Es gilt das gesprochene Wort!In seiner Laudatio auf den Träger des Internationalen Karls Preises zu Aachen pries Francois Mitterand unseren heutigen Preisträger Vaslav Havel als einen Mann des nicht geringsten Mutes, des Mutes der Wahrheit durch Wort und Tat. Er habe einen beispielhaften Kampf geführt. Durch diesen Kampf habe sein Land die Freiheit wieder erlangt. Er habe die Moral als Führerin gewählt, als Führerin in der Politik, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Zivilcourage und Toleranz, die Bereitschaft zum gewaltlosen aber notwendigen Widerstand zeichnen den Mann aus. Er habe den Menschen durch sein Vorbild die Möglichkeit eröffnet, sich so wieder zu finden, wie sie vor sich selbst und vor der Geschichte sein sollen.Als Mitterand dem Dichter, Philosophen, Freiheitskämpfer und Staatsmann seine Hochachtung und seinen Respekt erwies, war dieser seit gut 16 Monaten Präsident der vom sowjetischen Joch befreiten Tschechischen und Slowakischen Föderation. Voraus gegangen waren schwere und schmerzhafte Jahre des Kampfes, der Unbeugsamkeit in der Erniedrigung, des Aufbegehrens gegen Diktatur und Unmenschlichkeit und des ungebrochenen Vertrauens in die Kraft der Wahrheit und den letztendlichen Sieg der Freiheit. Dieser Glaube war nicht vergebens. Vaclav Havel konnte Mitterand antworten mit den Worten, vor 36 Jahren habe Churchill an dieser Stelle gesagt: Die Tschechoslowakei wird die Freiheit wieder gewinnen und Deutschland wird wieder vereint sein. Er . Havel, sei der erste Preisträger, der das Glück habe, hier ausrufen zu können: "Winston Churchill, die Tschechoslowakei ist frei und Deutschland ist wieder vereint"!Uns allen ist er bekannt als Vorsitzender des Kreises der unabhängigen Schriftsteller, als Mitglied des PEN Zentrums, als Dichter und Dramatiker und als Mitbegründer der Charta 77. Auch eine fast fünfjährige Gefängnishaft konnte seine Opposition gegen die Regierungspolitik der kommunistischen Partei nicht brechen. Vaclav Havel wird zum Leitbild einer tief im Glauben, in der Sprache und Kultur seines Landes und im christlichen Europa verwurzelten Persönlichkeit: Die verkörperte Hoffnung vieler auf die reale Vision einer Politik, die, geleitet von der erkennbaren Wahrheit, nach Wahrhaftigkeit und Freiheit strebt.Nicht nur seine Freunde und Landsleute: Menschen in Europa und in aller Welt verehren ihn ob seiner Bereitschaft, die Wahrheit zu suchen und auszusprechen, auch wenn es nicht bequem ist. Sie bewundern die Bescheidenheit des Mannes, dessen Scheu vor großen Gesten und dessen Skepsis, auch vor sich selbst, sie als das erkennen, was sie ausdrücken: Ein Mann, geprägt von der selbst auferlegten Verantwortung zur Suche nach der Wahrheit.Es ist diese herausragende Eigenschaft, die Vaslav Havel auf einzigartige Weise berufen sein läßt, Tschechen und Deutsche zu helfen auf dem schwierigen Weg zu einander. Zu helfen, die Wahrheit über die Schrecken der jüngeren Vergangenheit zu erkennen, die sie trennen, und ihrer beider historische Schuld anzuerkennen; dem Verbindenden und Gemeinsamen einer Jahrhunderte währenden Vergangenheit zu vertrauen - und durch eben diese beiden einer geschichtlich und geographisch geprägten Nachbarschaft ermutigt ihre europäische Zukunft auch gemeinsam zu gestalten.Diese Zukunft: ihre Bedingungen, ihre Chancen, ihre Herausforderungen und ihre Gefahren hat Vaslav Havel's künstlerisches und politisches Leben bestimmt und geprägt. Gute tschechisch-deutsche Beziehungen waren und sind für ihn nicht nur ein Gebot historischer Verantwortung und verantwortungsvoll gestalteter Nachbarschaft. Sie sind zugleich ein Auftrag europäischer Einheit und Zukunft. So ist es nur folgerichtig die Geschichte dieser Beziehungen unter das Gebot der Wahrhaftigkeit zu stellen, sie gegen politische Verfälschung zu schützen und so erst die Voraussetzungen für ein tragfähiges und dauerhaftes europäisches Miteinander unserer beiden Völker zu schaffen. "Während der letzten 10 Jahre" stellt er im Mai 2000 fest, "haben unsere Regierungen viel Arbeit geleistet, die Anerkennung verdient. Der Vertrag über gute Nachbarschaft und gegenseitige Zusammenarbeit aus dem Jahre 1992 und die deutsch-tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung aus dem Jahre 1997 sind die sichtbarsten Meilensteine auf diesem Weg". Aber verdient gemacht haben sich nach seiner Überzeugung insbesondere die Bürger unserer beiden Länder. Sie haben ein dichtes Netz sowohl persönlicher als auch institutioneller Kontakte geknüpft, das in unserer Nachkriegsgeschichte ohne Beispiel ist.Die Chance einer solchen Entwicklung verdanken wir nicht nur unserer Einsicht. Wir verdanken sie vor allem der Bereitschaft der Europäer, aus den Katastrophen zweier Weltkriege zu lernen, dass uns nur ein geeintes Europa vor der Gefahr der alten Dämonen des Hasses und der Feindschaft schützen kann. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass Vaslav Havel aus der Geschichte seines Volkes und Staates und deren Beziehungen zu ihren Nachbarn, vor allem zu uns Deutschen, auch Lehren für die Bedingungen zieht, die Europa auf seinem weiteren Weg in eine freiheitliche und friedliche gemeinsame Zukunft beachten sollte. Zu diesen Bedingungen gehören vorrangig zwei Fragen, die auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind. Zum einen: Welches sind die Quellen, aus denen sich die Identität Europas als einer Einheit speist, die der Verfassung durch eine gemeinsame Ordnung zugänglich ist? Zum zweiten: Was bedeutet die weitere Entwicklung dieses, auf eine eigenständige Verfasstheit hin strebendes Europa für das Verhältnis von Staat und Nation?Die erste Frage beschäftigt Vaclav Havel in seiner Rede vor dem Karlsplenum in Aachen (1996). Für ihn ist Europa nicht nur ein geographischer Begriff oder "die Gesamtheit der Länder, denen der Kommunismus erspart blieb" und die sich in ihrer Mehrheit in der Europäischen Union zusammen gefunden haben. Europa, das ist für den Philosophen und Staatsmann vor allem "ein gemeinsam geteiltes Schicksal, eine gemeinsame komplizierte Geschichte, gemeinsam geteilte Werte, eine gemeinsame Kultur des Lebens. Und mehr als das: in gewissem Maße ist es auch ein Raum eines bestimmten Willens, Verhaltens und Verantwortungsbewusstseins". Die Grenzen dieses Europa sind nicht genau zu bestimmen. Schon deshalb spreche es sich über dieses Europa schwieriger. Dabei "sollte gerade die Aussprache über dieses Europa am Anfang aller Debatten über Europa und dessen Zukunft stehen". Gemeint ist eine Aussprache "über Europa als eine Welt der Werte, über die europäische geistige Identität, - über die europäische Seele". In diesem Sinne ist Europa für Vaclav Havel "ein einziges unteilbares politisches Gebilde", wenn auch "äußerst vielfältig, vielschichtig und kompliziert strukturiert".Die Aufgabe dieses Europa ist es nicht länger, "die Welt zu beherrschen, in ihr mit Gewalt seine Vorstellung von Wohlstand und Gut zu verbreiten oder ihr seine Kultur auf zu zwingen". Seine einzige sinnvolle Aufgabe im begonnen Jahrhundert kann nur darin bestehen, "sein bestes Selbst zu sein, seine besten geistigen Traditionen ins Leben zurück zu rufen und dadurch auf eine schöpferische Weise eine neue Art des globalen Zusammenlebens mit zu gestalten". Es sei nicht auszuschließen, dass dies das Allerbeste sei, "was Europa für sich selbst, für die Wiederherstellung seiner Identität" tun könne.Die Frage nach den Folgen der europäischen Integration für die Nationalstaaten, allgemeiner gewendet, für das bisherige Verhältnis von Staat und Nation, nimmt Vaclav Havel in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag 1997 auf. Schon zwei Jahre zuvor erinnerte er in seiner Ansprache in der Karlsuniversität an die Überzeugung der Gründer der tschechoslowakischen Republik: Sie könne sich "zu einem wahren Bürgerstaat entwickeln und sich auf die schöpferische Zusammenarbeit aller Bürger und auf Respekt der einen für die nationale Eigenständigkeit des anderen stützen".Dem Bundestag stellte er später die Frage, wie sich der beispiellose Prozess der europäischen Integration auf unsere Vorstellungen von Heimat und Patriotismus auswirken werde: Was für die Europäer in der neuen Ära Heimat darstellen wird, "wie sich ihr Patriotismus mit dem Phänomen des vereinten Europa" und des "Europäertums" vertragen wird und inwieweit "heute noch gültig bleibt, dass unter Heimat einfach der Nationalstaat im klassischen Sinne des Wortes zu verstehen ist und unter Patriotismus nur die Liebe zum eigenen Volk". Die Beschäftigung mit dieser Frage führt ihn zu der Überzeugung, "dass die moderne Welt mit der Zeit die traditionelle Auffassung des Nationalstaates als eines Gipfelpunktes der nationalen Existenz und deshalb als de facto Ende der Geschichte hinter sich läßt". Eine allmähliche Überwindung des Nationalstaates in seiner traditionellen Auffassung könne nach seiner Überzeugung auch dazu fü hren, dass ein "Teil der Gefühle, die bisher dem Nationalstaat gewidmet waren, auch einer Region oder andererseits dem ganzen Kontinent gelten kann".Was Vaclav Havel als eine allgemeine Entwicklung voraus sieht, wird sich im Prozess der Integration Europas zur politischen Union notwendig vollziehen: Die zunächst begriffliche und zunehmend reale Trennung von Staat und Nation durch einen Prozess der Emanzipation der Nation von ihrem bisherigen staatlichen Gehäuse. Die staatlichen Aufgaben, einschließlich der Kernaufgaben des souveränen Staates werden sich im Verlauf der Integration in der Europäischen Union verbinden und so in den übertragenen Bereichen eine europäische Souveränität begründen. Die "Nationes" als Ausdruck einer gemeinsamen Sprache und Kultur, eines gemeinsamen Bewusstseins und gemeinsamer Erfahrungen und Geschichte lassen sich dagegen nicht in gleicher Weise integrieren. Sie werden auch in einem geeinten Europa ihre Selbständigkeit bewahren. Sie werden auch zuk ünftig den Reichtum an Vielfalt gewährleisten, der die einzigartige Identität Europas ausmacht. Sie werden auch fortan die Identitäten der Tschechen und Slowaken, der Polen und Ungarn, der Franzosen und Deutschen bestimmen. Die um ihre wesentlichen Souveränitäten reduzierten Mitgliedstaaten werden die ü bertragenen Rechte als Europäische Union gemeinsam ausüben. Aber diese Souveränitätsgemeinschaft begründet keine vergleichbare Gemeinschaft der "Nationes". Ihnen werden die Mitgliedstaaten mit ihren verbliebenen Kompetenzen auch weiterhin als staatliches Gehäuse dienen.Für die Nationalstaaten, deren "Nationes" sich in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht durch den Staat selbst, sondern durch Eigenschaften definieren, die dem Staat vorgegeben sind, wie Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei oder Irland, bedeutet dies keinen geschichtlichen Bruch. Sie können, wie ihre geschichtliche Entwicklung zeigt, auch ohne umfassend souveränes staatliches Gehäuse weiter bestehen. Sie werden durch die Übertragung aller wesentlichen Souveränitätsrechte auf die EU zwar in ihrer Bedeutung als Staaten reduziert, nicht aber in ihrem inneren Zusammenhalt als eine "Nation". In Deutschland war man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts überzeugt, die deutsche "Nation" im hier verstanden Sinne sei so stark, dass sie mehrere Staaten tragen könne. In Polen, Tschechien oder Irland haben die "Nationes" Jahrhunderte lang auch ohne einen eigenen Staat fortbestanden.Komplizierter sind die Folgen der weiteren Integration Europas für jene Mitgliedstaaten, in denen das Staatsvolk nicht durch eine Nation, sondern durch den Staat definiert wird, der im Laufe seiner Geschichte mehrere "Nationes" miteinander verbunden und, oft gewaltsam, integriert hat (Frankreich, Großbritannien oder Spanien). Ihr staatlich begründeter Zusammenhalt wird durch die europäische Integration und die mit ihr verbundenen Souveränitätsverluste geschwächt. Die innerstaatliche Kohäsion nimmt im Zuge der Übertragung von Souveränitätsrechten auf die EU ab. Das bisherige Gleichgewicht zwischen staatlichem Zusammenhalt und regionaler Eigenständigkeit wird gestört. Die Zentrifugalkräfte unter den durch "Nationes" definierten Teilbereichen des bisherigen Nationalstaates nehmen zu. Sie werden durch das zunehmend staatlich verfasste Europa nicht gebunden, sondern finden in ihm eher eine neue Form der Eigenständigkeit und damit auch einer neuen Art nationaler Identität.Aus bisherigen Nationalstaaten, in denen sich eine "Nation" im hier verstandene Sinne mit dem Staat zum Nationalstaat verbunden hat, werden im Laufe der europäischen Integration national definierte Regionen. Dänemark, Schweden, Norwegen, die Niederlande, Finnland können sich zu Beispielen derartiger, noch immer staatlich verfaßter Regionen entwickeln. In ihrer praktischen Staatlichkeit nähern sie sich mit zunehmender europäischer Integration den jetzigen deutschen Ländern zur Zeit des deutschen Bundes oder des Frühstadiums der Reichsgründung nach 1871 an; im weiteren Verlauf dann der heutigen verfassungsrechtlichen Stellung der Länder innerhalb der Bundesrepublik Deutschland.In den Nationalstaaten, in denen sich mehrere "Nationen" unter einem staatlichen Dach verbunden haben, wächst dagegen der Wunsch nach "nationaler" Selbständigkeit. Er kann sich in einer stärkeren Regionalisierung des bisher zentralistischen Nationalstaates verwirklichen. Ansätze einer derartigen Entwicklung sind bereits in den beiden klassischen zentralistischen Nationalstaaten der EU - Frankreich und Großbritannien - erkennbar. Mit zunehmender Integration können sie sich beschleunigen und - falls ihnen nicht Rechnung getragen wird - zu einer Gefährdung des inneren Zusammenhalts des bisherigen Nationalstaates werden.Wie auch immer sich der weitere Weg Europas zur politischen Einheit gestalten wird: Sicher erscheint mir, dass er uns um ein neues Verständnis der inneren Zusammenhänge von Staat, Nation, Region und Heimat bereichern wird. Unser Preisträger hat uns für diese europäische Zukunft schon jetzt den wichtigsten Wegweiser geschenkt. Denn auch Europa muss sich zu einem wahren Bürgerstaat entwickeln und sich auf die schöpferische Zusammenarbeit all seiner Bürger und auf deren Respekt für die nationalen Eigenständigkeiten der jeweils anderen stü tzen können. Der tschechoslowakische Versuch zweier "Nationes" unter einem staatlichen Dach ist nicht gelungen. Vaclav Havel hat uns die Gründe genannt. Aus dieser Erfahrung können wir lernen. Sein Wille, sein unbeugsamer Glaube an die Kraft der Wahrheit und sein Vorbild geben uns die Hoffnung, dass der Versuch in Europa gelingen kann.