Das ist das Problem der ultima ratio : Wenn die Situation erst einmal da ist, schwindet zunächst die Grundlage der Ratio, der rationalen Betrachtung, des vernünftigen Urteils. Und das aus zwei Gründen: Man kann ja (und musste) aus guten Gründen gegen diesen Krieg hier und jetzt sein. Aber nun, da er stattfindet, muss man dafür sein, dass er so bald wie möglich beendet wird. Und das heißt unter militärisch-politischen "Sachzwängen": Man muss mit einem Sieg rechnen, möglichst bald - oder mit einem militärischen Erfolg unterhalb des glatten Sieges. Ob nun Erfolg oder Sieg: Den wird man ja nicht Saddam Hussein gönnen. Nicht nur, weil der Mann ein schrecklicher Diktator ist, sondern weil die Welt ganz in Unordnung geriete, wenn er auch noch Oberhand bekäme. Mit anderen Worten: In der Situation der Ratio sucht man nach einem unparteiischen Urteil - in der ultima ratio wird man zwangsläufig parteiisch; da kommt man nicht einfach davon, indem man "nur" die Opfer beklagt, auf welcher Seite auch immer.Der zweite Grund: Ein rationales Urteil setzt möglichst vollständige Informationen voraus. In der ultima ratio wird aber die Information selber zur Waffe - und sie wird folglich vorenthalten, in erster Linie dem Gegner, in zweiter Linie zwangsläufig der ganzen Welt. Auch das 24-Stunden-Geplärr der Sender und Experten kann mich nicht darüber hinwegtäuschen: Das was mich wirklich interessiert, die wirkliche Lage - die kennt und sagt mir keiner. Was also hätte ich daraus zu schließen, dass "selbst" der irakische "Propagandaminister" mir nach den Bombennächten von Bagdad erzählt, die Zahl der Toten bewege sich im unteren einstelligen Bereich - und das wäre in einer Fünf-Millionenstadt wie Bagdad doch weniger als die tägliche Zahl an Verkehrstoten? Soll das heißen, dass das massive amerikanische Bombardement wirklich zivile Opfer weithin ausspart - und dass das selbst der irakische Minister zugeben muss? Andererseits: Was soll und bringt das Bombardement leerstehender Regierungsgebäude - bezogen auf das Kriegs- und Friedensziel? Fragen über Fragen…Versuchen wir also in diesem Nebel Splitter der Erkenntnisse zu sammeln, die auch nach dem Krieg Bestand haben könnten. Erstens: Wir sehen, dass nicht einmal die USA die Türkei davon abbringen können, in diesem Krieg ein eigenes kurdisches Süppchen zu kochen. Die Türkei verfolgt ihr eigenes regionalstrategisches Ziel sogar mit jener Hartnäckigkeit, die Amerika dazu zwingt, eine gesamte Kriegsstrategie zu ändern und auf eine zweite Front gegen den Irak im Norden zu verzichten. Kein Wort mehr über die mangelnde Vorbereitung und diplomatische Konsenssuche durch die amerikanische Administration. Einmal sarkastisch gesagt: Das, was die türkische Regierung tut, sollte sich einmal die deutsche Bundesregierung erlauben…
Für mich folgt daraus, dass die Türkei in vorstellbarer Zeit keinesfalls Vollmitglied der EU werden kann. Auch die deutschen Versprechungen in dieser Hinsicht waren entweder ahnungslos oder unehrlich oder einfach nur opportunistisch. Die türkischen Interessen in diesem strategischen Raum kann sich Europa einfach nicht zu eigen machen. Zweitens: Es habe, so hörten wir immer wieder, eine Alternative zum Krieg gegeben, nämlich die "friedliche Entwaffnung" des Irak. Friedliche Entwaffnung - das war stets eine schönfärberische, irreführende Formulierung. Zum einen ging es ja nicht um eine "Entwaffnung" des Irak. Alle die Waffen, mit denen Saddam Hussein (bisher) kämpft und den "Koalitions"-Truppen (bisher) so heftigen Widerstand leistet - die sollten ihm doch bleiben, oder? Zum anderen: "friedlich" - wer redlich bleibt, muss doch einräumen, dass es doch genau der Krieg war, der jetzt stattfindet, mit dem wir den Irak immerhin bedroht haben - bevor er auch nur wieder Inspektoren ins Land ließ. Auch wenn wir entschieden gegen den Krieg hier und jetzt waren: Allein die Drohung mit ihm setzte doch voraus, dass wir ihn - für irgendwann - ins Kalkül einbezogen haben mussten; sonst wäre es ja keine Drohung gewesen, sondern ein Bluff.Zwei Splitter für heute. Hoffen wir, dass uns unsere ganze Ratio und die ultima ratio nicht eines Tages wie Splitter um die Ohren fliegen.