"Holt mich hier raus", sagen die Augen der jungen Australierin. Erschöpft hockt sie auf einem umgestürzten Baumstamm und fächelt sich Luft zu. Der Berliner neben ihr wischt sich mit seinem T-Shirt den Schweiß aus dem Gesicht.

Es ist Mittag im thailändischen Dschungel. Die Luft ist heiß, feucht und schwer. Der siebenköpfigen Abenteuertrupp unter der Führung von Raht, einem jungen Thai, der sich selbst Monkey Man nennt, hat gerade eine von vielen Dschungelprüfungen an diesem Tag bewältigt: Eine halbe Stunde lang ist die Gruppe steil bergauf gestiegen, auf einem Trampelpfad durchs Dickicht, über Wurzeln und Felsen, oft auf allen Vieren. Jetzt, endlich, haben sie einen kleinen Wasserfall mitten im Wald erreicht. "Nehmt ein Bad", schlägt Tourguide Raht vor. Doch niemand will so recht. Was, wenn da Blutegel im Wasser sind? "Nein, kleine gefährliche Tiere gibt es hier nicht. Nur große." Raht grinst. Und was ist mit diesen mittelgroßen Fischen, die an den Zehen knibbeln, wenn man die Füße ins Wasser steckt? "Harmlos", sagt Raht, gähnt und streckt sich noch einmal auf einem Felsen aus, bevor die sechsstündige Trekkingtour durch den Regenwald von Ko Chang weiter geht.

Der Monkey Man sieht aus wie eine Mischung aus Dschungel-Guerillero und Naturforscher: Langer Pferdeschwanz, Ranger-Hut und Flecktarnhose, schwere Stiefel an den Füßen und Spiegelreflexkamera um den Hals. Er spricht leise, fast jeden Satz beendet er mit einem lang nach oben gezogenen "a-ha". "Thai-Zahnpasta, a-ha", sagt er und reicht jedem ein Blättchen. Alle kauen. Würzig, minzig. "Ausspucken, bitte." Zu spät – die Berliner haben schon geschluckt.

Auf ihrer Wanderung erleben die Waldläufer viele Arten von Dschungelgeschmack: Sie schnuppern an Zimtrinden und brennendem Sandelholz, sie riechen den kotartigen Gestank frischen Kautschuks und sie schmecken verschiedene Kräuter, wilde Bananen. Und, ob sie wollen oder nicht, auch Moskitospray, vermischt mit dem Schweiß, der ihnen über das Gesicht rinnt. Und dann können sie den Geschmack von Tom Yam Suppe genießen – wenn sie sich trauen: Raht bückt sich und fängt eine rote Ameise. Vorsichtig hält er sie zwischen zwei Fingern fest. "Tupft mit eurer Zunge an ihren Po, schaut, so!" Raht leckt kurz an der Ameise. "Beißt nicht." Okay, na dann! "Sauer", stellt die Schweizerin fest, die es gewagt hat zu probieren. "In Nordthailand, wo keine Limonen wachsen, machen sie daraus sauer-scharfe Suppe", sagt Raht. Dann lässt er die Ameise wieder laufen.

Den schmalen Pfad durch den Mu Ko Chang Nationalpark hat Raht vor zwei Jahren mit Erlaubnis der Parkverwaltung selbst geschlagen. Seitdem wandert er täglich durch sein Revier, im Winter mit und in der Regenzeit ohne Touristen. Er kennt jeden Baum und jeden Busch. Einmal bleibt er an einem trockenen Flussbett stehen und beginnt im Boden zu graben. Ein Eidechsennest voller runder, weißer Eier. "Woher wusstest du, dass die genau hier…?" "Ich kenne die Eltern, a-ha." Aha.

Natürlich kennt der Monkey Man auch jedes Geräusch im Wald: Der Dschungel kreischt und fiept, bisweilen pocht er auch und keckert. Geckos, Vögel und Affen. Raht entdeckt sie alle, irgendwo im satt-strotzenden Grün. "Da, ein Affe! No see?" Nein, no see, leider. Die ungeschulten Augen der Dschungelnovizen verlieren sich zwischen den dunklen Blättern und Ästen, den Schlingpflanzen und Moosen, und sind irritiert vom gleißenden Sonnenlicht, das in vereinzelten, dünnen Strahlen bis auf den von braunem Laub bedeckten Boden fällt. Einzig die Vogelspinne mit ihren Kindern sehen sie alle: Raht stoppt den trampeligen Trupp rechtzeitig, trotzdem verkriecht sich das Tier schnell in seiner Höhle.

Dann verändert sich der Dschungel, statt überhoher Laubbäume mit dicken Stämmen wuchern jetzt Bambusbüsche, zartgrün, gelb. Es ist heller, sonniger, wärmer. Ja, noch wärmer! Die Luft riecht moderig. Und dann kommen die Mücken. Im Nacken, an den Ohren, an den Handgelenken, überall! Nicht stehen bleiben, weiterlaufen, schnell.

Von wegen, kleine bissige Tiere gibt es hier nicht. Aber, Monkey Man, erzähl doch mal von den großen! "Die Königskobra ist das größte und gefährlichste Tier auf Ko Chang." Letztes Jahr hat er eine gesehen, an zwei Tagen hintereinander. Er hat ein paar Fotos von damals dabei, 3 Meter hatte das Tier – bestimmt! Unter die Kategorie "große Tiere" fällt auf der Insel sonst nur noch das Wildschwein, aber das ist eher ungefährlich.