer zur Kenntnis, dass damit völkerrechtliche Grundnormen wie das allgemeine Gewaltverbot und das Gewaltlegitimationsmonopol aufgrund von Kap. VII SVN faktisch zur Disposition gestellt werden - so wenn, wie bereits erwähnt, das Recht auf eine "präemptive Verteidigung" zu einem integralen Bestandteil der außen- und sicherheitspolitischen Doktrin des Landes erhoben wird. Mehr noch als vor der kühl kalkulierenden Realpolitik der USA fürchten sie sich aber vor einem moralisch aufgeladenen und manichäistisch geprägten, Selbstbeschränkungen nahezu jeglicher Art zurück weisenden Neo-Idealismus, wie er in Formulierungen wie der von der "Achse des Bösen" zum Ausdruck kommt, von der Präsident Bush in seiner Rede zur Lage der Nation gesprochen hat. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Europäer selbst als Wahrer der Prinzipien des Völkerrechts und einer internationalen Ordnung wahr, die mit der Vision einer auf Gewaltverzicht, gemeinsamen Regeln, Kompromissorientierung und Dialog basierenden internationalen Politik kompatibel ist und die sie durch eine maßvolle, auf Ausgleich und Kooperation setzende, kurz: zivilisierende Außenpolitik zu fördern suchen.Demgegenüber neigen die USA dazu, in der Europäischen Union eine Staatengemeinschaft zu sehen, die sich weigert, das Maß an Verantwortung für die internationale Sicherheit zu übernehmen, das ihrem ökonomischen Gewicht oder wenigstens ihrem Selbstbild als bedeutendem Akteur der internationalen Politik und ihren damit verbundenen weltordnungspolitischen Ambitionen entspräche. Robert Kagan, ehemaliger Mitarbeiter im US-Außenministerium, spricht in diesem Zusammenhang von einem Machtgefälle ("power gap") zwischen den USA und Europa, welches unter anderem darin zutage tritt, daß sich die Europäer mehr und mehr von der Macht(-politik) verabschiedeten zugunsten einer in sich geschlossenen Welt von Gesetzen, Regeln und Verhandlungen. Manche der US-Meinungsführer sehen sogar die ‚alte Welt', deren Regierungen es nicht gelingt, ihre Ökonomien und Sozialsysteme zu reformieren, und deren Gesellschaften einer allmählichen Vergreisung entgegengehen, in einem bereits jetzt unaufhaltsam gewordenen Niedergang begriffen. In der Wahrnehmung der US-Amerikaner weigern sich ihre europäischen Partner, den Bedrohungen, die von weltweit vernetzten und über beträchtliche Finanzmittel verfügenden Terrororganisationen und nach Massenvernichtungsmitteln strebenden Diktatoren ausgehen, wirklich ins Auge zu sehen, weil sie sich vor den Konsequenzen fü rchten, die sie daraus zu ziehen hätten und die sie ihren Bevölkerungen nicht vermitteln könnten. Gleichzeitig versuchten sie, die Vereinigten Staaten zu bremsen, wenn diese die notwendigen Maßnahmen einleiten, weil sie - zu Recht - f ürchten, dass sie dadurch noch mehr an Einfluss auf das weltpolitische Geschehen verlieren oder sich in ihrer relativen Bedeutungslosigkeit exponieren würden. Daraus resultiere eine Politik, die zugleich ängstlich und sorglos erscheint. Aufgebracht sind die Amerikaner, weil sie darin auch ein zynisches Kalkül seitens der Europäer zu erspüren meinen, wonach es ohnehin nicht die Europäer, sondern eigentlich nur oder in erster Linie die USA seien, die sich vor ‚kataklysmischen' Terrorangriffen nach Art des 11. September 2001 zu fürchten hätten. Sich selbst sehen die Vereinigten Staaten demzufolge als eine Nation, die den ihr durch ihre einzigartige Machtstellung zugefallenen Aufgaben gerecht wird und die Verantwortung für die internationale Sicherheit, aber auch für die globale Ausbreitung und Verwirklichung von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten übernimmt. Sie verstehen sich mithin als "wohlwollender Hegemon", der Kollektivgüter wie ein Mindestmaß an internationaler Sicherheit und politischer und wirtschaftlicher Freiheit für die Welt bereit stellt. Dass sie dabei auch ihre eigenen sicherheitspolitischen und ökonomischen Interessen im Auge behalten, steht dazu nicht im Widerspruch: schließlich könnte ein geschwächter Hegemon die Ordungsfunktionen nicht mehr erfüllen, für die es in einer anarchischen Welt keinen Ersatz gibt.3. Erklärungsansätze: Warum ist es zu diesen Rissen gekommen?3.1. Vorstellung der DenkschulenBei der Suche nach Erklärungen für diese Differenzen und Spannungen im transatlantischen Verhältnis lohnt ein Blick auf die Theorien, die Politikwissenschaftler verwenden, um Ereignisse und Prozesse der internationalen Politik zu erklären. In der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen gibt es keinen Konsens darüber, welche Begriffe, Annahmen und Modelle am besten dazu geeignet sind, Licht auf das Verhalten von Staaten und anderen Akteuren der internationalen Politik zu werfen. Vielmehr konkurrieren mehrere Theorien oder "Paradigmata" miteinander. Ich greife drei von diesen heraus, weil sie zum einen zu denen gehören, denen in den Internationalen Beziehungen am meisten Beachtung geschenkt wird, und zum anderen weil sie mit ihren Grundgedanken in vielen (zumindest nicht im engeren Sinne wissenschaftlichen) Analysen des transatlantischen Missbehagens bereits enthalten sind.(1) Die erste dieser Theorien ist der Realismus, der von der Annahme ausgeht, dass sich die internationale Politik letztlich immer um Sicherheit oder die Maximierung von Überlebenschancen dreht. Dies wird darauf zurückgeführt, dass die internationalen Beziehungen - anders als die Innenpolitik, wo es Rechte und Regeln gibt, die nötigenfalls von Gerichten verbindlich ausgelegt und mit Hilfe der Exekutive durchgesetzt werden - unter der Bedingung der Anarchie und des Sicherheitsdilemmas stehen, welche die Staaten als die Hauptakteure der Weltpolitik in letzter Instanz auf Selbsthilfe verweisen. Zur Selbsthilfe fähig ist im Ernstfall derjenige, der über ausreichend Macht, d.h. über genügend militärische, politisch-diplomatische, ökonomische und ideologische Ressourcen verfügt, um anderen Akteuren seinen Willen aufzwingen oder sich selbst dem Zwang anderer Akteure erfolgreich widersetzen zu können. Das Selbsthilfe-Prinzip schließt zwar nicht aus, dass Staaten miteinander im wechselseitigen Interesse kooperieren, wohl aber besagt es, dass sie darüber sowohl die Entwicklung ihrer relativen Machtposition als auch die Gefahr des Hintergangenwerdens nicht aus dem Auge verlieren dürfen, denn der Partner von heute kann der potenzielle Gegner von morgen (oder wenigstens übermorgen) sein.(2) Aus der Perspektive der zweiten Theorie, die ich ins Spiel bringen möchte, der Perspektive des Sozialkonstruktivismus, ist dieses Bild der internationalen Politik bei weitem zu einfach und auch zu pessimistisch. "Anarchie" - so lautet die Losung des Konstruktivismus - "ist, was die Staaten daraus machen", soll heißen: Machtpolitik, Sicherheitskonkurrenz, Misstrauen, der latente "Krieg aller gegen alle" und all die übrigen Bestandteile so genannter Realpolitik sind zwar historisch möglich, aber kein unvermeidliches Produkt der anarchischen Vorzeichen, unter denen Weltpolitik stattfindet. Materielle Bedingungen wie z.B. die Verteilung von militärischen oder wirtschaftlichen Kapazitäten sind nicht (allein) ausschlaggebend für den Charakter, den die internationalen Beziehungen zu einem gegebenen Zeitpunkt annehmen. Anarchie - also das Fehlen einer Weltregierung, die Streit ohne Rückgriff der Beteiligten auf gewaltsame Selbsthilfe verlässlich und wirksam beizulegen vermag - ist mit unterschiedlichen "Kulturen", d.h. relativ stabilen Konstellationen von Selbst- und Fremdwahrnehmungen, verträglich. Deren (Möglichkeits-)Spektrum schließt selbstverständlich Feindschaft ein, erstreckt sich aber auch auf bloße (friedliche) Rivalität oder Konkurrenz und selbst Freundschaft zwischen Staaten. Für Konstruktivisten sind mithin ideelle und soziale Faktoren wie Werte, Normen, soziale Rollen oder kollektive Identitäten (Selbstverständnisse) entscheidend fü r das Verhalten von Staaten und anderen Akteuren der internationalen Politik.(3) Auch die dritte Theorie, auf die ich Bezug nehmen möchte, geht auf Distanz zu den ebenso einfachen wie unbequemen Wahrheiten, mit denen der Realismus seit jeher alle Hoffnungen auf eine zivilisierte internationale Politik zu dämpfen gesucht hat. Wie wir gesehen haben, geht der Realismus davon aus, dass die internationale Anarchie und die zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Machtkonfiguration (z.B. Hegemonie oder Bipolarität) für jeden einzelnen Staat die entscheidenden Daten setzen, an denen er seine Außenpolitik auszurichten hat, will er sein Überleben und Gedeihen in einer gefährlichen Welt sichern. Demgegenüber sieht der Liberalismus darin eine Überschätzung der externen Faktoren, die auf die Außenpolitik von Staaten einwirken. Wie ein Staat seine Politik anderen Staaten gegenüber gestaltet und welchen Charakter die Beziehungen zwischen Staaten annehmen, hängt nicht allein oder auch nur vorwiegend von seiner Machtposition (oder der zwischen den betreffenden Staaten bestehenden Machtverteilung) ab, sondern in erster Linie davon, wie in dem Staat (bzw. in den Staaten) der politische Prozess organisiert ist und wessen Interessen aufgrund der sozialen und politischen Institutionen und Praktiken in diesem Staat (bzw. in diesen Staaten) die größten Chancen haben, von den außenpolitischen Entscheidungsträgern berücksichtigt zu werden. Insbesondere vertritt der Liberalismus die Auffassung, dass Demokratien, deren Institutionen es den außenpolitischen Entscheidungsträgern schwer machen, die Kosten von riskanten Entscheidungen auf Dritte (sprich: die Bevölkerung) abzuwälzen, eine kooperativere und friedlichere Außenpolitik betreiben als autoritäre Staaten - eine Tendenz, die vor allem im Binnenverhältnis der Demokratien untereinander deutlich zu Buche schlage. Liberale Theoretiker zögern nicht (und wissen dabei eindrucksvolle empirische Belege auf ihrer Seite), den Befund, dass Demokratien einander nicht bekriegen, in die Nähe eines sozialwissenschaftlichen Gesetzes zu rücken.3.2. Erklärungsansätze auf der Grundlage der vorgestellten Denkschulen(1) Betrachtet man nun die transatlantischen Beziehungen, wie sie sich seit dem Ende des Ost-West-Konflikts entwickelt haben, im Lichte dieser drei Theorien, so wird man nicht umhin können, dem Realismus eine beträchtliche Erklärungskraft zu attestieren. Außenpolitik aus realistischer Sicht ist Machtpolitik und schlägt sich nieder in dem Streben nach Autonomie und Einfluss. Staaten wollen autonom sein, um nicht daran gehindert zu werden, ihre Machtmittel so einzusetzen, wie es ihnen zur Sicherung ihrer Existenz und ihres Wohlergehens notwendig erscheint; und sie wollen Einfluss auf andere Staaten besitzen, um es diesen möglichst schwer zu machen, ihre Machtmittel zu ihrem Schaden einzusetzen (oder das Quantum an Macht zu erwerben, durch das sie ihnen gefährlich werden könnten). Wenn Staaten zwischen Autonomie und Einfluss zu wählen haben, entscheiden sie sich meist für ersteres und zwar insbesondere dann, wenn ihnen ihre Sicherheitslage prekär erscheint. Alle Staaten neigen zur Machtpolitik, aber nur bei den bereits Mächtigen entfaltet sich diese Tendenz ungehemmt und zwar je mächtiger sie sind desto mehr. Wendet man diese abstrakten Überlegungen auf unseren Fall an, so sehen wir, dass in etwa das eingetreten ist, was wir aus realistischer Sicht hätten erwarten können. Die Vereinigten Staaten betreiben eine Außenpolitik, die, weil sie Autonomie und Einfluss zu maximieren sucht, als Machtpolitik beschrieben werden kann; im Konfliktfall entscheidet sie sich gegen den Einfluss, der auf institutionalisierter Kooperation gründet, zugunsten von Autonomie, also einer Politik, der keine "Handschellen" angelegt sind, eben so wie es der Realismus gerade in Zeiten einer intensivierten Bedrohung erwarten wü rde; schließlich beobachten wir dieses Verhalten verstärkt in den letzten Jahren, in einer Zeit also, in der sich die beispiellose Machtstellung der USA immer deutlicher herauskristallisiert hat.Wenn ich sage "in den letzten Jahren", so möchte ich hierdurch betonen, dass sowohl der US-Unilateralismus als auch die Existenz neuer Sicherheitsbedrohungen Erscheinungen sind, die nicht erst seit der Amtsübernahme von Präsident Bush, Jr. zu registrieren sind. Das gegenwärtige Verhalten der USA ist vielmehr nur als extreme, gleichsam ausreißerische Variante eines schon zu Zeiten des Kalten Krieges bestehenden US-Hegemonialismus zu bewerten, der sich - nach dem Wegfall der zweiten Supermacht - nun gleichwohl verstärkt hat. Und was die neue Qualität der die Grenzen zwischen Außen und Innen verwischenden Bedrohung betrifft, so sind die Ereignisse des 11. September 2001 nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von terroristischen Anschlägen, denen US-Einrichtungen über die gesamten 1990er Jahre hinweg ausgesetzt gewesen sind. Erinnert sei hier an das erste Attentat in der Tiefgarage des World Trade Center (Februar 1993; 6 Tote), an den Bombenanschlag auf ein Behördengebäude in Oklahoma City (April 1995; 168 Tote) sowie an die Attacken auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania (August 1998; 224 Tote) und auf die USS Cole im Hafen von Aden (Oktober 2000; 17 Tote). Neben dieser objektiven Sicherheitsbedrohung ist die subjektive Bedrohungssituation nicht zu unterschätzen, nämlich der tief sitzende Schock, der durch den Anschlag des 11. September 2001, den ersten Angriff auf eigenes Territorium seit Pearl Harbor, verursacht worden ist.Die Bedrohungsperzeption der Europäer fällt demgegenüber deutlich schwächer aus. Was den transnationalen Terrorismus betrifft, so werden die USA weiterhin als alleinige oder hauptsächliche Betroffene möglicher weiterer Anschläge angesehen. (Es sei mir an dieser Stelle die provokative Frage gestattet, wer z. B. in Frankfurt am Main zuletzt ernsthaft Befürchtungen vor Flugzeug-Attacken geäußert hat.) Aber auch was die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in den Händen von "Schurkenstaaten" anbelangt, gibt es Dissens, z. B. über die Existenz von Atomwaffen-Trägersystemen in diesen Staaten. Angesichts dieser Diskrepanz in der Wahrnehmung und einer fehlenden einheitlichen europäischen Strategie zur Bekämpfung dieser neuen Bedrohungen sehen sich die USA auf sich allein gestellt und nutzen das transatlantische Machtgefälle zur Durchsetzung ihrer eigenen Strategie.(2) Auch der Konstruktivismus leistet einen Beitrag zur Analyse, indem er den Beobachter für die ideelle und soziale Dimensionen der gegenwärtigen Spannungen sensibilisiert. Als ich zuvor auf die verschiedenen - und zum Teil einander entgegen gesetzten - Selbst- und Fremdwahrnehmungen dieseits und jenseits des Atlantik hinwies, habe ich bereits eine konstruktivistische Perspektive eingenommen. Auch der eingangs zitierte Fukuyama hebt die Bedeutung der weltanschaulichen Differenzen - die in unterschiedlichen historischen Erfahrungen gründen - hervor. Für ihn lassen sich die meisten der transatlantischen Misshelligkeiten auf tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten zwar nicht über den Wert, wohl aber über die Natur oder den Ort der demokratischen Legitimation von Politik zurückführen. Die soziokulturelle Nähe zwischen Großbritannien und den USA könnte in diesem Zusammenhang als Erklärung für die gegenwärtige Einhelligkeit zwischen London und Washington im Rahmen der von beiden Seiten betonten "special relationship" dienen.Fukuyama bringt die Unterschiede zwischen den USA und (Kontinental-)Europa auf den folgenden Nenner:"Amerikaner neigen dazu, keine Quelle demokratischer Legitimität oberhalb des konstitutionellen demokratischen Nationalstaats zu erkennen. Insoweit eine internationale Organisation Legitimität besitzt, hat sie diese, weil rechtmäßig konstituierte demokratische Mehrheiten sie ihr in einem ausgehandelten, kontraktuellen Prozeß übertragen haben. Eine solche Legitimität kann durch die Vertragsparteien zu jeder Zeit zurückgenommen werden. Das internationale Recht und internationale Organisationen haben keine Existenz unabhängig von dieser Art von freiwilliger Übereinkunft zwischen souveränen Nationalstaaten. Im Unterschied dazu neigen Europäer dazu zu glauben, dass demokratische Legitimität dem Willen einer internationalen Gemeinschaft entspringt, die viel größer ist als jeder individuelle Nationalstaat. Diese internationale Gemeinschaft ist derzeit nicht in einer einzigen, globalen demokratischen konstitutionellen Ordnung verkörpert. Gleichwohl weist sie den existierenden internationalen Institutionen, die sie gemäß dieser Auffassung teilweise verkörpern, Legitimität zu."Auch wenn man dieser Interpretation zustimmt, bleiben mindestens zwei Fragen offen: Erstens: Wenn dies die ideologischen Unterschiede sind, die das transatlantische Verhältnis belasten, so möchte man doch gerne wissen, woher sie wiederum rühren. Konstruktivisten würden - ich habe dies bereits angedeutet - versuchen, die jeweiligen außenpolitischen Identitäten der Partner auf unterschiedliche historische Erfahrungen zurückzuführen. Zweitens: Die besagten Unterschiede in den Legitimationsvorstellungen, die diesseits und jenseits des Atlantik vorherrschen, sind kaum erst in den letzten Jahren entstanden - wie sollen sie dann aber Konflikte oder eine Häufung von Konflikten erklären, die wir erst seit kurzem beobachten? Immerhin liegt eine Antwort auf diese Frage auf der Hand: Dass diese Unterschiede erst jetzt deutlich in Erscheinung treten und die transatlantischen Beziehungen beeinträchtigen, liegt daran, dass der Ost-West-Konflikt - der auch und in erster Linie eine Auseinandersetzung über fundamental divergierende politische Wertvorstellungen war - diese relativ dazu geringen Differenzen schlicht verdeckt hatte.(3) Nun zur dritten genannten Denkschule, dem Liberalismus: Auf den ersten Blick scheint diese Theorie nicht in der Lage zu sein, viel zur Erklärung der Krise in den transatlantischen Beziehungen beizutragen. Eher hilft sie uns zu verstehen, warum die Kooperation innerhalb dieses Segments der Staatenwelt (zumindest bisher) so ungewöhnlich vielfältig, tief und stabil gewesen ist: da das Sicherheitsdilemma - das Realisten irrtümlich für eine internationale Universalie ansehen - zwischen Demokratien nicht existiert, weil sie einander nicht existenziell bedrohen, ist es ihnen möglich, sich auf Formen der engen Zusammenarbeit einzulassen, selbst wenn sie dadurch an Entscheidungsautonomie einbüßen und sich in wechselseitige Abhängigkeiten begeben. Was der Liberalismus an der gegenwärtigen Situation immerhin erklären kann, ist, dass es nirgendwo erkennbar die Besorgnis gibt, die Meinungsverschiedenheiten könnten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen eskalieren. Die Mitglieder der NATO bilden das, was im Jargon des Liberalismus eine "pluralistische Sicherheitsgemeinschaft" genannt wird und dazu gehört die verlässliche Erwartung, dass Konflikte nicht unter Rückgriff auf militärische Gewalt oder auch nur die Drohung damit ausgetragen werden. Der Liberalismus kann allerdings noch einen weiteren Gedanken beisteuern, der einiges Licht auf die aktuell hervortretenden konflikthaften Züge in den transatlantischen Beziehungen wirft: Aus liberaler Sicht hat Außenpolitik immer auch eine innenpolitische Seite. Regierungen sind versucht (und erliegen dieser Versuchung von Zeit zu Zeit), mit der Art, wie sie auswärtige Konflikte bearbeiten und im Extremfall sogar schüren, innenpolitisch zu "punkten". Diese Versuchung wird umso größer sein, je ungefestigter ihre innenpolitische Machtposition erscheint, je verbreiteter und ausgeprägter Stimmungen (wie z.B. Patriotismus oder Anti-Amerikanismus) in der Bevölkerung sind, die sich durch eine bestimmte konfliktakzentuierende Außenpolitik bedienen lassen, und je geringer oder leichter begrenzbar der damit verbundene außenpolitische Schaden erscheint. Gerade die jüngsten Verstimmungen speziell im deutsch-amerikanischen Verhältnis - zwei Länder, deren derzeitige Regierungen jü ngst wichtige und hart umkämpfte Wahlen zu bestehen hatten - bieten reiches Anschauungsmaterial für diese Hypothesen.Durch den Blick auf innergesellschaftliche Stimmungen ließe sich also möglicherweise die aktuelle und in diesem Maße neuartige, weil entschiedene, Ablehnung einer sicherheitspolitischen Haltung der USA durch die deutsche Bundesregierung erklären. Immerhin wird durch den von Bundeskanzler Schröder verkündeten "deutschen Weg" ein Bruch mit einem 30jährigen Politikstil vollzogen, der durch die Selbstbindung an kollektive Legitimationsbeschlüsse gekennzeichnet war, also auch an Beschlüsse des VN-Sicherheitsrates. In der Tat lehnten in einer kurz nach der Bundestagswahl 2002 durchgeführten Umfrage rund 49 % der Befragten eine deutsche Beteiligung an einem Angriff auf den Irak kategorisch ab. Aber immerhin 46 % stimmten einem solchen Angriff im Rahmen eines VN-Mandats zu. Ob dieser knappe Vorsprung aber aussagekräftig genug ist, um den von Henry Kissinger als "Anti-Amerikanismus" der politischen Elite interpretierten deutschen Sonderweg durch innergesellschaftliche Faktoren zu erklären, bleibt mehr als fraglich. Hier könnte eine Erklärung auf dem Boden der realistischen Theorie mit dem Hinweis auf einen deutschen Machtzuwachs nach der Vereinigung möglicherweise besser greifen. Überraschenderweise stößt die Theorie des Liberalismus aber auch bei der Erklärung des US-Verhaltens in der aktuellen Irak-Frage an ihre Grenzen. Zumindest kann von einer überwältigenden Unterstützung einer Entsendung von US-Truppen in den Persischen Golf durch die amerikanische Bevölkerung nicht die Rede sein. Hier fiel die Zustimmungsrate im August 2002 unter 60 %; Ende Oktober waren sogar nur 55 % der Befragten für einen Militäreinsatz.4. Lösungsansätze: Wie die Risse kitten?In den vorangehenden Ausführungen zu den verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten f ür die Spannungen im transatlantischen Verhältnis habe ich mich bereits deutlich auf den Bereich der Sicherheitspolitik konzentriert. Ebenso möchte ich den Schwerpunkt im Folgenden, wenn es um die Frage nach geeigneten Problemlösungsstrategien geht, auf diesen Politikbereich legen.Dies hat seinen Grund. Zweifelsohne ist es so, dass die europäisch-amerikanischen Beziehungen auch auf anderen Gebieten wie der Finanz-, Außenwirtschafts- und Umweltpolitik keineswegs nur durch Harmonie gekennzeichnet sind. Gleichwohl sind diese Fälle Symptome eines Konkurrenzverhältnisses, das auch schon vor dem Ende des Kalten Krieges existierte. Freilich hat sich nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes beispielsweise in der internationalen Handelspolitik eine verstärkt kooperative Entwicklung dadurch ergeben, dass im Rahmen der WTO eine institutionelle Stärkung der verbindlichen Streitschlichtung erreicht wurde. Demgegenüber sind bei der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, welche das tragende Fundament der transatlantischen Partnerschaft während des Kalten Krieges gebildet hat, erst in den vergangenen Jahren deutliche Spannungen auf Regierungsebene zutage getreten. Adäquate Strategien zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit im allgemeinen oder zum Umgang mit den neuen Sicherheitsbedrohungen - wie transnationaler Terrorismus und Massenvernichtungswaffen im Besitz von "Schurkenstaaten" - im besonderen sind daher auch der Schlüssel zu einer für beide Seiten zufriedenstellenden, freilich von bisherigen Selbstverständlichkeiten Abschied nehmenden Neu-Definition der Aufgaben des westlichen Bündnisses. Solche möglichen Vorgehensweisen möchte ich im Folgenden skizzieren. Ich werde zunächst Strategien zur Bearbeitung der aktuellen Irak-Frage ansprechen, bevor ich mich mittel- und langfristigen Strategiekonzepten zuwenden werde, welche den neuen Sicherheitsbedrohungen auch auf ihren Grund zu gehen trachten und den Rahmen für einen konstruktiven Umgang der transatlantischen Partner miteinander neu abzustecken versuchen.4.1. Kurzfristige Strategien zur Bearbeitung der Irak-FrageDie Strategien zur Bearbeitung der Problematik, die sich aus der tatsächlichen oder vermeintlichen Entwicklung von Massenvernichtungswaffen im Irak ergibt, will ich nur kurz und auch nur aus europäischer Perspektive anschneiden, zumal mit der vom VN-Sicherheitsrat beschlossenen Resolution 1441 bereits ein Kompromiss gefunden worden ist, der auch die uneingeschränkte Unterstützung der Bundesregierung findet. Im Vorfeld dieser Resolution boten sich den Europäern im wesentlichen zwei Optionen: das Festhalten an der bisherigen Containment-Strategie oder aber das deutliche Verschärfen der Auflagen gegenüber dem Irak bis hin zur Androhung einer militärischen Intervention.Hinter der Fortsetzung der bisherigen Politik mit "Zuckerbrot und Peitsche" hätte, so kann man aufgrund der Ereignisse der letzten Tage sagen, gleich in zweierlei Hinsicht das Prinzip Hoffnung gestanden. Im Bezug auf den Irak hätte man auch weiterhin die Erwartung hegen müssen, dass die umfassenden Sanktionen gegen den Irak in Verbindung mit dem Oil for Food-Programm mittelfristig zum Erstarken der internen Opposition führen würden. Eine solche Entwicklung ist allerdings nicht zu erkennen oder - bedingt durch den geringen Informationsfluss - jedenfalls nicht nachzuweisen. Zudem wird die Erwartung einer internen Umwälzung durch die Mitte Oktober 2002 abgehaltenen Präsidentschaftswahlen, bei denen Saddam Hussein laut offiziellen Verlautbarungen mit fast 100 % der Stimmen bei 100 % Wahlbeteiligung wiedergewählt wurde, nicht gerade genährt, auch wenn diese Wahlen offensichtlich alles andere als frei und geheim waren. In jedem Falle spiegelt sich in diesem Ergebnis das hohe Maß an Kontrolle wider, welches das Saddam Hussein-Regime nach wie vor über die eigene Bevölkerung hat.Zum zweiten war ein Weiterführen der Containment-Strategie auf die Hoffnung auf innenpolitische Veränderungen in den USA gegründet, die angesichts der innenpolitischen Probleme der Bush, Jr.-Administration nicht unbegründet erschienen. Auch diese Hoffnung hat sich durch den Sieg der Republikaner bei den Kongress-Wahlen am 5. November 2002 zerschlagen, denn die Partei des Präsidenten verfügt nun in beiden Kammern über die absolute Mehrheit. So ist es letztlich kein Zufall, dass die Einigung zwischen Washington, Moskau und Paris auf eine Sicherheitsrats-Resolution so kurz nach diesen beiden Wahlen erfolgt ist. Damit ist auch von europäischer Seite die zweite der anfangs genannten Optionen, nämlich ein Verschärfen der bisherigen Bedingungen, gewählt worden.Dennoch muss das durch diese Resolution vollzogene Abrücken von einer vorrangig auf Containment setzenden Strategie nicht gleichbedeutend sein mit einem Einschwenken auf den US-amerikanischen Kurs. Der breite Konsens, den die Resolution 1441 gefunden hat - abzulesen an der Zustimmung durch den Vertreter Syriens im Sicherheitsrat -, zeigt, dass noch ein gewisser Spielraum verblieben ist. Die Vorbereitungen, die von US-amerikanischer Seite im Anschluss an die Verabschiedung dieser Resolution für einen Militärschlag mit Nachdruck fortgefü hrt werden, sollen keine Zweifel an der weiterhin bestehenden Bereitschaft der USA und Großbritanniens zur Intervention aufkommen lassen. Es wird daher in den nächsten Wochen notwendig sein, dass Frankreich und Deutschland, aber auch die anderen EU-Staaten, möglicherweise in Verbindung mit Russland, ein Gegengewicht bei der Auslegung der Resolution bilden, vorausgesetzt freilich, dass Saddam Hussein den in der Resolution 1441 niedergelegten Verpflichtungen nachkommt. Hierzu müsste man sich auf eine gemeinsame Linie einigen, vor allem im Hinblick auf die Bedingungen, unter denen eine militärische Intervention (auf keinen Fall) ihre Unterstützung fände. Andernfalls ist zu befürchten, dass die USA die Resolution 1441 doch als Freibrief für einen Angriff benutzen, indem sie für sich ein Interpretationsmonopol für die Bewertung der vom Irak an den Tag gelegten Erfüllung der ihm durch die Resolution auferlegten Verpflichtungen reklamieren. Es sind Zweifel erlaubt, ob die Europäer durch diese Resolution Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Verhalten der USA in dieser Frage nicht schon vergeben haben.Der Bundesregierung könnte sich durch die Einigung auf eine (abgesehen von Großbritannien) gemeinsame europäische Position zumindest die Chance eröffnen, aus der bisherigen, selbst gewählten diplomatischen Randstellung herauszukommen. Mehr wird allerdings auch nicht zu erreichen sein. Denn eine Führungsrolle unter den (kontinental-)europäischen Staaten in der Irak-Frage ist nach dem Ablehungs-Alleingang nicht mehr denkbar; hier hat Frankreich längst die Initiative an sich gezogen und wird sich den diplomatischen Primat nicht mehr nehmen lassen.4.2. Mittel- und langfristige Strategien gegenüber neuen SicherheitsbedrohungenNach dem Ausflug in die Tagespolitik wende ich mich nun mittel- und langfristigen Strategien zu, die für einen partnerschaftlich konstruktiven Umgang mit den neuen Sicherheitsbedrohungen angemessen erscheinen. Dabei sei schon jetzt vorausgeschickt, dass es hierfür keine Patentlösungen gibt. Vielmehr geht es mir darum, auf der Basis der zuvor vorgestellten Denkschulen der Disziplin der Internationalen Beziehungen, Lösungsansätze zu skizzieren, die - in einem bestimmten Mischungsverhältnis - zu einer nachhaltigen Entspannung oder mindestens einem Kitten der Risse im transatlantischen Verhältnis beitragen könnten.4.2.1. Realismus: Bildung von Gegenmacht durch Vorantreiben der Europäischen Sicherheits- und VerteidigungspolitikFolgt man der Argumentation von Robert Kagan, dass das unterschiedliche Grundverständnis internationaler Politik diesseits und jenseits des Atlantik vor allem dem Machtgefälle zwischen Amerika und Europa geschuldet sei, so könnte eine angemessene Reaktion im Aufbau einer annähernd gleichwertigen (Gegen-)Macht auf europäischer Seite bestehen - in der realistischen Denkschule als "balancing" bezeichnet. Wenngleich die objektive und subjektive Sicherheitsbedrohung durch "Schurkenstaaten" für Europa geringer sein mag als fü r die USA, wäre eine solche (Gegen-)Machtbildung gerade auch im Hinblick auf die transatlantischen Beziehungen aus realistischer Perspektive durchaus nahe liegend. Denn, so Kagan: Amerikas Machtvorsprung stellt selbst eine Bedrohung fü r die Eigenentwicklung Europas dar, da die USA durch einen größtenteils ungehemmten Unilateralismus in letzter Konsequenz auch europäischen Interessen zuwider handeln können, ohne dass dies von europäischer Seite zu verhindern wäre.Der Aufbau einer europäischen (Gegen-)Macht müsste freilich auch, aber nicht nur eine Stärkung militärischer Kapazitäten einschließen. Konkret hieße dies: ein entschlossenes Vorantreiben des noch recht jungen Projekts einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP). Auf der politischen Ebene würde dazu vor allem eine bessere Koordination und letztlich eine größere Einheitlichkeit der Europäischen Union in Sicherheitsfragen zählen müssen. Gerade diese Einheitlichkeit ist aber, wie dargestellt, in der Irak-Frage nach wie vor nicht gegeben. Darüber hinaus könnte sich auf militärischer Ebene eine neue Form der transatlantischen Arbeitsteilung einspielen. In deren Zuge könnten die Europäer den US-amerikanischen Erwartungen an eine größere Verantwortung für die europäische Stabilität gerecht werden und gleichzeitig die Amerikaner in ausgewählten Regionen außerhalb des europäischen Kontinents unterstützen. Zudem würde Europa auf diese Weise unabhängiger von den USA werden, d. h. es wäre im Falle eines sicherheitspolitischen Dissens' weniger sensibel gegenüber dem Druckmittel eines geringeren US-Engagements für die Stabilität des europäischen Kontinents. Im Gegenteil: diese Arbeitsteilung könnte der europäischen Seite bisher nicht vorhandene Mitsprachemöglichkeiten bei sicherheitspolitischen Entscheidungen Washingtons einräumen. Zumindest hätte Europas Stimme mehr Gewicht, was den US-Unilateralismus entscheidend relativierte. Offen ist hierbei, inwiefern die zugehörige transatlantische Konzertierung im Rahmen der NATO stattfände, d. h. inwiefern die ESVP (etwa im Sinne ihrer ursprünglichen Fassung als Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität ) den spätestens seit der US-Intervention in Afghanistan eingetretenen Niedergang der NATO als Rahmen multilateral abgestimmten Kollektivhandelns ihrer Mitgliedstaaten wiederherstellen könnte.Im Zusammenhang mit dem Ausbau der militärischen Kapazitäten sei noch auf einen möglichen Nebeneffekt verwiesen, der freilich eher in der Argumentation der liberalen Denkschule seinen Platz hat, da er vor allem innergesellschaftliches Gewicht besitzt. So könnte eine Modernisierung der konventionellen Waffensysteme - ein Nachholen der sogenannten "Revolution im Militärbereich" (Revolution in Military Affairs; RMA) - zugleich die Legitimität europäischer Militäreinsätze ‚out of area' gegenüber der eigenen demokratischen Öffentlichkeit stärken. Denn durch verbesserte Aufklärungssysteme sowie durch die erhöhte Präzision moderner konventioneller Waffen wird es eher möglich sein, sowohl die eigenen Verluste als auch die Zahl der Opfer in der Zivilbevölkerung des Staates, in dem militärische Operationen durchgeführt werden, gering zu halten. Dieser Umstand könnte die notwendige innergesellschaftliche Akzeptanz der dann gewachsenen sicherheitspolitischen Rolle Europas steigern.Dieser Argumentation zugunsten eines Vorantreibens der ESVP ist einschränkend zweierlei entgegenzuhalten: Zum einen ist es mehr als fraglich, inwiefern eine solche Entwicklung angesichts der finanziellen Spielräume der meisten europäischen Staaten in absehbarer Zukunft möglich sein wird. Schlimmstenfalls könnte sich dieser Weg als Sackgasse erweisen, da die Europäer in einer langen Übergangszeit aufgrund ihrer wachsenden militärischen Möglichkeiten zwar mehr von den Amerikanern in die Pflicht genommen würden, zugleich aber ihre Mitspracherechte nicht im gleichen Maße zunähmen, da hierzu erst ein gewisser Schwellenwert an eigener Schlagkraft erreicht werden müßte. Zum anderen mögen der Ausbau und die Modernisierung von Personal und Waffensystemen zwar langfristig zu einer Entspannung qua Arbeitsteilung im transatlantischen Verhältnis führen; ob hierdurch zugleich ein angemessener Schutz gegenüber den neuen Sicherheitsbedrohungen erreicht werden kann, ist aber alles andere als sicher. Dies deshalb, da zu diesen neuen Bedrohungen auch die Taktik der asymmetrischen Kriegsführung zählt. "Darunter wird der Versuch verstanden, RMA-Armeen nicht auf technologisch-strukturell gleicher Ebene zu begegnen, sondern bewusst auf ältere, leicht zu beschaffende und verlässliche Waffensysteme zu setzen, die dem technologisch überlegenen Feind dennoch große Schäden zufügen können."4.2.2. Konstruktivismus: Dialog der KulturenIm Hinblick auf eine mögliche konstruktivistische Erklärung der zunehmenden Spannungen im europäisch-amerikanischen Verhältnis habe ich zuvor, unter Bezugnahme auf Fukuyama, das unterschiedliche Verständnis von Legitimität in der internationalen Politik angeführt: Während für die Amerikaner diese Legitimität nicht oberhalb des Nationalstaates zu beschaffen ist, sehen die Europäer in der internationalen Gemeinschaft eine Quelle von Legitimität jenseits des Nationalstaats.Der Lösungsansatz lässt sich anhand dieser Erklärung recht einfach formulieren, seine Durchführung ist allerdings alles andere als einfach: Langfristig muss es darum gehen, die Loyalität der politischen Entscheidungsträger der USA gegenüber multilateralen Abkommen und Organisationen zu stärken, unabhängig davon, ob solche Institutionen ihren eigenen nationalen Interessen unmittelbar entgegenkommen oder nicht. Der von den USA gleichsam selbstverständlich praktizierte Konsum von Solidarität, gerade auch in den letzten beiden Jahren, lässt diesen Vorschlag allerdings wenig aussichtsreich erscheinen. Andererseits postuliert die Denkschule des Konstruktivismus aber auch nicht, dass sich ein solcher Wandel in der außenpolitischen Einstellung oder im außenpolitischen Verhalten eines Staates sehr rasch vollzieht. So könnte in der Rückkehr der USA in die UNESCO, aus der sie Ende 1984 ausgetreten waren, zumindest ein erstes Anzeichen für eine solche Entwicklung gesehen werden, auch wenn die Bush, Jr.-Administration in den letzten Wochen den Vereinten Nationen - für den Fall einer "schwachen" Resolution in der Irak-Frage - den Status der Irrelevanz bescheinigt hat. Ein weiteres Indiz hierfür ist auch und gerade, dass Präsident Bush und Außenminister Powell trotz dieser Kritik bis zuletzt den Weg über eine Sicherheitsratsresolution gesucht haben, anders als dies während der Amtszeit der Clinton-Administration im Kosovo-Konflikt der Fall war. Mit solchen Spekulationen über eine vermeintlich sich erneuernde VN-Loyalität Washingtons anhand dieser wenigen Anzeichen möchte ich aber mehr als vorsichtig sein. Denn ohne Zweifel haben beim jüngsten US-Verhalten gegenüber den Vereinten Nationen instrumentelle Interessen klar dominiert. Und letzten Endes wird uns schon die nahe Zukunft darüber Aufschluss geben können, welche Bedeutung die jüngste Resolution des VN-Sicherheitsrats für die amerikanische Politik wirklich besitzt.Verlässt man den diplomatischen Bereich und begibt sich auf die kulturelle Ebene, so bietet der Konstruktivismus noch einen umfassenderen Lösungsansatz, der - als Anti-These zu Huntingtons "Kampf der Kulturen" - in einem "Dialog der Kulturen" besteht. Grundvoraussetzung ist hierbei die Dialogfähigkeit, die ihrerseits wieder das Ergebnis von langwierigen Lernprozessen ist. Zu dieser Eigenschaft gehört beispielsweise die Überwindung des eigenen "Ethno"zentrismus zugunsten der Fähigkeit der Empathie, das heißt die Fähigkeit und Bereitschaft, die eigene Position mit den Augen der anderen zu sehen: "Jeder einzelne muss seine individuelle, kollektive, nationale Welt zwischen den anderen möglichen Welten situieren, sie aus anderer/fremder Perspektive betrachten können." Ein wichtiger Schritt hierzu ist die Aneignung von Wissen über andere Nationen, Kulturen und Religionen und die respektvolle Auseinandersetzung mit deren Anspruch auf Anerkennung als gleichwertig.Nun werden Sie mir auch ohne eine weitergehende Analyse darin zustimmen, dass die kulturellen Bande zwischen Europa und den USA recht intensiv sind und dass beide Seiten, unbeschadet der Definition des Kulturbegriffs im einzelnen, zum gleichen "Kulturkreis" gehören. Insofern steht die Strategie eines "Dialogs der Kulturen" hier nicht vor hohen oder gar unüberwindbaren Hindernissen. Eine deutlich größere Herausforderung stellt hingegen der Dialog mit Vertretern einer - wenn man dies überhaupt so simplistisch auf den religiösen Aspekt reduzieren darf - "islamischen" Kultur dar. Hier muss es langfristig darum gehen, durch wachsende Kenntnis und wachsendes Verständnis des oder der jeweils "Anderen" zumindest die subjektive Sicherheitsbedrohung abzubauen. Die Politik kann hier als Wegbereiter dienen: so kann die Innenpolitik durch bestimmte Regelungen u. a. die Integration von Zuwanderern erleichtern; und außenpolitisch empfiehlt sich das stetige Feilen an einem Regelsystem, das die soziale Gerechtigkeit auf der internationalen Ebene fördert, z. B. im Rahmen der WTO die nach wie vor hohen v.a. nicht-tarifären Handelsbarrieren für Waren aus Entwicklungsländern (Stichwort: Agrarsubventionen) beseitigt. Insbesondere das System der Vereinten Nationen kann hierzu als Forum dienen; es bietet sich für diese Rolle auch explizit an: so war beispielsweise das Jahr 2001 von der VN-Generalversammlung zum "Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen" bestimmt worden. Dieser Dialog war zuvor, im September 2000, bereits Gegenstand eines Runden Tisches am Sitz der Vereinten Nationen gewesen, der auf Initiative des iranischen Präsidenten, Mohammed Khatami, und unter Leitung des Generalsekretärs der UNESCO, Koichiro Matsuura, stattfand. In Zukunft wird es darum gehen, diese Ansätze auf allen Ebenen, nicht zuletzt auf der lokalen und Landesebene weiterzuführen.4.2.3. Liberalismus: Verringerung der Abhängigkeit von Ölimporten und DemokratisierungIch hatte ausgeführt, dass der Liberalismus geeignet erscheint, eher die Kooperation als die Zerwürfnisse im transatlantischen Verhältnis zu erklären, da er auf die Gemeinsamkeit liberaler, insbesondere demokratischer Werte auf beiden Seiten abhebt. In der Betonung dieser Wertegemeinschaft ist der Liberalismus nicht allzu weit entfernt vom Konstruktivismus und dessen umfassenderer Strategie eines inter-kulturellen Dialogs. Darüber hinaus hat auch der - von der liberalen Theorie informierte - Blick auf die innergesellschaftlichen Stimmungen diesseits und jenseits des Atlantiks, konkret hinsichtlich der Ablehnung eines Militäreinsatzes im Irak, ergeben, dass die Unterschiede zwischen den Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks geringer sind, als gemeinhin vermutet wird.Ähnlich wie der Konstruktivismus ermöglicht es uns der Liberalismus nun, einen Lösungsansatz zu formulieren, der für den Umgang mit den neuen Sicherheitsbedrohungen - und so zumindest mittelbar für eine Besserung des transatlantischen Verhältnisses - geeignet erscheint. Dabei geht es aber weniger um die subjektive Dimension dieser Bedrohung als um deren tatsächliche Gegebenheit. Eine angemessene Lösung könnte im Konzept der Demokratisierung als Ausgangspunkt für eine Friedensstrategie liegen. Gerade die Betonung der innenpolitischen Dimension durch die liberale Denkschule ermöglicht ein deutlich komplexeres Verständnis der Bedingungen von Demokratisierung, z. B. hinsichtlich des Verhältnisses von autoritären Eliten und Reformkräften. Ein solches Verständnis ist notwendig, da sich vor allem die autoritären Regime des Nahen und Mittleren Ostens, darunter insbesondere der Ölförderländer, bislang als ausgesprochen resistent gegenüber andernorts zum Zuge gekommenen Demokratisierungstendenzen erwiesen haben. Zu diesen Regimen gehören auch solche, die terroristische Gruppen unterstützen oder deren Untersützung tolerieren oder, wie im Falle des Irak oder des Iran, möglicherweise eigene Massenvernichtungswaffen-Programme unterhalten. Nun tragen die hoch entwickelten westlichen Industriegesllschaften aber selbst mit ihrer energiehungrigen Lebensweise nachdrücklich zur Stärkung solcher Herrschaftssysteme und deren Machthaber bei: Durch hohe Ölrentenzahlungen fördern sie die Entstehung und Fortdauer von ‚Rentier-Staaten', deren Machthaber - entlastet von dem Demokratisierungsdruck, der sich aus dem für ‚Steuerstaaten' chaakteristischen Postulat "no taxation without representation" ergibt - die ihnen zufallenden Ölrenteneinnahmen zur Unterbindung demokratischer und marktwirtschaftlicher Reformen einsetzen können und dies auch tun.Hier liegt ein Ansatzpunkt für westliche Demokratien: offensichtlich könnten die Ölrentenzuflüsse an die autoritären Herrscher im Nahen und Mittleren Osten reduziert werden, wenn die wichtigsten Abnehmerländer, insbesondere in Europa, Amerika und Japan, konzertierte wirksame Anstrengungen unternähmen, ihre Abhängigkeit von Ölimporten insgesamt und aus der genannten Region im besonderen zu verringern. Insoweit ist eine die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nachhaltig abbauende Energiepolitik ein entscheidender Beitrag zu einer Friedenspolitik, die auf eine Verbindung von Nachhaltigkeit mit von innen kommendem Wandel setzt und hoch riskanten Strategien einer von außen kommenden Erzwingung demokratisierenden Regimewandels - wie im Falle des Irak Saddam Husseins von den USA beabsichtigt - bei gleich bleibender verschwenderischer Importabhängigkeit von fossilen Brennstoffen entsagt.5. Fazit und AusblickDie zuvor skizzierten Strategien stellen, wie angekündigt, keine Patentlösungen dar. Allerdings machen sie deutlich, dass durchaus Möglichkeiten bestehen, die Risse im westlichen Bündnis zu kitten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich die genannten Lösungsansätze keinesfalls ausschließen; vielmehr können sie parallel neben- oder miteinander verfolgt werden, um langfristig eine beide Seiten zufrieden stellende Neu-Definition des transatlantischen Verhältnisses zu zeitigen. So setzt die auf der Basis des Realismus getroffene Empfehlung für einen Ausbau der ESVP direkt am europäisch-amerikanischen Verhältnis an. Die auf der Grundlage des Liberalismus benannte Strategie einer Verringerung der Abhängigkeit von Ölimporten könnte langfristig zu einem nachhaltigen Abbau der neuen Sicherheitsbedrohungen führen, womit - als Nebeneffekt - auch die transatlantischen Beziehungen entlastet würden. Der konstruktivistische Lösungsansatz eines Dialogs der Kulturen, bei dem die Politik eher die Rolle eines Wegbereiters spielt, setzt schließlich bei der subjektiven Sicherheitsbedrohung an, indem er auf ein besseres Verständnis zwischen den verschiedenen kulturell geprägten Lebenswelten abzielt. Auch eine dadurch verminderte Bedrohungswahrnehmung seitens der Europäer und Amerikaner kann helfen, die Risse im Westen zu kitten. Freilich setzen alle genannten Strategiekonzepte auf beiden Seiten des Atlantik die Bereitschaft voraus, die wechselseitige Abhängigkeit als auch die gemeinsame Verwundbarkeit ernstzunehmen und der Neigung zur Problem- und Lastenverschiebung auf den jeweils anderen zu widerstehen.Will man abschließend einen Ausblick wagen, so steht zu vermuten, dass die Auseinandersetzungen zu beiden Seiten des Atlantiks über den angemessenen Umgang mit den neuen Sicherheitsbedrohungen vorerst weitergehen werden. Die Fortsetzung der Sicherheitsdebatte zwölf Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges mag auch in der inneren Struktur der beteiligten Staaten ihre Ursachen haben, zumindest jenseits des Atlantiks. So sei hier die freilich noch gründlich zu prüfende Annahme zur Diskussion gestellt, dass Staaten wie die USA aufgrund ihrer äußerst heterogenen gesellschaftlichen Struktur notwendigerweise externe Bedrohungsvorstellungen brauchen, um den Zusammenhalt im Innern zu sichern. Wie auch immer diese Auseinandersetzungen letztlich zu begründen sind: sicher ist, dass die Qualität der transatlantischen Beziehungen, zumindest auf Regierungsebene, im wesentlichen von diesen Auseinandersetzungen und, optimistisch gesprochen, von deren möglichen Ergebnissen - im Sinne einer für alle Seiten zufriedenstellenden Arbeitsteilung - abhängen wird.Dennoch besteht für das europäisch-amerikanische Verhältnis im Großen und Ganzen kein Grund zur übermäßigen Besorgnis. Wir mögen Zeugen eines bedeutsamen Umbruchs auf der politischen Ebene sein, dennoch aber sind die Gemeinsamkeiten und Bindungen in anderen Bereichen zu stark, als dass man in der gegenwärtigen Entwicklung ernsthafte Tendenzen zu einem nachhaltigen Zerwürfnis sehen müßte. Dies gilt insbesondere für den kulturellen Bereich angesichts einer stabilen westlichen Wertegemeinschaft, aber auch für den ökonomischen Bereich, in welchem die über den Atlantik gesponnenen Verflechtungen nach wie vor intensiv sind. Insofern ist mir, um mein Beispiel vom Anfang meines Vortrages wieder aufzunehmen, auch um die Zukunft Baden-Württembergs nicht wirklich bange.