I.

Seit dem Ende des Römischen Reiches oder besser seit der Verlagerung des Reiches von Karl dem Großen erscheint uns das abendländische Europa in Nationen geteilt, von denen einige, in bestimmten Epochen, eine Vorherrschaft über die anderen auszuüben suchten, ohne daß ihnen dies je dauerhaft gelang. Was Karl V., Ludwig XIV., Napoleon I. nicht vermochten, wird wahrscheinlich auch in Zukunft niemand fertigbringen. Ein neues Römisches Reich oder ein neues Karolingisches Reich zu errichten ist unmöglich geworden. Die Teilung Europas geht zu tief, als daß nicht der Versuch, eine umfassende Herrschaft zu errichten sehr schnell eine Koalition auf den Plan riefe, die die ehrgeizige Nation in ihre Grenzen zurückweisen würde. Für lange Zeit ist eine Art Gleichgewicht entstanden. Frankreich, England, Deutschland, Rußland wird es noch in Jahrhunderten geben, und trotz der Abenteuer, auf welche sie sich eingelassen haben, werden die historischen Individuen, die entscheidenden Figuren eines Schachspiels, dessen Felder unausgesetzt ihre Bedeutung und ihre Größe verändern, nie ganz und gar miteinander verschmelzen. Die so verstandenen Nationen sind in der Geschichte etwas ziemlich Neues. Das Altertum kennt sie nicht: Ägypten, China, das alte Chaldäa waren nicht im geringsten Nationen. Es waren Horden, angeführt von einem Sohn der Sonne oder einem Sohn des Himmels. Es gab keine ägyptischen Staatsbürger, ebensowenig wie es chinesische Staatsbürger gab. Das klassische Altertum kannte Republiken und Stadtkönigtümer, Konföderationen lokaler Republiken, Reiche: die Nation in unserem Sinne kannte es nicht. Athen, Sparta, Sidon sind Zentren von bewunderungswürdigem Patriotismus, doch mit ziemlich kleinem Territorium. Bevor Gallien, Spanien, Italien vom römischen Imperium aufgesogen wurden, waren sie Ansammlungen von Völkerschaften, die häufig miteinander verbündet waren, aber ohne zentrale Institution, ohne Dynastien. Auch das Assyrische Reich, das Persische Reich, das Reich Alexanders waren keine Vaterländer. Es hat niemals assyrische Patrioten gegeben, und das Persische Reich war ein riesiges Feudalwesen. Keine Nation führt ihren Ursprung auf das kolossale Abenteuer Alexanders zurück, obwohl es für die Geschichte der Zivilisation so ungemein folgenreich war.

Schon viel eher war das Römische Reich ein Vaterland. Für die ungeheure Wohltat des Rückgangs der Kriege wurde das anfangs so drückende römische Imperium alsbald geliebt. Es war eine große Assoziation - gleichbedeutend mit Ordnung - des Friedens und der Zivilisation. In den letzten Zeiten des Reiches gab es bei hochgestimmten Seelen, bei den aufgeklärten Bischöfen, bei den Gebildeten das echte Gefühl einer "pax romana" im Gegensatz zum drohenden Chaos der Barbarei. Doch das Reich, das zwölfmal so groß war wie das heutige Frankreich, sollte keinen Staat im modernen Sinne bilden. Die Spaltung des Westens und des Ostens war unvermeidlich. Im 3. Jahrhundert scheiterten die Ansätze zu einem Gallischen Reich. Erst die germanische Invasion brachte das Prinzip, das später die Grundlage der Nationalitäten wurde. Was also taten die germanischen Völker vor ihren großen Invasionen im 5. bis zu den letzten normannischen Eroberungen im 10. Jahrhundert? Den Kern der Rassen veränderten sie kaum, aber mehr oder weniger großen Teilen des alten Westreiches erlegten sie Dynastien und einen Militäradel auf, und diese Teile des Reiches trugen fortan die Namen der Eindringlinge. Daher Frankreich, Burgund, Lombardei. Die rasche Übermacht, die das Frankenreich gewann, stellte für einen Augenblick die Einheit des Abendlandes wieder her. Doch unwiderruflich zerfiel dieses Reich um die Mitte des 9. Jahrhunderts. Der Vertrag von Verdun zeichnet die letztlich unabänderlichen Grenzen vor, und seitdem sind Frankreich, Deutschland, England, Italien, Spanien auf vielen Umwegen und unter unzähligen Abenteuern zu ihre vollen nationalen Existenz aufgebrochen, wie wir sie heute vor uns haben.

Was macht nun wirklich diese verschiedenen Staaten aus? Es ist die Verschmelzung de Bevölkerungen, die sie bewohnen. In den genannten Ländern entspricht nichts dem, was man in der Türkei findet, wo der Türke, der Slawe, der Grieche, der Armenier, der Araber, der Syrer, der Kurde auch heute noch so verschieden sind wie am Tag der Eroberung. Zwei wesentliche Umstände haben dazu beigetragen. Zunächst einmal heben die germanischen Völker das Christentum angenommen, sobald sie in dauerhaftere Berührung mit den griechischen und lateinischen Völkern kamen. Wenn Sieger und Besiegte derselben Religion angehören oder besser: wenn der Sieger die Religion des Besiegten annimmt, dann ist das türkische System, die absolute Scheidung der Menschen nach ihrer Religion, nicht mehr möglich. Der zweite Umstand war, daß die Eroberer ihre eigene Sprache vergaßen. Die Enkel von Chlodwig, Alarich, Albuin, Rollon sprachen bereits römisch. Dies wiederum war die Folge einer anderen wichtigen Besonderheit, daß nämlich Franken, Burgunder, Goten, Lombarden und Normannen nur sehr wenige Frauen ihrer Rasse bei sich hatten. Über mehrere Generationen heirateten die Anführer germanische Frauen; aber ihre Konkubinen waren lateinisch, ebenso die Ammen ihrer Kinder. Der ganze Stamm heiratete lateinische Frauen. Das führte dazu, daß die "lingua franca", die "lingua gotica" seit der Niederlassung der Franken und Goten auf römischem Boden nur noch ein kurzes Leben hatten. In England war es anders. Denn die angelsächsischen Eroberer hatten zweifellos Frauen bei sich, und die britannische Bevölkerung floh. Im übrigen war das Lateinische in Britannien nicht mehr dominierend oder war es überhaupt nie gewesen. Wenn in Gallien im 5. Jahrhundert allgemein gallisch gesprochen worden wäre, so hätten Chlodwig und seine Leute das Germanische nicht für das Gallische aufgegeben. So kam es zu dem kapitalen Resultat, daß die germanischen Eroberer trotz der äußersten Roheit ihrer Sitten die Form prägten, die im Laufe der Jahrhunderte zur eigentlichen Form der Nation wurde. "Frankreich" wurde legitimerweise der Name eines Landes, in das nur eine kaum wahrnehmbare Minderheit von Franken eingedrungen war. Im 10. Jahrhundert sind in den ersten "Chansons de gestes", sei ein so vollkommener Spiegel des Geistes ihrer Zeit sind, alle Bewohner Frankreichs Franzosen. Die Vorstellung eines Rassenunterschiedes in der Bevölkerung Frankreichs, die bei Gregor von Tours so auffällig ist, ist bei den französischen Schriftstellern und Dichtern nach den "Chansons de gestes" nicht im geringsten zu bemerken. Der Unterschied des Adligen und des Nichtadligen wird so stark betont wie nur irgend möglich, doch dieser Unterschied ist in keiner Hinsicht ein ethnischer. Vielmehr ist es ein Unterschied des Mutes, der vererbten Erziehung. Auf die Idee, daß am Ursprung von all dem eine Eroberung steht, kommt niemand. Die falsche Vorstellung, der Adel verdanke seine Entstehung einem vom König verliehenen Privileg für der Nation geleistete große Dienste und jeder Adlige sei auch ein Geadelter, wird als Dogma erst seit dem 13. Jahrhundert eingeführt. Genauso verlief es nach fast allen normannischen Eroberungen. Eine oder zwei Generation später unterschieden sich die normannischen Eindringlinge nicht mehr von der übrigen Bevölkerung. Nichtsdestoweniger war ihr Einfluß groß: Sie hatten dem eroberten Land einen Adel, militärische Gewohnheiten und einen Patriotismus gegeben, die vordem nicht vorhanden waren. Das Vergessen - ich möchte fast sagen: der historische Irrtum - spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Studien oft eine Gefahr für die Nation. Die historische Forschung zieht in der Tat die gewaltsamen Vorgänge ans Licht, die sich am Ursprung aller politischen Gebilde, selbst jener mit den wohltätigsten Folgen, ereignet haben. Die Vereinigung vollzieht sich immer auf brutale Weise. Die Vereinigung Nord- und Südfrankreichs ist das Ergebnis von fast einem Jahrhundert Ausrottung und Terror gewesen. Der König von Frankreich, der, wenn ich das sagen darf, das Musterbild eines säkularen Kristallisators ist, der König von Frankreich, der die vollkommenste nationale Einheit vollbracht hat, die es überhaupt gibt - verliert, von nahem besehen, seinen Nimbus. Die von ihm geformte Nation hat ihn verflucht, und jetzt wissen nur noch ein paar Gebildete, was er galt und was er getan hat.

Die großen Gesetze der abendländischen Geschichte werden durch den Kontrast sinnfällig. Bei dem Vorhaben, das der König von Frankreich teils durch seine Tyrannei, teils durch seine Gerechtigkeit auf so bewundernswürdige Weise vollendete, sind viele Länder gescheitert. Unter der Stephanskrone sind Ungarn und Slawen so verschieden geblieben, wie sei es vor achthundert Jahren waren. Anstatt sei verschiedenen Elemente seiner Herrschaft zu verschmelzen, hat das Haus Habsburg sie getrennt gehalten und oft genug in Gegensatz zueinander gebracht. In Böhmen liegen das tschechische und das deutsche Element wie Öl und Wasser in einem Glas übereinander. Die türkische Politik der Trennung der Nationalitäten nach der Religion hat noch gravierendere Folgen gehabt: Sie hat zum Niedergang des Orients geführt. In einer Stadt wie Saloniki oder Smyrna findet man fünf oder sechs Gemeinden, deren jede ihre eigenen Erinnerungen hat und die miteinander so gut wie nichts gemein haben. Es macht jedoch das Wesen einer Nation aus, daß alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, daß sie viele Dinge vergessen haben. Kein Franzose weiß, ob er Burgunder, Alane, Wisigote ist, und jeder Franzose muß die Bartholomäusnacht und die Massaker des 13. Jahrhunderts im Süden vergessen haben. Es gibt in Frankreich keine zehn Familien, die ihre fränkische Herkunft beweisen können, und auch wenn sie es können, ist ein solcher Beweis unvollständig wegen der vielen unbekannten Kreuzungen, die jedes geneologische System durcheinanderbringen. Die moderne Nation ist demnach das historische Ergebnis einer Reihe von Tatsachen, die dieselbe Richtung hat. Bald wurde die Einheit durch eine Dynastie verwirklicht, wie im Falle Frankreichs; bald durch den unmittelbaren Willen der Provinzen, wie im Falle Hollands, der Schweiz und Belgiens; bald durch einen allgemeinen Geist, der spät über die Launen des Feudalwesens triumphiert, wie im Falle Italiens und Deutschlands. Jedesmal haben diese Bildungen einen tiefliegenden Grund. Die Prinzipien brechen sich Bahn durch die ungeahntesten Überraschungen. In unserer Zeit haben wir gesehen, wie Italien durch seine Niederlagen geeint und die Türkei durch ihre Siege zerstört wurde. Jede Niederlage kam der Sache Italiens zugute. Jeder Sieg richtete die Türkei zugrunde. Denn Italien ist eine Nation, und die Türkei ist es, abgesehen von Kleinasien, nicht. Es ist der Ruhm Frankreichs, durch die Französische Revolution verkündet zu haben, daß eine Nation aus sich selbst existiert. Wir dürfen es also nicht mißbilligen, wenn man uns nachahmt. Das Prinzip der Nationen ist unser. Doch was ist eine Nation? Warum ist Holland eine Nation, während Hannover oder das Großherzogtum Parma es nicht sind? Wie kommt es, daß Frankreich weiter eine Nation bleibt, auch wenn das Prinzip, durch das es geschaffen wurde, verschwunden ist? Wie kommt es, daß die Schweiz mit drei Sprachen, zwei Religionen, drei oder vier Rassen eine Nation ist, während beispielsweise die so homogene Toskana keine ist? Warum ist Österreich ein Staat, aber keine Nation? Worin unterscheidet sich das Nationalitätenprinzip von dem der Rasse? All diese Fragen halten einen Nachdenklichen dazu an, sich mit sich selbst in Einklang zu bringen. Das Weltgeschehen richtet sich kaum nach solchen Erwägungen, doch die Eifrigen wollen in diese Dinge, in denen die Oberflächlichen sich verlieren, etwas Ordnung bringen und sie entwirren.

II.

Folgt man gewissen Theoretikern der Politik, so ist die Nation vor allem anderen eine Dynastie, die eine alte Eroberung repräsentiert, mit der die Masse der Bevölkerung sich zunächst abgefunden und die sie dann vergessen hat. Den Politikern zufolge, von denen ich rede, hat die von einer Dynastie, durch ihre Kriege, ihre Heiraten, ihre Verträge herbeigeführte Zusammenfassung von Provinzen mit der Dynastie, die sie gebildet hat, auch ein Ende. Es stimmt, daß die meisten modernen Nationen von einer Familie feudalen Ursprungs geschaffen wurden, die sich mit dem Boden vermählt hat und gewissermaßen ein Zentralisationskern gewesen ist. 1789 hatten die Grenzen Frankreichs nichts Natürliches oder Notwendiges. Das große Stück, das das Haus der Kapentinger dem schmalen Saum des Vertrages von Verdun hinzugefügt hatte, war durchaus eine persönliche Erwerbung dieses Hauses. Als diese Annexionen gemacht wurden, dachte man weder an natürliche Grenzen noch ans Völkerrecht noch an die Wünsche der Provinzen. Ebenso war auch die Vereinigung von England, Irland und Schottland ein dynastischer Vorgang. Und Italien hat nur so lange gebraucht, eine Nation zu werden, weil keines seiner vielen regierenden Häuser sich vor unserem Jahrhundert zum Zentrum der Einheit gemacht hat. Merkwürdig genug, verdankt Italien seinen königlichen Titel der bedeutungslosen Insel Sardinien, die kaum italienisch genannt werden kann. Holland, das sich in einem Akt heldenhafter Entschlossenheit selbst schuf, ist ungeachtet dessen ein inniges Heiratsbündnis mit dem Hause Oranien eingegangen und war in dem Augenblick höchst gefährdet, in dem dieses Bündnis gefährdet war.