Knapp drei Jahren nach dem europäischen Spektakel um die „Sanktionen“ gegen Österreichs Regierungsbündnis aus christdemokratischer ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ ist der Spuk zu Ende. Der Hausgeist des Donau-Alpen-Landes, Jörg Haider, wurde am Wahlsonntag gründlich entzaubert und ist auf dem besten Weg, zur politischen Witzfigur zu werden: Den Rückzug aus der Politik, den er am Montag wieder einmal angekündigt hat („mein Bedarf an Politik ist gedeckt“) hat er am selben Abend noch zurück genommen. Aber die Zeit scheint vorbei zu sein, dass die politische Klasse davon beeindruckt ist. Man amüsiert sich Das österreichische Wahlergebnis ist insofern also ziemlich eindeutig, eindrucksvoll, es gibt aber auch Rätsel auf. Wirklich unzweideutig ist neben der Frage nach dem klaren Verlierer nur und vor allem die nach dem großen Sieger beantwortet: Das ist Wolfgang Schüssel, der Bundeskanzler. Er ist der Triumphator des 24. November. Seine ÖVP hat ihren Stimmenanteil um 15,4 Prozentpunkte auf 42,3 erhöht und wurde damit zum ersten mal seit 1966 wieder stärkste Partei im Lande. Der klare Verlierer ist Haider: Mit einem Minus von 16,7 Punkten landete die FPÖ, die er in anderthalb Jahrzehnten groß gemacht hatte, gerade noch im psychologisch wichtigen zweistelligen Bereich, auf 10,2 Prozent. Haiders Leistung ist fürwahr historisch: Wie er die Koalition, die er selbst mit Schüssel gezimmert hatte, in diesem Sommer zertrümmert hat, bewirkte die größte Wählerwanderung der österreichischen Parteiengeschichte: rund 800.000 Wähler sind am 24. November von der FPÖ zur ÖVP gewandert – von Haider vertrieben.Dann sind da noch die traurigen Gestalten vom Rande des Geschehens: die Nichtsieger, die zwar Stimmengewinner sind und doch Verlierer – die Sozialdemokraten und die Grünen. Alfred Gusenbauers SPÖ gewann zwar 3,7 Prozent dazu (36,9), aber erstens ist das keine große Leistung, wenn man vom historischen Tiefststand des Machtverlusts von 1999 kommt. Und es ist erst recht bitter, wenn man nach drei Jahrzehnten an der Spitze zur zweiten Kraft absinkt. Die Grünen des sympathischen und populären Wirtschafsprofessors Alexander van der Bellen haben auch zugelegt (plus 1,5), aber bei 8,9 blieben sie doch deutlich auf Platz vier. Vom strategischen Ziel einer gemeinsamen rot-grünen Mehrheit ist keine Rede mehr. Die ist nicht zuletzt am „deutschen Modell“ gescheitert: Das „rot-grüne Chaos“ der Berliner Regierung hat die Schlussphase des österreichischen Wahlkampf dominiert – als Menetekel an der Wand (ÖVP-Motto: „wollt ihr das?“).Klare Verhältnisse also, aber was nun? Der Triumph Schüssels erinnert zwar an die stolze Zeit von 1966, als die ÖVP unter ihrem damaligen Kanzler Josef Klaus vier Jahre lang über die absolute Mehrheit verfügte (ehe Bruno Kreisky sie brach und die SPÖ für dreißig Jahre als innenpolitische Führungsmacht etablierte). Aber bis zu dieser absoluten Mehrheit ist es eben doch noch sehr weit. Schüssel muss also weiter koalieren, dafür hat er drei Optionen. Genau darin stecken die Rätsel dieser klaren Wählerentscheidung.1. Er kann – und will – die im September aufgekündigte Koalition mit der populistischen FPÖ fortsetzen. Diesmal wird in Europa niemand protestieren (was angesichts der veränderten Landschaft auch lächerlich wäre). Allerdings hat Schüssel ein Problem: Das Ausmaß des Wahlerfolgs dankt er seinem FPÖ-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der mit Haider gebrochen hat, seine FPÖ-Mitgliedschaft ruhen lässt und im Wahlkampf eine Einladung Schüssels akzeptierte, als Unabhängiger bei ihm weiterhin das Finanzressort zu leiten. Der jugendliche Grasser ist im Lande beliebt wie ein Sport- oder Popstar, eines der Phänomene der postmodernen Mediendemokratie, die nur schwer erklärbar sind, in Grassers Fall jedenfalls nicht mit finanzpolitischen Leistungen. Ehe Grasser, politisch ein Ex-Zögling Haiders, innerhalb einer ÖVP/FPÖ-Koalition als Finanzminister möglich ist, muss in der FPÖ selbst der Einfluss Haiders und seiner Helfer gegen null reduziert werden. Das wird trotz der aktuellen Mutation Haiders zur Karikatur seiner selbst nicht ganz einfach sein. Immerhin sind Haiders Leute in der neuen, krass verkleinerten Fraktion stark vertreten. Sie könnten Grasser also blockieren. Doch ohne diesen flotten „Feschak“kann Schüssel diese Koalition eigentlich nicht bilden, es sei denn, er begeht personalpolitisch einen gewaltigen Wählerbetrug. Denn Grasser war sein größtes Versprechen an die „bürgerlichen“ Rechtswähler im FPÖ-Milieu. Und die haben ihm offenkundig geglaubt.2. Er kann natürlich auch mit der SPÖ koalieren: Die ÖVP-nahen Wirtschaftskreise in Wien machen kein Hehl daraus, dass sie das vorzögen. Auch einige Christdemokraten in den Ländern plädieren dafür (andere freilich für die FPÖ). Aber wäre das klug? Haider und die FPÖ sind nicht zuletzt auf Grund der schlecht funktionierenden Großen Koalition in den 90er Jahren groß geworden. Sollen die Rechtspopulisten noch einmal hoch gepäppelt werden? Davon abgesehen: Auch gegenüber der SPÖ müsste die Personalie Grasser durch gesetzt werden und das ist für viele Sozialdemokraten „unvorstellbar“. Vermutlich käme eine solche Koalition auch nur zustande, wenn der geschlagene Kanzlerkandidat Gusenbauer die Parteiführung abgäbe. Das Szenario dafür lautet: Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl führt die Partei und der Berufsdiplomat Wolfgang Petritsch, auf Platz eins der Wiener Liste ins Parlament gewählt, würde Vizekanzler und Außenminister. Doch bevor es dazu kommt, müsste in der SPÖ viel passieren – zu viel, als dass es wirklich passierte.3. Schließlich schwarz-grün: Vermutlich ist diese Option Schüssel die liebste, er hat spielerische Neigungen und beeindruckt gerne mit Originalität. Diese europäische Premiere würde ihn nach dem FPÖ-Akt von 2000 auf dem Kontinent voll rehabilitieren. Aber weder sind die Grünen, die im Wahlkampf von der ÖVP konsequent diffamiert wurden, zu einem solchen Kraftakt bereit, noch ist die ÖVP-Klientel, die diese Diffamierungen ja geglaubt hat, dazu in der Lage.Es kann also eine Weile dauern, bis auf die klare Wahlentscheidung eine klare Koalitionsbildung folgt. Mit dem Teufel müsste es aber zugehen, wenn Haider in dieser aktuellen politischen Phase – nach diesem Wahlergebnis und dem lächerlichen Rückzugstheater – noch einmal länger als einen Tag im Rampenlicht stehen sollte (ob in Wien, Klagenfurt oder Bagdad). Blamiert bis in die Knochen sollte er vorerst genug haben. Sein Rückzug könnte deshalb nachhaltig sein.Andererseits: Bei ihm weiß man nie.