3. Auch die Religion kann uns keine hinreichende Grundlage geben, um darauf eine moderne Nation zu errichten. Am Anfang hing die Religion mit der Existenz der sozialen Gruppe selbst zusammen. Diese war eine Ausdehnung der Familie. Die Religion, die Riten waren die Riten der Familie. Die Religion Athens war der Kult von Athen selbst, seiner mythischen Gründer, seiner Gesetze und Bräuche. Sie schloß keinerlei dogmatische Theologie ein. Diese Religion war im strengsten Sinne des Wortes eine Staatsreligion. Man war kein Athener, wenn man es ablehnte, die Religion zu praktizieren. Im Grunde war es der Kult der personifizierten Akropolis. Schwor man am Altar der Aglauros, so leistete man den Eid, für das Vaterland zu sterben. Diese Religion war eine Entsprechung zu dem, was bei uns das Werfen des Loses oder der Kult der Fahne sind. Weigerte man sich, an einem solchen Kult teilzunehmen, so entsprach das der Verweigerung des Wehrdienstes in unseren modernen Gesellschaften. Man erklärte damit, daß man kein Athener war. Auf der anderen Seite versteht es sich, daß ein solcher Kult für jemanden, der nicht aus Athen war, keinerlei Bedeutung hatte. Man betrieb auch keine Anwerbung, um Fremde dazu zu bewegen, diesen Kult anzunehmen, und auch die athenischen Sklaven praktizierten ihn nicht. So war es auch in einigen kleinen Republiken des Mittelalters. Man war kein guter Venezianer, wenn man nicht den Eid auf den heiligen Markus leistete. Man war kein guter Bürger von Amalfi, wenn man nicht den heiligen Andreas über alle anderen Heiligen des Paradieses erhob. Was später Verfolgung, Tyrannei war, war in diesen kleinen Gesellschaften legitim und blieb so folgenlos wie bei uns die Tatsache, daß wir am ersten Tag des Jahres die guten Wünsche an den Familienvater richten. Was in Sparta und Athen galt, war schon in den aus der Eroberung Alexanders hervorgegangenen Reichen nicht mehr wahr und erst recht nicht im Römischen Reich. Die Verfolgungen des Antiochos Epiphanes, die den Orient dem Kult des olympischen Jupiter zuführen sollten, ebenso wie die des Römischen Reiches, um eine vorgebliche Staatsreligion zu bewahren, waren ein Fehler, ein Verbrechen, ein wahrhafter Widersinn. Heutzutage ist die Situation vollkommen klar. Es gibt keine Masse von Gläubigen mehr, die auf einförmige Weise glaubt. Jeder glaubt und praktiziert nach seinem Gutdünken, wie er kann, wie er mag. Es gibt keine Staatsreligion mehr, man kann Franzose, Engländer, Deutscher sein und dabei Katholik, Protestant, Israelit oder gar keinen Kult praktizieren. Die Religion ist eine individuelle Angelegenheit geworden, sie geht nur das Gewissen eines jeden an. Die Unterteilung der Nationen in katholische oder protestantische existiert nicht mehr. Die Religion, die noch vor fünfzig Jahren eine so bedeutende Rolle bei der Entstehung Belgiens spielte, hat ihre ganze Bedeutung nur noch im Innern jedes einzelnen behalten. Sie hat sich fast gänzlich von den Gründen gelöst, nach denen die Grenzen der Völker gezogen werden.

4. Die Gemeinschaft der Interessen ist sicherlich ein starkes Band zwischen den Menschen. Doch reichen die Interessen aus, um eine Nation zu bilden? Ich glaube es nicht. Die Gemeinschaft der Interessen schließt die Handelsverträge. Die Nationalität jedoch hat eine Gefühlsseite, sie ist Seele und Körper zugleich. Ein "Zollverein" ist kein Vaterland.

5. Die Geographie - was man die "natürlichen Grenzen" nennt - hat fraglos einen großen Anteil an der Einteilung der Nationen. Sie ist einer der wesentlichen Faktoren der Geschichte. Die Flüsse haben die Rassen geführt, die Berge haben sie behindert. Jene haben die historischen Bewegungen begünstigt, diese haben sie aufgehalten. Kann man aber glauben, wie es einige Parteien tun, daß die Grenzen einer Nation auf der Karte eingetragen sind und daß eine Nation das Recht hat, sich das Nötigste anzueignen, um gewisse Konturen zu begradigen, an dieses Gebirge zu reichen, an jenen Fluß, dem man a priori so etwas wie eine begrenzende Kraft zuspricht? Ich kenne keine willkürlichere, keine verhängnisvollere Theorie. Mit ihr kann man jede Gewalt rechtfertigen. Vor allem, sind es diese Berge, sind es diese Flüsse, die die angeblichen natürlichen Grenzen bilden? Unbestreitbar ist, daß die Gebirge trennen und die Flüsse eher einen. Aber nicht alle Gebirge grenzen Staaten voneinander ab. Welche trennen, und welche tun es nicht? Von Biarritz bis nach Tornea gibt es nicht eine Flußmündung, die nicht die eine oder andere abgrenzende Eigenschaft hätte. Wenn die Geschichte gewollt hätte, hätten Loire, Seine, Maas, Elbe, Oder nicht anders als der Rhein diese abgrenzende Eigenschaft gehabt, die zu so vielen Verletzungen jenes fundamentalen Rechts geführt hat, welches der Wille des Menschen ist. Man spricht von strategischen Gründen. Nichts ist absolut; es ist klar, daß der Notwendigkeit manche Konzessionen zu machen sind. Aber diese Konzessionen dürfen nicht zu weit gehen. Sonst würde alle Welt ihre militärischen Wünsche geltend machen, und es wäre Krieg ohne Ende. Nein, es ist auch nicht der Boden, der die Nation macht, ebensowenig wie die Rasse. Die Erde liefert das Substrat, den Boden für Kampf und Arbeit, der Mensch liefert die Seele. Bei der Formung dieser geheiligten Sache, die man ein Volk nennt, ist der Mensch alles. Nichts Materielles ist dafür hinreichend. Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefen Verwicklungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Familie, nicht eine von Gestaltungen des Bodens bestimmte Gruppe.

Wir haben gesehen, daß es nicht genügt, ein solches geistiges Prinzip zu schaffen: die Rasse, die Sprache, die Interessen, die religiöse Verwandtschaft, die Geographie, die militärischen Notwendigkeiten. Was also braucht es mehr? Nach dem bisher Gesagten brauche ich Ihre Aufmerksamkeit nicht mehr lange in Anspruch zu nehmen.

III.

Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat. Der Mensch improvisiert sich nicht. Wie der einzelne ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, von Opfern und von Hingabe. Der Kult der Ahnen ist von allen am legitimsten; die Ahnen haben uns zu dem gemacht, was wir sind. eine heroische Vergangenheit, große Männer, Ruhm (ich meine den wahren) - das ist das soziale Kapital, worauf man eine nationale Idee gründet. Gemeinsamer Ruhm in der Vergangenheit, ein gemeinsames Wollen in der Gegenwart, gemeinsam Großes vollbracht zu haben und es noch vollbringen wollen - das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein. Man liebt - im rechten Verhältnis - Opfer, in welche man eingewilligt, Übel, die man erlitten hat. Man liebt das Haus, das man gebaut hat und das man vererbt. Das spartanische Lied: "Wir sind, was ihr gewesen seid; wir werden sein, was ihr seid", ist in seiner Einfachheit die abgekürzte Hymne jedes Vaterlandes.

In der Vergangenheit ein gemeinschaftliches Erbe von Ruhm und von Reue, in der Zukunft ein gleiches Programm verwirklichen, gemeinsam gelitten, sich gefreut, gehofft haben - das ist mehr wert als gemeinsame Zölle und Grenzen, die strategischen Vorstellungen entsprechen. Das ist es, was man ungeachtet der Unterschiede von Rasse und Sprache versteht. Ich habe soeben gesagt: "Gemeinsam gelitten haben". Ja, das gemeinsame Leiden eint mehr als die Freude. Die nationalen Erinnerungen und die Trauer wiegen mehr als die Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen. Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem faßt sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusammen: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer Nation ist - erlauben Sie mir dieses Bild - ein tägliches Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen einen andauernde Behauptung des Lebens ist. Ich weiß sehr wohl, daß dies weniger metaphysisch ist als das göttliche Recht, weniger brutal als das angebliche historische Recht. In der Ordnung der Ideen, die ich hier vortrage, hat eine Nation nicht mehr Recht als ein König, zu einer Provinz zu sagen: "Du gehörst mir, ich nehme dich." Eine Provinz, das sind für uns ihre Einwohner. Wenn in dieser Frage jemand das Recht hat, gehört zu werden, dann sind es diese Einwohner. Niemals hat eine Nation ein echtes Interesse, ein Land gegen seinen Willen zu annektieren oder zu behalten. Der Wunsch der Nationen ist ein für allemal das einzige legitime Kriterium, auf das immer zurückgegangen werden muß.