Darf ich Sie noch einmal daran erinnern? Sie wurden vor Beginn der Veranstaltung höflich gebeten, Ihr Handy auszuschalten. Das ist auch gut so, nicht nur, weil das Läuten hier stören würde, sondern auch, damit niemand Ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort via Handy feststellen kann.

Aber da ist doch nichts dabei, werden Sie sagen, wenn ich hier sitze bei der Eröffnung des Brucknerfests – noch dazu, wo wir lauter geladene Gäste sind. Es ist aber schon was dabei, wenn Sie einen kleinen Spitzel mit sich herum tragen, der dem Netzbetreiber und jeder Person, die sich Zugang verschafft, jederzeit Ihren aktuellen Aufenthaltsort verrät und außerdem, wann Sie von wo mit wem telephoniert haben. Wenn Sie Ihr Handy fleißig benützen, kann man ein einigermaßen vollständiges Bewegungsdiagramm innerhalb der letzten Monate über Sie herstellen. Sagen Sie bitte jetzt nicht, es dürfe ohnehin jeder wissen, wo Sie sich jeweils befinden, wann Sie mit wem geredet haben. Es täte mir leid, wenn Ihr Leben derart uninteressant und ereignislos wäre, dass Sie niemals Erklärungsbedarf haben.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass die „Sunday Times“ ihren Lesern begeistert mitgeteilt hat: „Einst dem Geheimdienst vorbehalten, werden Spionagesatelliten wohl bald für alle Menschen verfügbar gemacht werden, die eine Kreditkarte besitzen. Bald wird es möglich sein, für ein paar hundert Pfund in die Gärten der Stars zu spähen, in Ausbildungslagern für Terroristen in Libyen herumzuschnüffeln oder einen Ehemann auf einer Geschäftsreise nach Amsterdam zu überwachen.“

Ich nehme an, das geht Ihnen zu weit. Und es funktioniert auch noch gar nicht – zumindest, was den Ehemann betrifft, weil der im Gegensatz zum Garten des Stars und zum Terroristenlager ein Objekt in Bewegung ist und damit das System überfordert – jedenfalls für den allgemeinen Zugriff. Insofern noch Entwarnung für alle Amsterdam-Reisenden.

Anders ist es mit dem System „Mobile Family Services“, das eine große deutsche Firma Ende 2000 angekündigt hat. Das gibt es schon. Damit können Eltern dank Ortungstechnik im Handy jederzeit den Aufenthaltsort ihrer Kinder feststellen. Das beruhigt. Und ein zwischengeschaltetes Call Center kann jederzeit mithören (das ist die „Listen in“-Funktion) und kann sich einschalten, wenn die Kinder gefährlichen Unfug treiben. Das beruhigt noch mehr. Was früher „elektronische Fußfessel“ hieß und auf Häftlinge im Freigang beschränkt war, wird nun auf Kinder ausgeweitet. Selbstverständlich zu ihrem Schutz. Einen kleinen Nachteil muss man da schon in Kauf nehmen: Das System zerstört die Autonomie und die menschliche Würde des überwachten Kindes. Und es gewöhnt die Kleinen schon frühzeitig an lebenslange Unmündigkeit. Und am Ende wird es unsere Demokratie vernichten, wenn wir uns an die Allgegenwart von Überwachung gewöhnt haben. Damit will ich mich im ersten Teil meiner Rede befassen.

Ein besonderes Geschäft wurden in den USA nach dem Tod eines Kleinkindes, bei dem die Rolle des Kindermädchens ungeklärt blieb, die sogenannten „Nannycams“, also: „Kindermädchenkameras“. In einem Teddybären, in der Uhr, wo immer im Kinderzimmer versteckt, wird eine winzige Videokamera installiert, und die besorgten Eltern können jederzeit aus der Ferne am PC kontrollieren, was zu Hause abläuft. Außerdem kann am Abend das Videoband zur Überprüfung des Tages abgespielt werden.

Wenn wir vom Überwachungsstaat und seinen Bedrohungen sprechen, dann sind wir nicht nur Opfer, wir sind auch Täter. Ohne viel nachzudenken bedienen wir uns der Technologien, die der Markt bietet und uns zuweilen auch aufdrängt. Ein besonders beliebtes Argument für totale Überwachung ist der Schutz der Kinder.

Alle Überwachung durch Mächtigere passiert ja immer und ausschließlich zugunsten der Überwachten – vornehmlich zu deren Schutz. Das ist das eine. Und das andere: Alles, was unsere eigene Überwachung erleichtert, dient zunächst einmal unserer Bequemlichkeit: Teleshopping und Kundenkarten, Road Pricing und Chipcard – lauter elektronische Systeme, die uns das Leben und anderen die Kontrolle desselben erleichtern.

Es ist diese unauflösliche Spannung zwischen den Grundwerten Sicherheit und Freiheit, die dazu führt, dass wir weniger und mehr Kontrolle gleichzeitig wollen. In den USA nach dem 11. September, wo parallel zum Sicherheitsbedürfnis die Angst vor dem Verlust von Privatheit besonders gewachsen ist, wird das überdeutlich. Die Bekämpfung des Terrors macht Grundrechte schon heute zu Makulatur, erlaubt ganz neue Formen von Überwachung. Ich fürchte, demnächst auch bei uns.

Wenn die Gesellschaft sich nicht wehrt. Aber wie sollte sie, wenn so viele Menschen gedankenlos zur Zerstörung ihrer eigenen Intimität beitragen, während andere interessiert zuschauen. Ich zitiere aus dem Pressetext einer Fernsehanstalt: „Margit hat Orgasmusprobleme. Seit sie verheiratet ist, kommt sie im Bett zu kurz – sagt sie. Herbert lacht. ,Ja, das kann schon sein, ich komme immer zu schnell‘, sagt Herbert, Margits Mann. Er glaubt, über alles reden zu müssen, unter Eheleuten sowieso, aber auch mit Freunden und natürlich auch im Fernsehen. Bärbel Schäfer fragte auf RTL: ,Wie lange braucht man zum Sex ?‘ – und Margit und Herbert meldeten sich ganz spontan.“

Nun ja, das sind diese berüchtigten Nachmittags-Talkshows, werden Sie sagen, noch dazu bei RTL. Aber auch im ORF hatten sie eine gute Idee. Da lag in den Wartezimmern von Frauenärzten folgendes Flugblatt: „Liebe werdende Mutter! Kennen Sie die ORF Samstag-Abend-Live-Sendung HAPPY END? ... Für die nächsten Sendungen haben wir eine ganz besondere Idee und Sie können dabei vielleicht die ,Hauptrolle‘ übernehmen. Also: Erfahren Sie von Ihrem Arzt/ von Ihrer Ärztin, dass Sie ,in freudiger Erwartung‘ sind, behalten Sie die Freudenbotschaft vorerst für sich. Wir laden Sie und Ihren Partner (unter Vorwand) in die Sendung und dann kommt Ihr großer Auftritt: Live können Sie – originell inszeniert – den Glücklichen mit seinem kommenden Vaterglück überraschen. Haben Sie Lust, auf diese einzigartige Weise Ihren Partner ... mit der Babynachricht zu überraschen, rufen Sie einfach an.“

Was soll man dazu sagen? Das war übrigens vor Big Brother und ähnlichen Formaten. Jeder ein Star für fünfzehn Minuten, hatte Andy Warhol hellsichtig prophezeit. Und die sich selbst entblößen, finden entschieden, es sei „nichts dabei“ - im Gegensatz zu den Exhibitionisten früherer Zeiten, die durchaus meinten, es sei etwas dabei, wenn sie im Park den Mantel aufrissen. Darum haben sie es ja getan.

Was uns heute klar wird, ist, dass die Trennung zwischen „öffentlich“ und „privat“ immer weniger Sinn ergibt. Wenn zum Beispiel die österreichische Staatspolizei, eine Behörde also, gegen Bezahlung leitende Firmenmitarbeiter im Auftrag von deren Chefs überprüft, dann ist die Vermengung von öffentlich und privat perfekt. Und wenn Innenminister Strasser dies so kommentiert: „Wenn jemand diese Überprüfung nicht will, dann hat er wahrscheinlich wirklich etwas zu verbergen“ , dann repräsentiert er den Obrigkeitsstaat par excellence und appelliert an die Dümmsten unter uns, deren bürgerliches Bewusstsein vor 1848 stecken geblieben ist. Diese verkünden stolz, dass sie nichts zu verbergen haben, und erleben die umfassende Zerstörung von Privatheit nicht einmal als Bedrohung.

Eben darum geht es: Die neuen technologischen Möglichkeiten vernichten das Private als Begriff, der sich mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert durchgesetzt hat und im 19. codifiziert wurde. Im November des Vorjahrs organisierte das Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eine Konferenz unter dem Titel: „Ist das Recht auf Privatsphäre ein Grundrecht mit Ablaufdatum?“ In der Tat, der Prozess scheint zur Zeit nicht reversibel. Und alle machen mit. Die Mode wird immer transparenter, die Häuser mit ihren riesigen Verglasungen immer durchsichtiger und die Schnüffelgeräte, auch für Laien, werden immer billiger. Weil der Absatz so stark ist.

Die USA haben dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Deren Militär überlegt und probiert neue Überwachungssysteme, die entschieden über das bisher Bekannte hinausgehen – ein Bereich, der der Kontrolle der Politik weitgehend entzogen ist. Und vor einigen Jahren ein amerikanischer Präsident, der einem Untersuchungsausschuss öffentlich Rechenschaft über sein Sexualleben gegeben hat statt die Antwort aus Selbstachtung zu verweigern – egal, was die Konsequenzen gewesen wären. Gleich danach konnten wir die intimen Details über den mächtigsten Mann der Welt im Internet nachlesen. Das war ein Dammbruch.

Es scheint, als habe diese Gesellschaft niemals ausreichend nachgedacht, worauf sie sich da einlässt. Das Modell „Überwachungsstaat“ war immer der Diktatur zugeordnet. Jetzt hat es sich in der Demokratie eingenistet mit technologischen Möglichkeiten, von denen Hitler und Stalin nicht einmal träumen konnten. Ob wir’s verhindern hätten können, ist fraglich. Aber wir haben es gar nicht versucht, weil alles so undurchsichtig und schwer verständlich ist, was mit den neuen Technologien und ihren avancierten Anwendungsmöglichkeiten zusammenhängt. Wir haben uns das Nachdenken darüber erspart.

Und jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem ein Mitarbeiter der World Future Society in Washington DC meint: „Eine Nummer könnte bereits bei Geburt zugewiesen werden und so mit durch das ganze Leben gehen. Am besten würde man den Microchip auf dem Handrücken implantieren, denn das wäre am einfachsten zum Scannen. ... Man schließt das Haus auf, startet das Auto, verschafft sich Zutritt im Büro, kauft ein, hebt Geld ab, weist sich aus und niemals verliert man den Chip.“

Das wäre in der Tat sehr bequem: nie mehr Bankomatkarte und Pass brauchen, nie mehr Schlüssel verlieren – für einen kleinen Preis allerdings: den Verlust der Menschenwürde. Dass Tag und Nacht Kontrollierte nicht demokratiefähig sind, liegt auf der Hand. Wenn wir uns nicht bald dagegen zu wehren beginnen, werden ein paar Techniker, ein paar Militärs, ein paar Wirtschaftsleute und ein paar Politiker mittels neuer Technologien die Demokratien weltweit zur reinen Farce und hohlen Attrappe machen.

Darüber lohnte es sich tatsächlich nachzudenken. Und dann sollten wir uns darauf verständigen, was das Recht auf Privatheit heute noch bedeuten kann. Das ist nämlich mittlerweile völlig unklar. Besonders schön kommt das Durcheinander in den Köpfen in einer absurden kleinen Geschichte zum Ausdruck: Ein weiblicher Popstar bekennt ungefragt vor dem Mikrophon, sie habe sich gerade die Brustwarze piercen lassen. Auf die Frage „Welche Brustwarze?“ antwortet sie: „Das ist meine Privatsache.“

Von der Zerstörung des Privaten zur Privatisierung der Welt. Da besteht ein Zusammenhang, der über das Wortspiel hinausgeht. Die Einschränkung der Grundrechte und die möglichst totale Kontrolle über die Menschen ist nämlich unabdingbare Voraussetzung, wenn die Welt privatisiert werden soll. Und je ärmer der Staat und seine Bürger dadurch werden, desto mehr Geld wird für Überwachung und Gefängnisse gebraucht.

Vor mehr als zwei Jahren riet das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ seinen Lesern: „Wenn Sie nach einer sicheren Aktienanlage suchen, die dauerhafte Renditen verspricht, versuchen Sie es mit der ultimativen Alternative zum Internet: Wasser.“

Es geht bekanntlich nicht nur um das Wasser. Es geht um die Zerschlagung unseres Bildungssystems, unseres Gesundheitssystems, unserer Energieversorgung, es geht um Bereiche, „die noch nie zuvor als Gegenstand der Handelspolitik gesehen wurden“. So hat es der ehemalige Generaldirektor der WTO Renato Ruggiero definiert. Das heißt: Bildung, Wasser, medizinische Versorgung, öffentlicher Verkehr, alles, was man kaufen und verkaufen kann, soll in Zukunft in private Hand übergehen und wie beliebige Waren gehandelt werden.

Das weltweite Abkommen, von dem ich spreche, heißt GATS, das ist die Abkürzung für General Agreement on Trade in Services. Es geht dabei um die Liberalisierung und Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. Verhandelt wird im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO, die treibende Kraft dahinter sind vor allem die USA und weltweit operierende Konzerne. Bis Ende 2004 sollen die Verhandlungen zwischen den Staaten abgeschlossen werden.

Es ist durchaus möglich, dass Sie, geschätzte Festgäste, bis jetzt über dieses wichtigste weltweite Abkommen wenig bis gar nichts gelesen oder gehört haben, weil die Verhandlungen geheim geführt werden und die Beteiligten daran interessiert sind, dass möglichst wenig nach außen dringt. Zu Recht, weil sie mit einem weltweiten Sturm der Entrüstung rechnen müssten. Daher hat man sich auf ein Verfahren geeinigt, das aufs Haar der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts gleicht, als Kabinette im Auftrag ihrer Feudalherren in streng geheimen Verhandlungen die Schicksale ganzer Völker entschieden haben. Das kommt jetzt wieder.

Die verheerenden Erfahrungen weltweit mit bisherigen Privatisierungen von Infrastruktur spielen dabei keine Rolle. Das englische Eisenbahnsystem ist legendär geworden, die Stromversorgung in Kalifornien ebenso. Die Liste der Fehlschläge und Katastrophen nach Privatisierungen von Infrastruktur wäre beliebig verlängerbar, wobei es sich jeweils um Katastrophen für die Allgemeinheit handelt, nicht für die Aktionäre. Darum wird ja privatisiert.

Der Bereich der Kultur ist natürlich ebenso bedroht, wenn Subventionen in Zukunft als Wettbewerbsverzerrung gelten. Das zerstört den europäischen Film und soll es ja wohl auch. Es stellt unser Theater- und Rundfunksystem in Frage und erledigt die kleinen Kulturinitiativen. Aber nicht nur die. Dieses Haus wird im kommenden März 30 Jahre alt und kann stolz sein auf seine Geschichte. Aber die Zukunft ist fraglich, wenn GATS gewinnt. Und das Lentos gleich nebenan, ein besonders geglückter Museumsneubau, hätte unter diesen Umständen gar nicht erst aufsperren müssen. Denn niemand kann garantieren, dass zum Beispiel Museen auf Dauer aus dem Abkommen ausgenommen werden. Kein Dienstleistungssektor soll grundsätzlich von GATS verschont bleiben. Und wenn Ihnen jemand sagt, ich erzählte hier Gräuelmärchen: Überprüfen Sie bitte selbst!

Dazu ein aktuelles kleines Beispiel aus den USA, was die Privatisierung von Kultur in der Praxis bedeutet: Ende Juli konnten wir der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung entnehmen, dass die Stiftung der verstorbenen texanischen Ölerbin Sybil Harrington die Metropolitan Opera auf die Rückgabe von 5 Millionen Dollar klagt, weil der aus Ölgeld finanzierte „Tristan“ an der Met nicht den Vorstellungen der verstorbenen Milliardärin entsprochen habe. Inszeniert hatte Dieter Dorn, der Intendant des Münchner Residenztheaters, wahrlich kein Wilder, wie wir wissen. Aber wie gesagt, für die Harrington Stiftung war dieser „Tristan“ nicht konventionell genug. Und wer zahlt, schafft an. Und jetzt frage ich Sie, geschätzte Festgäste: Wollen wir solche Zustände auch bei uns?

Ich behaupte: GATS ist eine massive Bedrohung des europäischen Kulturlebens. Und die gegenwärtige beschämende Geldnot unserer Universitäten, Museen und Bibliotheken ist nur ein Vorgeschmack dessen, was kommt, wenn GATS einmal greift.

Für verständliche Wut über diese Bedrohung reichen unsere Informationen nicht aus. Wir ahnen, dass hier um die Zukunft der Welt gehandelt wird, aber viel mehr wissen wir nicht. Wir sind darauf angewiesen, was eine Bundesregierung, die selber extrem privatisierungswillig ist, an öffentlichem Gut und an öffentlichen Interessen zu verteidigen gewillt ist. Zumindest bei Kunst und Kultur plädiert sie für Nichtaufnahme in die Verhandlungen. Das ist immerhin etwas.

Pasolini hat diesen Kapitalismus in seinen „Freibeuterschriften“ bereits vor 30 Jahren beschrieben. In seinen Essays setzt er sich mit der radikalen Kulturzerstörung durch die Konsumgesellschaft auseinander. Dies sei die „erste wahre Revolution von rechts“ , schreibt er. Die alten Werte Familie, Vaterland, Ordnung, Sparsamkeit, Kirche werden zerschlagen. „Nicht einmal das Falsche an ihnen ist noch zu gebrauchen.“ Pasolini kommt zum Schluss, „es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben“.

Prophetische Worte. Tatsächlich können wir heute zwischen mehr Butter- und Käsesorten als je zuvor wählen und es gibt Geschäfte mit zwei Anzügen für 99 Euro. Und das Telephonieren ist auch billiger geworden. Aber die großen Entscheidungen, bei denen es um das Leben von Völkern und ganzen Kontinenten geht, die trifft eine winzige Minderheit. Dazu kommt noch etwas: Es ist geplanter Vertragsbestandteil von GATS, dass der Prozess der Privatisierungen nicht mehr umkehrbar sein soll – egal, welche Verheerungen er auslöst. Einen solchen Versuch, jeden Lernprozess durch ein weltumspannendes Vertragswerk auszuschließen, hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Den Menschen das Lernen verbieten zu wollen: das wäre dann tatsächlich das „Ende der Geschichte“.

Gegen wen protestieren? Thomas Friedman von der New York Times hat schon vor mehr als einem halben Jahrzehnt die Gegner der Globalisierung verspottet mit dem Hinweis, da säße niemand am anderen Ende der Leitung. Aber vielleicht sitzt dort doch jemand? Spätestens wenn wir wissen, wem das Wasser gehört, wem die Schulen und wem die Spitäler, dann wissen wir auch, gegen wen protestieren. Nur wird es dann leider zu spät sein.

Es gibt Bürgerorganisationen wie ATTAC, die den Widerstand von unten organisieren, seit die Ohnmacht der Politik gegenüber den Herren der Welt in der Wirtschaft offensichtlich ist. Und das Wenigste, was wir selber tun können, ist, uns zumindest aus dem Internet zu informieren, da unsere Medien wenig über GATS berichten – obwohl dieses Abkommen unmittelbar in unser aller Leben eingreifen wird.

Ich weiß, dass die Aufforderung zum Widerstand gerade in dieser Stadt auf offene Ohren trifft, da es die Plattform Stopp GATS Oberösterreich war, die eine Resolution ausgearbeitet hat, die von zahlreichen österreichischen Gemeinden unterzeichnet worden ist, unter anderem von der Landeshauptstadt Linz. Und der oberösterreichische Landtag fordert von der Bundesregierung nähere Information und Einbindung in den Entscheidungsprozess. Zudem hat ein Ausschuss des Landtags am 13. März 2003 beschlossen, folgende Bereiche mögen nicht für den Markt geöffnet werden: Bildung, Wasser, Gesundheit, Soziales, Audiovisuelles (Kunst und Kultur) sowie Bereiche des öffentlichen Verkehrs. Angeschlossen haben sich der Stopp GATS Kampagne auch viele kirchliche Gruppen. Hier ist ein breites Netzwerk des Protests im Werden – über alle Parteigrenzen hinweg. Gefordert wird ein sofortiger Verhandlungsstopp. Das ist auch nicht aussichtslos. Der erfolgreiche Kampf gegen das geplante MAI-Abkommen vor einigen Jahren hat gezeigt, dass weltweiter Widerstand von unten keineswegs wirkungslos bleibt. Aber auch wenn wir selber nichts dagegen tun: Wenigstens das Nachdenken darüber nimmt uns niemand ab.

Ein mögliches Resümee dieses Nachdenkens könnte so lauten: Wer für den europäischen Sozialstaat mit weitreichenden Bürgerrechten plädiert, erlebt heute in Europa eine genau gegenteilige Entwicklung: der Sozialstaat wird abgebaut, die Bürgerrechte werden eingeschränkt. Der Begriff des Privaten wird durch den Begriff Privatisierung ersetzt, aus der Freiheit des einzelnen wird die Freiheit des Geldes. Ein Wort hat seinen Sinn verändert.

Wäre das nicht eine Aufgabe für’s Theater, wurde ich gefragt. Ein aktuelles Zeitstück darüber. Eher ein Kriminalroman, habe ich geantwortet. Ich stelle mir vor: im Milieu der Geheimverhandlungen über GATS ein paar Morde. Gründe dafür gäbe es genug. Denn es geht um viel, viel mehr Geld als bei den allergrößten Erbschaften. Da zahlt sich ein Mord schon eher aus als für die Villa des Onkels. Ich hoffe daher schon lange auf einen gescheiten Kriminalroman, der mich gleichzeitig über GATS, seine Hintergründe und seine Hintermänner informiert. Damit sind wir bei den Büchern.

Wir befinden uns hier in einem Haus der Kunst und der Kultur, das ich mit großem Respekt betrete. Daher möchte ich mich im dritten und letzten Teil meiner Rede einer kulturellen Frage in Verbindung mit dem bisher Gesagten zuwenden, nämlich: wie sehr uns Bücher helfen können als Ratgeber in der Ratlosigkeit, als Trost und auch als Fluchtweg. Ich stamme aus einer Familie, in der Lesen zuweilen Leben ersetzt hat. Als meine Mutter zum Sterben kam, wollte sie noch einmal die „Odyssee“ hören – einen Reisebericht, den sie, die Nichtreisende, besonders geliebt hat. Und da sie zu der Zeit schon halbblind war, hab ich ihr abends vorgelesen. Bis zum 8. Gesang sind wir gekommen, dann ist sie gestorben.

Mit einem Wort: Seit meiner Kindheit weiß ich, welche unendliche Bereicherung für das Leben und selbst noch im Sterben Bücher bedeuten können. Das macht sie uns unentbehrlich, kann sie aber auch gefährlich machen. Es gibt diese Geschichte über den französischen Botschafter, der am Hof Maria Theresias mit vielen unzensurierten Büchern ankam. Die Kaiserin fand das nicht gut. Am Ende kam es sogar zu diplomatischen Schwierigkeiten wegen dieser verdächtigen französischen Bücher.

Und als ein Vierteljahrtausend später die Volxtheaterkarawane aus Österreich im Berlusconi-Italien verhaftet wurde, war es unmöglich, der zuständigen Ministerin in Wien zu erklären, dass Theaterrequisiten keine Waffen sind. Vom Misstrauen der Kaiserin gegen die Bücher spannt sich eine schnurgerade Linie zum Misstrauen der Ministerin gegen das Theater. Was die Liebe zu Kunst und Literatur betrifft und das besondere Verständnis dafür, hatte Österreich selten Glück mit seinen Regierenden.

Die Bücher und der Widerstand: Die deutsche Schriftstellerin Margarete Hannsmann, die während der NS-Zeit ein junges Mädchen war, erzählt in ihrem autobiographischen Roman „Der helle Tag bricht an. Ein Kind wird Nazi“ folgende Geschichte: In einem verbotenen Zimmer, zu dem ihr Vater den Schlüssel hat, liegen verbotene Bücher. Die sollen eingestampft werden, weil sie dem Nazigeist widersprechen. Das Mädchen liest heimlich darin. Trakl, Lasker-Schüler, Hofmannsthal, Wedekind, Tucholsky, noch andere. Die Namen sagen dem Mädchen nichts, da es eine nationale Erziehung erfahren hat. Aber es erkennt die Qualität der Texte. Und es liest und liest, heimlich jede Nacht. Und dann beschließt das Mädchen, diese Werke vor der Zerstörung zu bewahren – nicht für sich, für die ganze Welt. Denn die Welt, fürchtet das Mädchen in seiner Ahnungslosigkeit, weiß nichts von diesen Büchern, hat nie von deren Existenz erfahren. Und ihr ganz allein ist es aufgetragen, die verbotene Dichtung, die nun vernichtet werden soll, für die Menschheit zu retten. Unter Mänteln, Schürzen und Trainingshosen schmuggelt das Mädchen Bücher aus dem verbotenen Zimmer an einen geheimen Ort. „Ich friere immer so“, erklärt die Tochter den Eltern die Kleiderschichten übereinander. Und weiter heißt es im Buch: „Für Ulrike war es, als hinge von ihr ganz allein ab, ob die Nachwelt von die sen Dichtern jemals erfahren würde.“ Das ist eine zu Tränen rührende Geschichte von Dichtung und jugendlichem Widerstand.

Wer von Ihnen Freunde in der Tschechoslowakei hinter dem Eisernen Vorhang hatte, der konnte selber bescheidene Erfahrungen im Bücherschmuggeln sammeln. Vernünftigerweise hat man den „Spiegel“ oder „Die Zeit“ und eine Tageszeitung offen ins Auto gelegt. Die wurden von den tschechischen Zöllnern sofort beschlagnahmt. Danach haben sie oft nicht weitergesucht. Ich erinnere mich an den „König-David-Bericht“ des DDR-Schriftstellers Stefan Heym einige Jahre nach der Liquidierung des Prager Frühlings, ein Roman, der viele tschechische Intellektuelle damals fasziniert hat wegen seiner listig verschlüsselten Kritik an kommunistischer Herrschaft. Und da dieses Buch mittlerweile durch so viele Prager Hände gegangen war, dass es vollständig zerlesen war, hatte ich ein neues gebracht. Was ich mir dabei gedacht habe: Wie lange hält ein Regime, das sich vor Büchern fürchtet? Es hat noch fünfzehn Jahre gehalten.

Wo Bücher eine solche Sprengkraft besitzen, dort werden sie auch gelesen. Aber bei uns? Wir erinnern uns noch gut, dass in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts das Ende von Lesen und Schreiben zu nahen schien. Zuerst das Fernsehen, dann Video, dann Computerspiele, CD-Rom undsoweiter – wer soll da noch lesen? Untergehen würden wir demnächst in dieser Bilderflut, vor allem die Jungen, die es nicht anders kennen, haben uns Kulturpessimisten damals prophezeit – eine sprachlose Welt. Eingetreten ist interessanterweise das Gegenteil. Erstens einmal wird neuerdings geredet und geredet. Handys in der Straßenbahn, im Restaurant, im Wartezimmer – und überall ein bisschen zu laut. Und zweitens: Mit Internet, e-mail und SMS hat eine neue Schriftlichkeit in die Kultur Einzug gehalten – mag sein, mit merkwürdiger Orthographie und ohne Satzzeichen und grammatikalisch verstümmelt, aber: es wird wieder geschrieben und gelesen wie seit langem nicht. Und daraus entsteht auch eine neue Art von Literatur. Ob die hält, wird sich weisen. Allerdings: Auf „Briefe an Milena“ wage ich auf diesem Wege nicht zu hoffen.

Und die Bücher? Eine Studie der jungen Mühlviertler Kommunikationswissenschafterin Margit Böck vor wenigen Jahren hat ergeben, dass der Anteil der regelmäßigen Buchleserinnen und -leser im letzten Vierteljahrhundert gestiegen ist, wobei das Lesen zur Information stärker zunimmt als das Lesen zur Unterhaltung. Und dass Frauen mehr lesen als Männer, ist ja schon lange bekannt. Und wie „Harry Potter“ die Kinder weltweit zum Lesen verführt, ist ein Phänomen eigener Art.

Dabei gibt es einen neuen Typus von Lesenden, der völlig unsystematisch querfeldein liest, Gedichte von Matthias Claudius und Geschichten von Charles Bukowski nebeneinander. Der Verleger Klaus Wagenbach nennt das den „wilden Leser“. Die Antwort besorgter Kritiker, die das für einen Sauhaufen in den Köpfen der Lesenden halten, ist der Literaturkanon. Die Listen schießen aus dem Boden: Das musst du gelesen haben und jenes solltest du! Das ist natürlich trivial und erinnert an die Deutschlehrer von vorgestern und manche Schriftsteller reagieren wie Peter Handke entsprechend wütend und humorlos darauf – aber andererseits: Was spricht dagegen, dem Firmling zum Eintritt ins Erwachsenenleben die angeblich wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts zu schenken? Mir ist schon klar, wie altmodisch solche bildungsbeflissenen Hinweise heute klingen, aber Bildung klang immer schon ein wenig altmodisch – und dazu soll man auch stehen.

Einen Bildungsauftrag hat im übrigen auch unser Fernsehen. Zum Teil erfüllt es ihn. Da gibt es zum Beispiel diesen Quiz mit Armin Assinger. Zunächst ist es von hoher Symbolkraft, dass der Moderator kein urbaner Typ mit Brille ist, sondern ein Kärntner Skifahrer. Das scheint mir raffiniert überlegt. Damit soll die Zugangsschwelle gesenkt, der Bildung das Abschreckende genommen werden. Manche von uns denken dabei allerdings unwillkürlich an den Spruch der 68er-Kinder: Wissen ist Macht, Nichtwissen macht nichts.

Andererseits macht es aber doch was, weil man für’s Nichtwissen im Fernsehen weniger Geld kriegt. Das ist die Botschaft. Selbst auf die Gefahr hin, überheblich zu wirken – und die ist in dem Zusammenhang enorm, „bildungsbürgerlichen Dünkel“ hat man so etwas früher zu Recht genannt; dazu kommt noch, dass wir dazu neigen, gerade das für Bildung zu halten, worüber wir selber Bescheid wissen –, aber trotzdem: eine Anglistikstudentin, die „Ein idealer Gatte“ nicht Oscar Wilde zuordnen kann, verblüfft doch, und ein Kandidat, der sich bei Kandinsky nicht zwischen „Blauer Reiter“, „Roter Hund“ und „Gelber Papagei“ entscheiden kann, ebenso, da doch auf dem Kunstmarkt und Ausstellungssektor zur Zeit nichts so boomt wie Klassische Moderne. Soweit das Ergebnis von einmal zuschauen. Aber im übrigen ist es fein, dass ein ganz altmodischer Bildungsquiz, wenn er von einem kommerziellen Ideenlieferanten neu erfunden wird, im Fernsehen wieder erfolgreich ist.

Was dabei offensichtlich wird, ist, dass jede Generation ein Stück Bildungsgut ihrer Vorfahren wegsprengt, um Platz zu machen für Neues. Wir wissen entschieden weniger über Goethe als unsere gebildeten Eltern und Großeltern und noch weniger über Gottsched und Klopstock, weil Literatur und Kritik des 18. Jahrhunderts allmählich im Dunkel versinken und den Spezialisten überlassen bleiben. Dafür kennen wir uns immer noch recht gut im 19. aus mit Stendhal und Stifter und Gogol, aber es scheint, als entschwinde den heute Jungen auch dieses und wird ersetzt durch neues Wissen, für das meiner Generation häufig jedes Verständnis fehlt. Auf diesem Wege hält zwangsläufig jede Generation die nachfolgende für weniger gebildet.

Darum wäre es klug, diesen Kulturpessimismus, der uns alle von Zeit zu Zeit überfällt, auf Distanz zu halten. Dazu passt eine fünfzig Jahre alte kleine Geschichte, für deren Wahrheitsgehalt ich mich allerdings nicht verbürgen kann: Drei Monate nach Einführung des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland wollte erstmals ein Institut wissen, wie den Menschen das neue Medium gefällt. Überwiegende Antwort: das Programm wird immer schlechter.

Diesem Satz wohnt eine zeitlose Gültigkeit inne. Es gibt ein Repertoire des Kulturpessimismus, das letztlich immer passt, das aber auch lähmt und den Blick verstellt für große Fragen der Zeit, zu deren Bewältigung wir vielleicht sogar selber einen sandkorngroßen Beitrag leisten könnten.

„No man is an Island“ , beginnt jenes wundervolle Gedicht von John Donne, das Hemingway als Motto gewählt hat für seinen Roman „Wem die Stunde schlägt.“ Und damit, geschätzte Festgäste, wären wir wieder beim Ausgangspunkt dieser Überlegungen angelangt. Es nützt nichts: Nachdenken müssen die Menschen schon selber.

Dr. Peter Huemer, profunder Kenner der Literatur, Historiker und seit 1969 als Journalist tätig, bestreitet als gebürtiger Linzer und Festredner beim diesjährigen Brucknerfest 2003 ein ehrenvolles Heimspiel.
1941 in Linz geboren, studierte Huemer Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien, bevor er 1969 zunächst in der Dokumentationsabteilung des ORF begann. Von 1974 bis 1976 arbeitete er bei Claus Gatterers „teleobjektiv“ mit, bevor er für rund zehn Jahre die Leitung der legendären Talk-Show „Club 2“ übernahm, von 1987 bis 2002 leitete er im Radio die Reihe „Im Gespräch“ und moderierte bis 2001 bei 3sat „Berliner Begegnungen“.
Dr. Peter Huemer erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine wissenschaftliche und journalistische Arbeit. Publikationen:
„Sektionschef Robert Hecht und die Zerstörung der Demokratie in Österreich“ (1975)
„Im Gespräch“ (1993)
daneben eine Vielzahl von Buchbeiträgen zur österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert
Hrgb.: „Unterwerfung. Über den destruktiven Gehorsam“ (1990, gemeinsam mit Grete Schurz)
„Viktor Matejka - Das Buch Nr. 3“ (1993)